Natürlich sitzt er während unseres Gespräches im Schneidersitz. Entspanntes Lächeln, Ringelshirt, Wasserflasche in der Hand – und überrascht, dass die Ostdeutsche Allgemeine ihn gefunden hat. Dabei kommen Yogafans mittlerweile gar nicht mehr an Silvio Fritzsche vorbei.
Der 51-jährige Chemnitzer hat in sozialen Medien und auf YouTube insgesamt knapp eine halbe Million Follower, seine Yogaeinheiten klicken pro Monat über eine Million Menschen an. Dabei hat er weder Merchandise wie Yogabekleidung oder Blöcke zu bieten, filmt sich nicht beim Üben am Palmenstrand und spricht mit deutlich sächsischem Akzent. Halt der nette Typ von nebenan.
Absolute Lieblingsvorturnerin auf der Matte ist in Deutschland jedoch Mady Morrison. Die Influencerin, deren richtiger Name geheim ist, hat vier Millionen Abonnenten. Sie bietet das ganze Vermarktungsprogramm inklusive Traumstränden als Set-up für ihre Clips und bedient mehr den jungen, frischen Yogastil mit herausfordernderen Übungen.
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© Rene Plaul
Fritzsches Ansatz ist anders: „Meine Zielgruppe sind die Über-Fünfzigjährigen.“ Er erklärt für jede Übung sowohl mit Worten als auch mit Grafiken den Effekt auf den Muskel, das zu trainierende Gelenk oder auch die Auswirkungen auf das Nervensystem, wenn es um Atemübungen geht. Sozusagen eine Anatomiestunde auf der Matte.
Sein Detailwissen über den menschlichen Körper lässt auf eine Grundausbildung als Physiotherapeut schließen. Mitnichten! Silvio – im Yoga duzt man sich – war eigentlich Finanzbeamter.
„Nach der 10. Klasse wollte ich mal kurz Tischler werden, aber das war mir dann zu laut in der Werkstatt. Also habe ich nach dem Abitur trockenes Steuerrecht an der Fachhochschule Meißen studiert und anschließend im Finanzamt gearbeitet“, erzählt Silvio. Der gebürtige Erzgebirgler spricht sanft, fast schüchtern.
Nennen wir es Yoganastik
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Mit 24 Jahren habe er dann unerträgliche Rückenschmerzen bekommen, wurde mit einer „besonderen Form des Rheumas diagnostiziert“, erzählt er weiter. Krankenhausaufenthalt, starke Medikamente, „das ganze Programm“. „Ich habe mich mit Anfang 20 wie ein Achtzigjähriger gefühlt. Ich war damals ein Wrack.“
Im Fitnessstudio seiner Heimatstadt Marienberg gab es damals auch Yogakurse. „Ich als Mann beim Yoga, in so einer Kleinstadt, das war damals absolut selten“, sagt Silvio lachend. Männer im Yoga waren damals noch die Ausnahme, die Wirkung von Yoga jedoch die Regel – es war Balsam für seinen Rücken. „Nach vier Monaten waren die Schmerzen weg, nach einem Jahr brauchte ich auch keine Medikamente mehr“, sagt er. Der Sachse tauchte tiefer in die 5000 Jahre alte Yogalehre aus Indien ein, die Jahrtausende Männern vorbehalten geblieben war.
Erst 1937 wurde mit Indra Devi (1899–2002) die erste Frau in einem indischen Ashram, dem Ausbildungsort für Yoga, zugelassen. Sie trug die Philosophie und die Übungen in einer Adaption für die westliche Welt bis nach Hollywood. Devi lehrte in ihrem Studio selbst Marilyn Monroe und Greta Garbo die Achtsamkeit für den eigenen Körper sowie die Tugenden des Yoga. Heute dominieren in den Yogakursen Frauen, mit langsam wachsendem Männeranteil.
