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Warum die Aufregung über KI in Politikerreden am eigentlichen Problem vorbeigeht

Wer sich über KI-geschriebene Reden empört, sollte lieber darüber diskutieren, wie Algorithmen längst politische Entscheidungen, Sicherheitsbehörden und Verwaltungen beeinflussen.

Stefan Piasecki
8 Min
Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt geriet in die Schlagzeilen, nachdem Analysen ergaben, dass eine seiner Reden weitgehend von KI formuliert wurde.

Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt geriet in die Schlagzeilen, nachdem Analysen ergaben, dass eine seiner Reden weitgehend von KI formuliert wurde.

© Jacob Schröter/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Kohorten der Empörung rüsten sich gegen Politiker und ihre Verwendung Künstlicher Intelligenz beim Erstellen von Reden, Pressemitteilungen oder parlamentarischen Stellungnahmen. Begriffe wie „Täuschung“, „Manipulation“ oder „geistige Faulheit“ stehen im Raum. Der Vorwurf lautet: Wer Texte von einer Maschine schreiben lässt, denkt nicht mehr selbst. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die deutscheste der deutschen Diskussionen um Zukunftstechnologien sich jetzt an der Künstlichen Intelligenz abarbeitet.

Die Sensibilität der Öffentlichkeit kommt indes nicht von ungefähr. Die Bundesrepublik hat in den vergangenen 20 Jahren eine bemerkenswerte Serie von Plagiatsaffären erlebt. Minister, Abgeordnete und Spitzenpolitiker verloren akademische Titel oder politische Ämter, weil sie fremde Gedanken übernommen hatten, ohne deren Herkunft offenzulegen. Diese Fälle erschütterten nicht nur das Vertrauen in einzelne Personen, sondern auch die Vorstellung, dass politische Verantwortung mit persönlicher Leistung und intellektueller Redlichkeit verbunden sein sollte.

Die Skepsis gegenüber Politikern wächst

Gleichzeitig hat sich das Verhältnis vieler Bürger zur Politik verändert. Die Skepsis gegenüber ihren Versprechen wächst seit Jahren. Wahlprogramme werden als Absichtserklärungen verstanden, deren Verbindlichkeit begrenzt ist. Kaum eine Regierung erreicht das Ende einer Legislaturperiode, ohne zentrale Zusagen zu relativieren, umzudeuten oder ganz aufzugeben. Die gegenwärtige Regierung Merz hat die ewige Weltmeisterschaft einer Unterbietung der Halbswertszeit zwischen Verkündigung und Aufhebung eines Versprechens so dramatisch fortgeschrieben, dass ihr die Titelkrone vermutlich lange nicht genommen werden kann.

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Die Frage nach der Authentizität politischer Kommunikation drängt nach vorne. Wer über Steuern, Renten, Bildungsinhalte, Einwanderung, Krieg und Frieden entscheidet, soll nicht nur Macht besitzen, sondern auch Verantwortung übernehmen. Verantwortung für die eigenen Ziele und ihre Plausibilität, die sich auch in Verlautbarungen äußert, die unter Druck und Kritik Bestand haben sollten. Viele Bürger erwarten deshalb zu Recht, dass die Menschen an der Spitze des Staates ihre Gedanken selbst formulieren.

Doch ist diese Erwartungshaltung zu hinterfragen – die öffentliche Debatte behandelt Künstliche Intelligenz häufig so, als wäre sie bereits eine eigenständige politische Instanz. Tatsächlich handelt es sich zunächst um ein Werkzeug.

Ob Politiker KI-Modelle verwenden, ist weniger die Frage als die Bedeutung, die politisch Handelnde ihnen zumessen und einräumen. Wer einen Text verfasst, nutzt seit Jahrzehnten Hilfsmittel, biologische und technische. Rechtschreibprogramme markieren Fehler. Suchmaschinen liefern Hintergrundinformationen. Mitarbeiter recherchieren Fakten nach. Referenten formulieren Entwürfe. Pressestellen glätten Formulierungen. Redenschreiber arbeiten für Minister, Kanzler und Präsidenten seit Generationen. Niemand erwartet ernsthaft, dass jede Rede eines Regierungschefs allein in nächtlicher Einsamkeit entsteht.

Politische Kommunikation war schon immer Teamarbeit. Die Künstliche Intelligenz verändert diese Realität nicht grundsätzlich. Sie beschleunigt sie lediglich. Sie hilft, stilistische Schwächen zu erkennen, Wiederholungen zu markieren, Argumentationslinien sichtbar zu machen oder alternative Formulierungen anzubieten. In dieser Funktion unterscheidet sie sich kaum von einem erfahrenen Mitarbeiter, der gebeten wird, einen Entwurf kritisch gegenzulesen. Die Inanspruchnahme von Hilfen zu skandalisieren, stellt institutionelle Arbeit und assistierte schöpferische Prozesse grundsätzlich infrage. Auch Autoren bitten Lektoren und Testleser um Rat.

