Das International Peace Bureau (IPB) hat am Montag einen Aufruf des Netzwerks „Support Network for Deserters“ verbreitet, der die Europäische Union zu einem geregelten Schutz von Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern aus Russland und der Ukraine auffordert.
Die Verweigerung der Teilnahme am Krieg solle in allen EU-Staaten als eigenständiger Asylgrund anerkannt werden, heißt es in dem auf der IPB-Website veröffentlichten Text. Das IPB ist ein 1891 gegründetes internationales Friedensnetzwerk mit Hauptsitz in Berlin, das 1910 den Friedensnobelpreis erhielt.
Konkret nennen die Initiatoren drei Forderungen: die Anerkennung von Fahnenflucht und unerlaubtem Entfernen von der Truppe als Asylgrund, die Ausstellung humanitärer Dokumente für Betroffene ohne Reisepass sowie eine breite Information über mögliche Schutzwege. Die Verfasser begründen dies damit, dass viele russische Staatsbürger zum Militärdienst gezwungen worden seien. Ausdrücklich erkennen sie auch ein Recht auf Schutz ukrainischer Deserteure an.
Verschärfungspläne in mehreren EU-Staaten
Anlass des Aufrufs sind nach Darstellung des Netzwerks Überlegungen in der EU, die Einreise russischer Staatsbürger, die am Krieg teilgenommen haben, deutlich zu beschränken. Einige Mitgliedstaaten lehnten Asylanträge russischer Deserteure inzwischen systematisch ab. In Deutschland würden seit Anfang 2026 entsprechende Anträge zunehmend abgelehnt. In Frankreich habe das zuständige Gericht CNDA Fahnenflucht zwar grundsätzlich als möglichen Asylgrund anerkannt, Schutz aber nur in wenigen Fällen gewährt.
Wie das russische Exilmedium Novaya Gazeta Europe berichtete, hatten Anfang März acht EU-Staaten, darunter Deutschland und Polen, in einem Brief an Kommissions- und Ratspräsidium strengere Visaregeln für Russen gefordert, die in der Ukraine gedient haben. Die Unterzeichner verwiesen auf Sicherheitsrisiken im Schengen-Raum.
Zehntausende Strafverfahren in Russland
Das russische Exilmedium Mediazona berichtete im Juni 2025, dass russische Militärgerichte bis Ende Mai 2025 mehr als 20.000 Strafverfahren gegen Soldaten wegen Verweigerung des Dienstes registriert hätten. Das Netzwerk selbst spricht von 100.000 bis 120.000 Fällen der Verweigerung seit Kriegsbeginn, von denen 15 bis 20 Prozent strafrechtlich verfolgt würden.
Auch ukrainische Statistiken zeigen hohe Fallzahlen: Die ukrainische Onlinezeitung Ukrainska Pravda berichtete unter Berufung auf das Büro des Generalstaatsanwalts, von Januar bis Juli 2025 seien 110.511 Verfahren wegen unerlaubten Entfernens von der Truppe registriert worden. Das ukrainische Nachrichtenportal Hromadske meldete allein für Oktober 2025 18.909 neue Verfahren wegen dieses Delikts und 2276 wegen Desertion.
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