„Der Herr der Ringe“

In der DDR fast vergessen: Dieses echte Hobbit-Dorf im Harz liegt nahe Berlin

Zu DDR-Zeiten gerieten die historischen Höhlenwohnungen in Langenstein in Vergessenheit. Heute ist das Hobbit-Dorf im Harz ein beliebtes Ausflugsziel.

4 Min
Wie ein Hobbit-Haus im Harz: Die Höhlenwohnungen von Langenstein wurden Mitte des 19. Jahrhunderts direkt in den Sandsteinfelsen geschlagen und waren bis 1916 bewohnt.

Wie ein Hobbit-Haus im Harz: Die Höhlenwohnungen von Langenstein wurden Mitte des 19. Jahrhunderts direkt in den Sandsteinfelsen geschlagen und waren bis 1916 bewohnt.

© S. Ziese/IMAGO

Manche Ausflugsziele wirken, als hätte ein Fantasy-Autor sie erfunden. Die Höhlenwohnungen von Langenstein gehören dazu. Gut zwei Autostunden von Berlin entfernt, am Nordrand des Harzes, stecken zwölf komplette Wohnungen direkt im Sandsteinfelsen. Mit Türen, Fenstern, Gardinen und kleinen Vorgärten.

Wer davorsteht, denkt sofort an die Hobbit-Häuser aus „Der Herr der Ringe“. Doch das hier ist keine Filmkulisse, sondern es waren echte Wohnungen – bewohnt bis 1916.

Wohnstube im Fels: Historische Möbel, Spinnrad und Spitzendecke vor rohem Sandstein – so richtete der Verein eine der Höhlenwohnungen in Langenstein wieder ein.

Wohnstube im Fels: Historische Möbel, Spinnrad und Spitzendecke vor rohem Sandstein – so richtete der Verein eine der Höhlenwohnungen in Langenstein wieder ein.

© S. Ziese/IMAGO

Warum Menschen sich Häuser in den Fels schlugen

Die Geschichte dahinter hat mit Fantasy nichts zu tun. Um 1850 herrschte in Langenstein massive Wohnungsnot. Zwölf junge Landarbeiterfamilien hatten Arbeit auf dem Gut, aber kein Dach über dem Kopf. Die Lösung kam vom Gemeinderat: Er empfahl den Familien, sich am Schäferberg selbst Wohnungen in die weichen Sandsteinfelsen zu graben. Für acht Groschen Baugeld gab es beim Bürgermeister einen Bauplatz und lebenslanges Wohnrecht. Eigentum aber nicht.

Mit Hammer, Meißel und Spitzhacke entstanden so zwischen 1855 und 1858 zehn Wohnungen am Schäferberg. Zwei weitere lagen an der Altenburg auf der anderen Ortsseite.

Kalt und ärmlich? Von wegen

Man könnte die Höhlen für Elendsquartiere halten. Historiker widersprechen allerdings. Jede Wohnung hatte rund 30 Quadratmeter: Wohnstube, Schlafraum, oft ein Kinderzimmer und eine Vorratskammer. Fenster gab es nur an der Vorderseite, die hinteren Räume lagen komplett im Fels.

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Geheizt wurde mit Öfen, deren Schornsteine senkrecht durch den Stein nach oben führten. Im Sommer blieb es angenehm kühl, im Winter hielten die dicken Sandsteinwände die Wärme.

Damit entsprachen die Höhlen dem Wohnstandard ihrer Zeit. Über den Schornsteinen grasten allerdings Schafe – was den Nachbarn einen deftigen Spottvers wert war: „In Langenstein, in Langenstein, da schieten de Schaape in Schornstien rein!“

Gemütlich trotz Sandsteinwänden: Blick in eine eingerichtete Höhlenwohnung in Langenstein bei Halberstadt

Gemütlich trotz Sandsteinwänden: Blick in eine eingerichtete Höhlenwohnung in Langenstein bei Halberstadt

© Stefan Ziese/IMAGO

Der letzte Höhlenbewohner zog 1916 aus

Bis um 1900 waren die zehn Wohnungen am Schäferberg bewohnt. Danach zogen die Familien in normale Häuser, die Höhlen dienten noch als Stall oder Vorratskeller. Am längsten hielt ein Mann durch: Karl Rindert lebte bis 1916 in der Höhle an der Altenburg. Er ging angeblich nur widerwillig, aus gesundheitlichen Gründen. In der Felswohnung, so soll er gesagt haben, sei er dem Herrgott ein Stück näher gewesen.

Eine andere Höhle, die Schmidthöhle, erinnert bis heute an das Ehepaar Karoline und Ludwig Schmidt. Er verdiente sein Geld als Drehorgelspieler.

In der DDR fast vergessen

Zu DDR-Zeiten geriet die Anlage weitgehend in Vergessenheit. Die Höhlen waren verschlossen oder wurden nur noch als Lagerkeller genutzt. Erst nach der Wiedervereinigung richtete der Verein Langensteiner Höhlenwohnungen mehrere Wohnungen originalgetreu her. Seit 2022 stehen sie als Baudenkmal unter Schutz.

Heute sind mehrere Höhlen als kleines Freilichtmuseum eingerichtet, mit historischen Möbeln, Küchen und Haushaltsgegenständen. Selbst während der Corona-Pandemie kamen rund 15.000 Besucher im Jahr.

Höhlenwohnungen Langenstein: Anfahrt und Öffnungszeiten

Die Höhlenwohnungen liegen am Schäferberg 35 in 38895 Langenstein, einem Ortsteil von Halberstadt in Sachsen-Anhalt. Von Berlin sind es gut zwei Stunden mit dem Auto, meist über die A2 und die B81. Parken kann man am Ölmühlenteich oder an der Osterbergstraße.

Der Zugang ist frei. In der Sommersaison (April bis Oktober) sind die Wohnungen täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, im Winter bis 16 Uhr. Für die Pflege freut sich der Verein über eine kleine Spende im Opferstock der Schmidthöhle.

Wer mag, kombiniert den Besuch mit einer Wanderung: Gleich in der Nähe verläuft die berühmte Teufelsmauer, und an den Höhlen gibt es eine Stempelstelle der Harzer Wandernadel.

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