Die gegenwärtige <a href="https://www.berliner-zeitung.de/category/friedrich-merz">Regierung Merz</a> hat die ewige Weltmeisterschaft einer Unterbietung der Halbswertszeit zwischen Verkündigung und Aufhebung eines Versprechens so dramatisch fortgeschrieben, dass ihr die Titelkrone vermutlich lange nicht genommen werden kann.

Die gegenwärtige Regierung Merz hat die ewige Weltmeisterschaft einer Unterbietung der Halbswertszeit zwischen Verkündigung und Aufhebung eines Versprechens so dramatisch fortgeschrieben, dass ihr die Titelkrone vermutlich lange nicht genommen werden kann.

© dts Nachrichtenagentur/Imago

KI regt zum Nachdenken an

Zu diskutieren sind jedoch Fragen und Grenzen der politischen Verantwortung und der moralischen Urteilskraft. KI kann Wahrscheinlichkeiten berechnen, aber keine Werte begründen. Sie kann Argumente strukturieren, aber keine Prioritäten setzen. Sie kennt keine Loyalität gegenüber einem Gemeinwesen, keine persönliche Haftung für Fehlentscheidungen und kein Verantwortungsgefühl gegenüber kommenden Generationen. Obwohl auch hier der Wandel erkennbar ist. KI greift ein, wenn ethisch problematische Themen besprochen werden sollen. Sie regt zum Nachdenken an und schlägt Alternativen vor. Gleichwohl bleibt die zentrale politische Aufgabe menschliches Werk.

Die Entscheidung darüber, welche Ziele verfolgt werden sollen, welche Risiken vertretbar erscheinen und welche Interessen Vorrang besitzen, kann nicht delegiert werden. Colin Crouch hat vor 20 Jahren vor der Aushöhlung demokratischer Prozesse durch nicht gewählte Schattenbürokratien gewarnt. Heute wäre Technologie zu ergänzen, deren Primat demokratischen Entscheidungen die Legitimation entzöge.

Moderne Sprachmodelle verweisen auf diese Grenze oft deutlicher als manche ihrer Kritiker. Fragt man KI nach moralischen oder politischen Entscheidungen, betonen sie die Notwendigkeit menschlicher Verantwortung. Die Maschinen selbst behaupten nicht, Politiker ersetzen zu können. Diese Vorstellung entsteht in den Köpfen ihrer Kritiker.

Joseph Weizenbaum, Pionier der Computertechnologie und Autor des Buches „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“

Joseph Weizenbaum, Pionier der Computertechnologie und Autor des Buches „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“

© Horst Galuschka/Imago

Sichtbare und leicht verständliche Anwendungsfelder

Die deutsche Diskussion über Künstliche Intelligenz weist darüber hinaus ein bemerkenswertes historisches Muster auf. Neue Technologien wurden hierzulande selten zuerst als Chance wahrgenommen. Häufig überwog zunächst die Sorge. Als der Buchdruck im 15. Jahrhundert Europa veränderte, begegneten ihm viele kirchliche Autoritäten mit Misstrauen. Nicht ohne Grund. Die neue Technik entzog die Verbreitung von Wissen der Kontrolle etablierter Institutionen. Martin Luther und andere Reformatoren nutzten die Druckerpresse mit bis dahin unbekannter Geschwindigkeit und Reichweite. Die technische Innovation beschleunigte einen gesellschaftlichen Konflikt, der ohnehin vorhanden war.

Im 19. Jahrhundert entstanden ähnliche Debatten über die Eisenbahn. Kritiker warnten vor den gesundheitlichen Folgen hoher Geschwindigkeiten. Manche Ärzte befürchteten psychische und körperliche Schäden durch die rasante Fortbewegung mit 34 km/h. Heute wirken solche Warnungen kurios, damals erschienen sie vielen plausibel.

Die aufkommende Kunstform des Musicals wurde der Profanisierung und Verbreitung von Prostitution beschuldigt. Ähnliches wiederholte sich bei Film, Radio, Fernsehen, Comics und Computerspielen. Befürchtungen kreisten um kulturellen Verfall, soziale Vereinsamung oder geistige Abstumpfung. Einige dieser Sorgen erwiesen sich als unbegründet, andere enthielten berechtigte Hinweise auf neue Risiken. Gemeinsam war ihnen jedoch, dass die Debatte häufig stärker auf die sichtbare Technologie als auf die dahinterliegenden gesellschaftlichen Veränderungen gerichtet war.

