Der Harz bleibt auch künftig ohne Oberzentrum. Das sieht der neue Landesentwicklungsplan Sachsen-Anhalts vor – und sorgt in der Region für erheblichen Unmut. Halberstadts Oberbürgermeister Daniel Szarata (CDU) kündigte bereits an, gegen die Entscheidung des Landes klagen zu wollen. Aus Sicht der Harzer geht es dabei nämlich um weit mehr als einen verwaltungstechnischen Begriff. Die Frage berührt die medizinische Versorgung, die Infrastruktur und die Entwicklungschancen der gesamten Region.
Doch was ist überhaupt ein Oberzentrum? In der Raumplanung des jeweiligen Landes werden Städte nach ihrer Bedeutung für die Region und Aufgaben für die Menschen in ihrer Region eingeordnet. Es gibt Grundzentren, Mittelzentren und jene Oberzentren, um die sich hier gestritten wird. Kleinere Orte übernehmen die Grundversorgung, etwa mit Schulen, Einkaufsmöglichkeiten oder Arztpraxen. Mittelzentren bieten darüber hinausgehende Angebote. Oberzentren bilden die höchste Stufe. Sie bündeln Einrichtungen und Dienstleistungen, die Menschen nicht täglich benötigen, die aber für eine Region unverzichtbar sind – beispielsweise spezialisierte medizinische Versorgung, Hochschulen, größere Kultur- und Bildungseinrichtungen oder wichtige Verwaltungs- und Wirtschaftsstandorte.
In Sachsen-Anhalt gibt es derzeit drei Oberzentren: Halle (Saale), Magdeburg und Dessau-Roßlau. Für die Regionen Altmark und Harz existiert dagegen bislang kein eigenes Oberzentrum. Stendal und Halberstadt besitzen lediglich den Status eines Mittelzentrums mit oberzentralen Teilfunktionen. Und genau hier sehen viele Kommunalpolitiker das Problem. Nach Auffassung der Harzer Städte werden die besonderen Herausforderungen in den ländlichen Regionen im aktuellen System nicht ausreichend berücksichtigt.
Warum ein Oberzentrum im Harz entstehen soll
Die Idee eines funktionsteiligen Oberzentrums Harz ist nicht neu: Im niedersächsischen Harz bilden Bad Harzburg, Clausthal-Zellerfeld, Goslar und Seesen einen „mittelzentralen Verbund mit oberzentralen Teilfunktionen“.
Hintergrund sind der demografische Wandel und die Sorge, dass hochwertige Versorgungsangebote in dünner besiedelten Regionen zunehmend verloren gehen könnten. Aber warum gerade Halberstadt, Quedlinburg und Wernigerode?
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Die drei Städte bilden das wirtschaftliche, kulturelle und administrative Rückgrat im Landkreis Harz. Eine vom Land Sachsen-Anhalt in Auftrag gegebene Studie kam zu dem Ergebnis, dass sie gemeinsam die Aufgaben eines Oberzentrums erfüllen können. Während Halberstadt vor allem Verwaltungsfunktionen übernimmt, punktet Wernigerode als Wirtschafts- und Hochschulstandort. Quedlinburg bringt seine Bedeutung als Kultur- und Tourismuszentrum ein. Zusammen versorgen die drei Städte so große Teile des Harzes mit Angeboten, die sonst nur in Oberzentren zu finden sind.
Befürworter argumentieren, dass der Harz bereits heute viele oberzentrale Funktionen erfüllt. Halberstadt, Quedlinburg und Wernigerode verfügen zusammen über Krankenhäuser, Bildungseinrichtungen, kulturelle Angebote, Behörden und wirtschaftliche Schwerpunkte. Hinzu kommt ein geografisches Argument: Nach den Vorgaben der Raumplanung sollen Oberzentren für die Bevölkerung innerhalb bestimmter Zeiträume erreichbar sein. Genau daran gibt es im Harz Zweifel. Aus einigen Teilen der Region sind die bestehenden Oberzentren Magdeburg oder Halle nicht innerhalb der vorgesehenen Zeitfenster erreichbar.
Hoffnung auf bessere Versorgung
Als Grund, dass es im Harz ein Oberzentrum braucht, wird in Debatten häufig die medizinische Versorgung aufgeführt. Halberstadts Oberbürgermeister Daniel Szarata verweist darauf, dass die Zuordnung des Harzes zum Oberzentrum Magdeburg in der Praxis zu Problemen führen könne. Zwar seien dort ausreichend Fachärzte vorhanden. Für Menschen aus Orten wie Benneckenstein oder Wülperode seien die Wege jedoch lang.
Doch trotz der positiven Studie hat das Land Sachsen-Anhalt die Forderung nach einem Oberzentrum im neuen Landesentwicklungsplan nicht umgesetzt. Die Voraussetzungen sind offenbar noch nicht ausreichend erfüllt. Stattdessen wird die Möglichkeit einer späteren Entwicklung offengehalten. Für Szarata ist die Entscheidung nicht nachvollziehbar und nicht hinnehmbar. Er kritisiert, dass die Ergebnisse der vom Land selbst beauftragten Untersuchung weitgehend ignoriert worden seien. Die Frage könne nicht auf unbestimmte Zeit vertagt werden. Entweder erfülle die Region die Kriterien für ein Oberzentrum – oder eben nicht.
Die Stadt Halberstadt will nun rechtliche Schritte prüfen. Ziel einer möglichen Klage gegen das Land Sachsen-Anhalt ist es, die Anerkennung eines funktionsteiligen Oberzentrums Harz doch noch durchzusetzen. Ob sich Quedlinburg und Wernigerode einer Klage anschließen werden, ist derzeit noch offen.
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