Die international gesuchte Hauptverdächtige im Fall des Bombenanschlags auf den ukrainischen Ex-Oligarchen Wadym Jermolajew in Monaco ist tot. Anastasiia Berezovska wurde am Montagabend in der Umgebung von Kiew erschossen aufgefunden, wie die ukrainische Nationalpolizei am Dienstag bestätigte. Zwei Männer wurden unter Mordverdacht festgenommen.
Einer der Verdächtigen ist nach Angaben der Polizei ein aktiver Mitarbeiter des ukrainischen Militärgeheimdienstes HUR. Er habe die Tötung der 39-Jährigen gestanden und den zweiten Festgenommenen, einen früheren Mitarbeiter einer Strafverfolgungsbehörde, als Komplizen bezeichnet. Der Geheimdienstmitarbeiter erklärte demnach, er habe „auf eigene Initiative“ gehandelt.
Seine Vorgesetzten habe er weder über seine Kontakte zu Berezovska noch über Zahlungen an sie informiert. Ob das Geständnis bereits überprüft werden konnte und welches Motiv der Mann für die Tötung nannte, teilte die Polizei zunächst nicht mit.
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Zahlungen per Bank und Kryptowährungen
Berezovska war nach Angaben der Ermittler am 1. Juli in die Ukraine zurückgekehrt, zwei Tage nach dem Anschlag in Monaco. Danach habe sie mit ihrer Familie und den beiden nun festgenommenen Männern kommuniziert. Die Ermittler stellten demnach fest, dass beide Männer wiederholt Geld per Banküberweisung und in Form von Kryptowährungen an sie geschickt hatten. Wegen dieser Zahlungen wurden die Männer zunächst auch als mögliche Beteiligte an dem Anschlag auf Jermolajew behandelt. Bei anschließenden Fahndungs- und Durchsuchungsmaßnahmen habe der HUR-Mitarbeiter schließlich die Tötung Berezovskas gestanden.
Im Wohnhaus des früheren Strafverfolgers stießen Ermittler auf einen Kellerraum, der nach Darstellung der Nationalpolizei einer Folterkammer ähnelte. Ob der Raum mit Berezovskas Tod, dem Anschlag in Monaco oder anderen Straftaten zusammenhängt, ist nicht bekannt. Angaben zu möglichen Spuren oder Opfern machte die Behörde zunächst nicht.
Damit reicht der Fall inzwischen bis in staatliche ukrainische Sicherheitsstrukturen. Ungeklärt bleibt jedoch, ob der Geheimdienstmitarbeiter tatsächlich allein handelte, wer die Bombe in Monaco in Auftrag gab und warum Berezovska kurz nach ihrer Rückkehr in die Ukraine getötet wurde.
Monacos Sicherheitschef Eric Arella zeigt bei einer Pressekonferenz ein Foto der Hauptverdächtigen Anastasiia Berezovska.
© Jean François Ottonello/imago
Verdächtige soll als Mann verkleidet gewesen sein
Interpol hatte Berezovska wenige Tage zuvor mit einer sogenannten Red Notice zur internationalen Fahndung ausgeschrieben. Monaco suchte sie wegen versuchten Mordes, des Platzierens eines Sprengsatzes an einem öffentlichen Ort und der Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung. Eine Red Notice ist eine Aufforderung an Polizeibehörden weltweit, eine gesuchte Person ausfindig zu machen und gegebenenfalls vorläufig festzunehmen. Sie ist kein internationaler Haftbefehl.
Die Ermittler gehen davon aus, dass Berezovska bei dem Anschlag als Mann verkleidet war. Auf den zunächst veröffentlichten Überwachungsbildern war eine kräftige Person mit dunklem Oberteil, hellen Shorts und schwarzem Fischerhut zu sehen. Erst die Auswertung weiterer Aufnahmen und die Aussage eines Zeugen führten nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Monaco zu der 39-jährigen Ukrainerin.
Berezovska soll das Gebäude bereits in den Tagen vor dem Anschlag mehrfach beobachtet haben. Am Abend der Tat habe sie auf einer Bank in der Nähe gewartet, bis Jermolajew, seine Partnerin und deren 13 Jahre alter Sohn von einem Restaurant zurückkehrten. Anschließend soll sie den mit Schrauben und Metallkugeln gefüllten Sprengsatz aus einer Tasche genommen, am Eingang des Wohnhauses abgelegt und aus kurzer Entfernung ferngesteuert gezündet haben. Die Behörden in Monaco gehen davon aus, dass die Familie gezielt angegriffen wurde.
