Meinung

Auferstanden aus Ruinen: Westdeutsche Schnappatmung und warum Geschichtsunterricht dagegen hilft

Das Panikorchester der deutschen Medienlandschaft spielt mal wieder ganz besonders laut und schräg. Und würde am liebsten ein Lied verbieten, das schon in der DDR nicht gesungen werden durfte.

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V.l.n.r.: Ulrich Siegmund, Tino Chrupalla, Uwe Steimle und Antje Hermenau bei einer Veranstaltung der AfD Sachsen-Anhalt.

V.l.n.r.: Ulrich Siegmund, Tino Chrupalla, Uwe Steimle und Antje Hermenau bei einer Veranstaltung der AfD Sachsen-Anhalt.

© Jan Woitas/dpa

Liebe Wessi-Kollegen,

ach, was für eine Freude, Euch wieder in Höchstform zu erleben. Kaum hat in Dessau-Roßlau Uwe Steimle die ersten Takte von „Auferstanden aus Ruinen“ angestimmt, Tino Chrupalla und Ulrich Siegmund haben mitgesungen und das Publikum ist eingestiegen, schon bricht in euren Redaktionsstuben kollektive Panik aus. Als wäre die Mauer gerade wieder hochgezogen worden und die DDR heimlich reaktiviert. Die übliche Choreografie: Entsetzen, moralischer Zeigefinger, Schlagzeile mit drei Ausrufezeichen – alles wie bestellt und nicht abgeholt. Herzlichen Glückwunsch zur Reflexleistung, das Timing ist wie immer tadellos.

Nur eine kleine, aber wichtige Geschichtsstunde für zwischendurch (kostenlos, versprochen, und ohne Oberlehrer-Ton). Surprise: Die Hymne von Johannes R. Becher durfte in der DDR ab den frühen Siebzigerjahren nicht mehr offiziell gesungen werden. Der Text wurde aus Schulbüchern entfernt und bei offiziellen Anlässen oder im Fernsehen wurde die Hymne nur noch als Instrumentalversion dargeboten. Den SED-Genossen in Ost-Berlin war die Zeile „Deutschland, einig Vaterland“ zu sehr Einheit, zu sehr Zukunft. Wer es trotzdem anstimmte, machte sich verdächtig. Zum Mitschreiben: Das Lied wurde also nicht von irgendwelchen mega-aufgeklärten Westdeutschen verboten, sondern von den DDR-Machthabern in die Mottenkiste verbannt.

Gefährliches, ewiggestriges DDR-Symbol

Und ausgerechnet dieses Lied brandmarkt ihr heute als gefährliches, ewiggestriges DDR-Symbol?

Besonders amüsant wird es, wenn man sich Tino Chrupallas gerade erschienenes Buch „Handwerk – Meister – Politik“ anschaut. Darin schreibt er ganz offen und ohne Pathos über seine Kindheit in der DDR und sagt klipp und klar: Er hat keine Lust mehr, sich seine eigene Biografie und seine Erinnerungen von Westdeutschen nachträglich erklären oder schlechtreden zu lassen. Er will das System nicht zurückholen – aber er lässt sich seine Kindheit, die für ihn und viele andere schön war, auch nicht nehmen. Damit trifft er einen Nerv bei ganz vielen Menschen im Osten dieses Landes. Nicht, weil sie die Diktatur zurückwollen, sondern weil sie sich ihre persönliche Geschichte nicht von außen vorschreiben lassen wollen. Ich verstehe das tatsächlich sehr gut. Und ihr?

In diesem Zusammenhang, liebe Kollegen – und hier wird’s richtig unterhaltsam: Ich selbst komme aus Bayern, das liegt ja bekanntlich eher im Süden als im Osten. In diesem wunderbaren Land zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz habe ich als Kind jeden Morgen in der Schule mit der gesamten Klasse das Vaterunser gebetet. Aber es kommt noch schlimmer: Auch die bayerische Hymne wurde regelmäßig gesungen, so als wäre der gute alte König Ludwig noch quicklebendig.

Vorrepublikanische, katholisch-monarchistische Vergangenheit

Und wisst ihr was? Auch heute noch findet das absolut niemand doof. Im Gegenteil. Es wird als das wahrgenommen, was es war: Als schöne regionale Tradition, als Teil der kulturellen bayerischen DNA. Kein Mensch schreibt empörte Leitartikel darüber, dass sich bayerische Kinder an die vorrepublikanische, katholisch-monarchistische Vergangenheit klammern mussten und erst durch das Kruzifix-Urteil befreit wurden. Und keiner lächelt besserwisserisch-nachsichtig oder rümpft die Nase, wenn man sagt: „Ja freilich hob' i a scheene Kindheit g'hobt, wieso a ned?“

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Warum also diese seltsame Doppelmoral, wenn es um den Osten geht? Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung ist es schon echt lame, dass das westdeutsche „Wir erklären euch mal, wie ihr euer Leben richtig zu erinnern habt“, immer noch so selbstverständlich und unermüdlich daherkommt. Wessis erklären den Ossis, welche Lieder sie nicht singen dürfen, welche Erinnerungen sie gefälligst vergessen und welche sie verurteilen und welche Gefühle sie ganz grundsätzlich haben sollen. Fast schon bewundernswert, diese Hartnäckigkeit.

Die Ruinen von Friedrich Merz, Olaf Scholz und Robert Habeck

Und bevor ihr euch über ein altes Lied aufregt, das von einem Kabarettisten (!!) angestimmt wurde, solltet ihr vielleicht mal kurz durchatmen. Und ernsthaft nachdenken. Über den Song - und über den Zustand des Landes. Es wäre nämlich tatsächlich schön, wenn wir aus den Trümmern und Ruinen, in denen wir dank Friedrich Merz, Olaf Scholz, Robert Habeck und Co. derzeit leben, endlich wieder auferstehen könnten. So gesehen ist dieses Lied in gewisser Weise daher nicht nostalgisch – sondern verdammt aktuell. Völlig egal, woher es kommt.

Mit ost-bayerischem Gruß, einem kräftigen Augenzwinkern und der leisen Hoffnung auf etwas mehr Selbstreflexion.

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