Genau dieses Muster lässt sich auch bei der Künstlichen Intelligenz beobachten. Die gegenwärtige Diskussion konzentriert sich auf Politikerreden, akademische Arbeiten oder journalistische Texte. Das sind sichtbare und leicht verständliche Anwendungsfelder. Gleichzeitig droht dadurch der Blick auf jene Bereiche vergessen zu werden, in denen automatisierte Systeme seit Jahrzehnten weitreichendere Folgen entfalten. Ein Blick in die Geschichte der Informatik verdeutlicht dies.

Weizenbaum beobachtet Erstaunliches

1966 entwickelte der amerikanische Informatiker Joseph Weizenbaum das Programm Eliza. Es simulierte in einfacher Form ein psychotherapeutisches Gespräch. Technisch betrachtet war das System äußerst primitiv. Dennoch beobachtete Weizenbaum etwas Erstaunliches. Menschen begannen, dem Programm persönliche Probleme anzuvertrauen. Mitarbeiter wollten mit dem Computer allein sein, um ungestört mit ihm zu sprechen. Die emotionale Bindung an Maschinen entstand also nicht erst im Zeitalter moderner Chatbots.

Weizenbaum reagierte darauf mit wachsender Skepsis. In seinem 1976 erschienenen Buch „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ formulierte er eine Warnung, die heute bemerkenswert aktuell erscheint. Seine Sorge galt nicht der Rechenleistung von Maschinen, sondern der Bereitschaft von Menschen, Verantwortung an technische Systeme abzugeben.

Keine Maschine kann diese Aufgabe erfüllen

In der Spätphase des Vietnam-Krieges diskutierten Militärs über computergestützte Entscheidungsprozesse zur Verschleierung menschlicher Verantwortung für Kollateralschäden, die als Kriegsverbrechen angeklagt werden könnten. Gleichzeitig entwickelten Sicherheitsbehörden Vorstellungen einer technisch unterstützten Überwachung großer Bevölkerungsgruppen. Diese Diskussionen fanden zu einem Zeitpunkt statt, als die meisten Menschen Computer als wissenschaftliche Spezialgeräte wahrnahmen. Aber mit der Einführung der ersten Heimcomputer wie dem TRS-80 im Jahr 1977 boomte bei Heimanwendern sofort … Eliza.

Wer heute die Nutzung Künstlicher Intelligenz durch Politiker kritisiert, richtet seinen Blick oft auf einen vergleichsweise kleinen Ausschnitt eines wesentlich größeren technologischen Wandels. Interessant ist weniger, ob ein Minister seine Rede mithilfe eines Sprachmodells formuliert, sondern wie weit algorithmische Systeme bereits in sicherheitspolitische, militärische, wirtschaftliche und administrative Entscheidungsprozesse eingedrungen sind.

Eine Gesellschaft, die sich vornehmlich darüber empört, dass ein Abgeordneter eine Formulierungshilfe nutzt, während sie automatisierte Prognosesysteme, Überwachungsalgorithmen oder KI-gestützte Militärtechnik kaum diskutiert, die hochproblematische Anwendungen wie jene von Palantir für deutsche Behörden propagiert und der Kontroll- und Datensammelwut der EU-Kommission desinteressiert gegenübersteht, verwechselt Symptom und Ursache. Politiker sollten moderne Werkzeuge nutzen dürfen. Sie sollten sie sogar nutzen. Niemand gewinnt etwas dadurch, dass politische Entscheidungsträger bewusst auf technische Hilfsmittel verzichten. Effizienz ist kein Makel, ebenso wenig gute Vorbereitung, Unterstützung bei Recherche, Stilistik oder Strukturierung. Die Auslagerung politischer Verantwortung wäre ein Problem.

Politik darf sich von Künstlicher Intelligenz helfen lassen. Ihre Urteilskraft darf sie jedoch nicht durch sie ersetzen. Politische Führung besteht darin, Ziele zu definieren, Interessen abzuwägen, Risiken zu tragen und Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns zu übernehmen. Keine Maschine kann diese Aufgabe erfüllen. Der Zweifel ist berechtigt, ob Politiker diese Aufgabe überhaupt noch erfüllen wollen. Die Delegation von Überzeugungen und Entscheidungen an Künstliche Intelligenz wäre kein Versagen der Technologie, sondern der handelnden politischen Klasse selbst.

Stefan Piasecki ist Professor für Soziologie und Politikwissenschaften an einer Verwaltungshochschule. Er promovierte in Politik- sowie Medienwissenschaften und wurde habilitiert in Religionspädagogik.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit
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