Über die Jahre durchlief Silvio drei verschiedene Yogalehrer-Ausbildungen, eignete sich das anatomische Wissen autodidaktisch an, veranstaltete Yogareisen. „Das Schöne ist: Beim Yoga sind alle gleich. Alt, jung, beweglich, nicht so beweglich und Ost und West sowieso. Wir sind auf der Matte alle vereint.“ Es klingt wie Silvios Mantra.
Ralf Bauer, Barbara Becker & Silvio Fritzsche
Im Hauptberuf jonglierte er vorerst aber weiter mit Zahlen bei Einkommens- und Umsatzsteuer, wälzte Steuergesetze. Finanzielle Sicherheit war nicht mit Asanas (Körperhaltungen) und Atemübungen aufzuwiegen. „Als 2010 unser Sohn geboren wurde, bin ich drei Jahre in Elternzeit gegangen und habe 2013 dann endgültig meinen Beamtenstatus gekündigt“, so Fritzsche. Im gleichen Jahr verkaufte er seine ersten eigenen Yoga-DVDs im Eigenverlag auf Amazon. Es waren tausende; Fritzsche war zeitweilig die Nr. 1 in der Kategorie Fitnessvideos. „Das war schon cool zu sehen, dass die Leute das kauften. Es gab damals ja Yoga mit Ralf Bauer, Barbara Becker, Ursula Karven – und dann mir …“
Ab und an fiel ihm sein Dialekt „auf die Füße“, sagt er. Ein paar Mal gab es Ein-Sterne-Bewertungen direkt mit der Referenz zum Sächsischen. Seitdem nehme er Sprach- und Stimmunterricht. Doch entmutigen lässt er sich davon nicht.
Wie schon bei den DVDs macht Silvio auch heute noch fast alles selbst. YouTube-Tutorials filmen, WhatsApp- und Instagram-Kanal pflegen, Konzepte und Yoga-Bücher schreiben. Nur für den Videoschnitt hat er stundenweise Hilfe von Experten. Dafür hat er sich in zwei Räume einer ehemaligen Motorradfabrik in Chemnitz eingemietet. Die Geschichte des Gebäudes erfuhr er erst, als er beim Filmen merkte, dass die Bilder immer schief waren, die Kamera aber gerade stand. „Bis mir dann jemand erklärte, dass in der Halle früher Motorräder gebaut wurden und der Boden extra Gefälle hatte, damit das Öl ablaufen konnte“, sagt Silvio.
Die DVD-Verkäufe verschafften ihm sieben Jahre finanzielle Freiheit. „Die Leute haben mir in Kommentaren geschrieben, dass sie die Einfachheit meiner Yogastunden lieben. Während sie mit den Promis auf DVD trainiert hatten, haben sie den Zweck der Übungen bei mir erst verstanden“, sagt Silvio. „Und dann kam Corona.“
Spot an, Kamera läuft. Der Yogalehrer Silvio Fritzsche praktiziert online für ein Millionenpublikum. Vor ihm die Sanduhren für ein- bzw. dreiminütige Übungen.
© Rene Plaul
Für alle freischaffenden Künstler, auch Yogalehrer, zuerst eine Katastrophe. Dann aber eine Chance – Online-Yoga ging richtig durch die Decke. „Zuerst dachten wir alle, die Einschränkungen der Pandemie sind ein Ding der Unmöglichkeit. Aber plötzlich war Yoga am Bildschirm normal. In meinen ersten Zoom-Kursen kamen wöchentlich gleich hunderte Leute. Selbst eine deutsche Auswanderin in Grönland sowie zwei weitere aus Spanien und China waren mit im Onlinekurs“, freute sich Silvio. Die Fernkurse liefen so gut, dass er vor zwei Jahren sein Yogastudio in Chemnitz ganz aufgab und nun nur noch online praktiziert.