Flucht führte über Frankreich nach Deutschland
Nach der Explosion verließ Berezovska das Fürstentum nach Darstellung der monegassischen Ermittler zu Fuß und überquerte die nahe Grenze nach Frankreich. Dort stieg sie in einen in Deutschland gemieteten Wagen. Die Fluchtroute führte nach bisherigen Erkenntnissen über Italien und weitere europäische Staaten zurück nach Deutschland. Später soll sie im Raum Frankfurt gesehen worden sein. Deutsche Ermittler durchsuchten eine von ihr gemietete Wohnung im Main-Taunus-Kreis und stellten den mit ihr in Verbindung gebrachten Wagen sowie weitere mögliche Beweismittel sicher.
Nach Angaben ukrainischer Ermittler hatte sich Berezovska seit dem 22. März 2025 außerhalb der Ukraine aufgehalten. Am 1. Juli 2026 kehrte sie in das Land zurück. Wie sie zu diesem Zeitpunkt trotz der laufenden Fahndung bis in die Ukraine gelangen konnte, ist weiterhin ungeklärt.
Monacos stellvertretender Staatsanwalt Morgan Raymond hatte bereits erklärt, Berezovska habe vermutlich nicht allein gehandelt. Die Vorbereitung der Tat und die Konstruktion des ferngezündeten Sprengsatzes deuteten auf Helfer und möglicherweise einen Auftraggeber hin. Zwei zunächst in Monaco festgenommene Personen waren wieder freigelassen worden, weil sich der Verdacht gegen sie nicht erhärtete.
Bombe verletzte drei Menschen
Der Sprengsatz explodierte am 29. Juni kurz vor 21 Uhr im Eingangsbereich einer Wohnanlage nahe der französischen Grenze. Jermolajew, seine Partnerin und deren Sohn wurden verletzt. Die monegassischen Behörden haben ihre Namen offiziell nicht veröffentlicht, mehrere internationale Medien identifizierten die Familie jedoch übereinstimmend. Die Frau erlitt besonders schwere Verletzungen. Britische und französische Medien berichteten, dass ihr beide Beine amputiert werden mussten. Jermolajew befand sich zunächst ebenfalls in Lebensgefahr, sein Zustand stabilisierte sich später. Die Verletzungen des Kindes galten als weniger schwer.
Die Staatsanwaltschaft in Monaco ermittelt wegen versuchten Mordes und des Platzierens eines Sprengsatzes im öffentlichen Raum. Einen terroristischen Hintergrund schlossen die Behörden aus. Zum ersten Mal in der Geschichte des besonders streng überwachten Fürstentums war ein derartiger Anschlag verübt worden.
Spur führt zu betrügerischen Callcentern
Jermolajew gründete in Dnipro die Industrie- und Handelsgruppe Alef und gehörte zeitweise zu den 100 reichsten Menschen der Ukraine. Das Magazin Forbes Ukraine schätzte sein Vermögen 2021 auf rund 220 Millionen US-Dollar. Später soll die Familie auch Verbindungen zu einem Netzwerk betrügerischer Callcenter unterhalten haben, das Verbraucher in Europa und Russland ins Visier nahm. Jermolajews Sohn Artur wurde 2025 auf Zypern festgenommen und nach Estland ausgeliefert. Dort wurde er nach Medienberichten wegen des Betriebs eines Betrugszentrums verurteilt, das Opfer um mehr als 100 Millionen Euro gebracht haben soll.
Experten und ukrainische Medien halten deshalb auch einen Racheakt aus dem kriminellen Callcenter-Milieu für möglich. Denkbar sei, dass Artur Jermolajew im Zuge einer Vereinbarung mit estnischen Ermittlern Informationen über Komplizen oder weitere Profiteure geliefert habe. Für einen Zusammenhang mit dem Anschlag in Monaco haben die Ermittlungsbehörden bislang jedoch keine öffentlich nachvollziehbaren Beweise vorgelegt.
Wadym Jermolajew gab 2019 seine ukrainische Staatsangehörigkeit auf und nahm die zyprische an. Die ukrainische Regierung belegte ihn 2023 wegen mutmaßlicher Geschäftsverbindungen auf die von Russland besetzte Krim mit Sanktionen. Jermolajew bestreitet die Vorwürfe.
Über das Motiv des Anschlags gibt es weiterhin mehrere Theorien. Medien berichteten über mögliche Konflikte im organisierten Verbrechen, nicht beglichene Schulden und eine Beteiligung ukrainischer Sicherheitsstrukturen. Der festgenommene Geheimdienstmitarbeiter und die Geldzahlungen an Berezovska geben diesen Fragen neue Brisanz. Noch ist aber weder geklärt, wer den Anschlag in Auftrag gab, noch ob Berezovskas Ermordung Spuren beseitigen sollte oder einen anderen Hintergrund hatte.
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