Einmal im Jahr schwingt sich der Minister – jetzt Ministerpräsident – Sven Schulze (CDU) aufs Fahrrad und radelt durchs Land. Am Mittwochmorgen um acht Uhr macht er seinen ersten Stopp – in Halle (Saale). Und nicht an irgendeinem Ort in der Stadt, sondern auf dem Riebeckplatz – dem zukünftigen Standort des Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation.
Autos fahren vorbei, Wind pfeift um die Ohren und noch wächst auf dem Grundstück vor allem Gras. Dass hier einmal eines der ambitioniertesten Kultur- und Gesellschaftsprojekte des Landes entstehen soll, braucht derzeit noch etwas Vorstellungskraft. Eine große Visualisierungstafel zeigt den Besuchenden jedoch schon mal, wie es hier einmal aussehen soll. „Wenn hier eine Baustelle entsteht, dann ist schon mal der erste Schritt getan, dass die Leute merken: Es wird konkret, das gibt es wirklich“, sagt Uta Bretschneider, die Programmdirektorin des Zentrums.
Der sichtbare Baustart werde ein wichtiger Meilenstein sein. Gleichzeitig wachse die Vorfreude darauf, das Gebäude später auch in Nutzung zu erleben, so Bretschneider. Das Zukunftszentrum soll künftig zu den markantesten Bauwerken der Stadt gehören. Bretschneider sprach von einer „absoluten Landmarke“, die Menschen anziehen werde. Auch städtebaulich könne das Projekt dem Riebeckplatz neue Impulse geben. „Architektonische Besonderheiten kann es hier brauchen“, sagte sie.
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Für Ministerpräsident Schulze, der im Rahmen seiner Sommertour mit dem Fahrrad durch Sachsen-Anhalt derzeit mehr als 600 Kilometer und rund 50 Stationen absolviert, ist das Zukunftszentrum ein wichtiger Baustein für die Entwicklung der Saalestadt. „Am Ende geht es darum, Halle weiterzuentwickeln“, sagte er. Er hofft auf mehr Besucher, die Halle kennenlernen und positiv über die Stadt sprechen. „Das Image wird sich noch mal verbessern, der Riebeckplatz wird verändert sein.“
Mehr als ein Museum über Deutsche Geschichte
Bretschneider betonte, dass es sich ausdrücklich nicht um ein klassisches Museum handeln werde. „Es wird eine Institution, wie wir sie so noch nicht kennen“, sagte sie. Dafür müsse man sich von vertrauten Denkmustern lösen und offen für neue Formate sein.
Im Mittelpunkt sollen die Erfahrungen der Menschen stehen – aus Halle, Sachsen-Anhalt, Ost- und Westdeutschland sowie aus anderen europäischen Ländern. „Diese Erfahrungen als zentraler Inhalt einer Institution, das gibt es noch nicht“, sagte Bretschneider. Gerade in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche sei es wichtig, Erfahrungen sichtbar zu machen und wertzuschätzen. Zugleich sollen junge Menschen stärker einbezogen werden. Ziel sei es, aus vergangenen Transformationsprozessen Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen. Die Einbindung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen treibt das Zentrum schon jetzt mit dem Format „Junges Zukunftszentrum“ voran. Bei Treffen, Workshops und Gesprächsrunden können junge Menschen hier ihre Wünsche, Ideen und Vorstellungen mit einbringen.
Sven Schulze (CDU) fährt im Rahmen seiner Sommertour mit dem Fahrrad durch Halle und besichtigte das Baufeld des geplanten Zukunftszentrums.
© Jan Woitas/dpa
Ein zentraler Schwerpunkt wird dabei auch die Deutsche Einheit sein. Allerdings nicht als historisches Ereignis, das mit dem Jahr 1990 abgeschlossen wurde. Vielmehr verstehe das Zukunftszentrum die Einheit als einen fortdauernden Prozess, erklärt Bretschneider. „Die Deutsche Einheit hat ja viele Denkmale, aber die Zeit nach der Deutschen Einheit oder vielmehr die Deutsche Einheit als langer Prozess, das ist, glaube ich, was uns umtreiben wird“, erklärt sie. Der Prozess des Zusammenwachsens dauere „in Teilen bis heute fort“.
Diese Perspektive soll sich in Forschung, Ausstellungen und Veranstaltungen wiederfinden. Dabei sollen auch Stimmen gehört werden, die in der Erinnerung an die Transformationszeit bislang oft wenig Beachtung finden, etwa die Erfahrungen von Migrantinnen und Migranten.
Halle als europäischer Begegnungsort
Neben der deutschen Einheit bildet die europäische Transformation das zweite große Themenfeld des Hauses. Dabei geht es um die Veränderungen in Mittel- und Osteuropa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ebenso wie um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen in Europa.
„Diese Zukunftsdimensionen wirklich auch europäisch denken und Halle zu einem Zentrum für Europäerinnen und Europäer zu machen, das ist keine kleine Aufgabe, aber ich finde, eine ganz wunderbare“, so Bretschneider. Auch Schulze sieht in dem Projekt einen Ort, an dem die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte sichtbar werden können. Die Zeit nach der Wiedervereinigung sei für viele Menschen von harter Arbeit und Entbehrung geprägt gewesen. „Noch nicht alles ist erreicht, aber viel ist schon auf den Weg gebracht“, sagte der Ministerpräsident. Zugleich könne Sachsen-Anhalt stolz darauf sein, wie sich das Land seit der deutschen Einheit entwickelt habe.
Mit dem Zukunftszentrum soll diese Entwicklung künftig nicht nur erforscht und diskutiert, sondern auch für Besucher aus Deutschland und Europa erlebbar gemacht werden – mitten auf dem Halleschen Riebeckplatz.
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