Dennoch war ihm das neue Medium nicht automatisch gegeben: „Ich bin durch Hochs und Tiefs gegangen und habe mir schon oft die Sinnfrage gestellt. Was mache ich hier in dieser Onlinewelt? Es war und ist ein Spagat, authentisch zu bleiben und nicht nur für Klicks zu produzieren.“ Seine Zielgruppe seien die Menschen mittleren Alters, bei denen regelmäßige Bewegung ein Jungbrunnen sein kann. Ihnen widmete er auch sein neuestes Werk „Das schlaue Praxisbuch 50+“.
„Mein Wunsch ist es, die Menschen ins Mitmachen zu bringen“, sagt Fritzsche. Zehn Online-Yogakurse wöchentlich bietet er mit drei weiteren Lehrerinnen für einen Monatsbeitrag von 30 Euro als Flatrate an. Selbst seine Eltern (72 und 75 Jahre alt) sieht man so regelmäßig auf der Matte.
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Das Wunder der Wiederholung: acht Minuten täglich
Denn nur die Wiederholung bringt beim Yoga den Erfolg, den man auch im Körper spürt. Da Zeit aber in einer hektischen Welt knapp ist, hat Silvio den „8-Minuten-Club“ erfunden. Acht Übungen, je eine Minute lang, regelmäßig neu auf seinem WhatsApp-Kanal, kostenlos. „Über die acht Minuten bekomme ich die Leute in die Bewegung, die sie eigentlich schon aufgegeben haben“, sagt Silvio.
Die Übungen für Problembereiche des Körpers wechseln, die Community bleibt und wächst. Das Angebot gibt es erst seit Oktober letzten Jahres und schon sind wieder 30.000 Mitglieder indirekt auf der Matte vereint und grüßen sich untereinander mit einem grünen Herzchen. Die älteste Mitstreiterin, Inge (82) aus Heilbronn, bekam erst kürzlich von Silvio symbolisch einen Goldpokal und reiste dafür extra ins Aufnahmestudio nach Chemnitz.
Warum acht und nicht zehn Minuten Übungen? „Die Acht ist eine magische Zahl im Yoga“, erklärt Silvio. Sie steht für den achtgliedrigen Pfad des Yogas auf dem Weg zur Erkenntnis („Ashtanga“) sowie für die Unendlichkeit. Ebenso wie die Zahl 108, die als heiligste Zahl im Yoga bekannt ist. Sie beschreibt unter anderem die Anzahl der Perlen auf einer Meditationskette oder auch die Anzahl der Energiepunkte im Körper.
Social-Media-Kanäle pflegen gehört mittlerweile mit zum Geschäft. Die Online-Community schätzt den direkten Draht zu Silvio Fritzsche.
© Rene Plaul
Silvio hält – bis auf sein legendäres Nummernschild am kleinen, weißen Audi (C-OM 108) – seine Spiritualität in Sachen Yoga sehr im Hintergrund. Er lebe weder vegetarisch noch vegan, wie es so viele Yogis tun. Bestimmte tierische Eiweiße bräuchten die Muskeln einfach. „Ich lebe Yoga für mich ganz persönlich. Es hat mich Offenheit und Großzügigkeit gelehrt. Man sollte nicht in Extreme verfallen.“ Dreimal pro Woche geht er ganz für sich alleine auf die Matte, die Kamera bleibt aus, der Blick geht nach innen. Dazu schwimmt Silvio, geht ins Fitnessstudio.
Er spüre die „51 Jahre in meinem Körper nicht“, wohl aber die wachsende Bekanntheit, mit der er umzugehen lernt. Mit einem zufriedenen Lächeln sagt er – übrigens immer noch im Schneidersitz: „Wenn mir jemand vor 20 Jahren gesagt hätte, dass ich mal ein erfolgreicher Yogalehrer auf YouTube werde, hätte ich nie daran geglaubt. Aber es ist doch interessant, dass man aus der Provinz so viele Leute erreichen kann.“
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