Rente

Immer mehr Babyboomer gehen vorzeitig in Rente – Was das für alle bedeutet

1,1 Millionen Babyboomer verlassen früher den Arbeitsmarkt als politisch gewollt. Warum das zum Problem für die Rentenkasse wird und welche Reform den Trend jetzt stoppen soll.

4 Min
Immer mehr Babyboomer gehen frühzeitig in Rente – das Wirtschaftsinstitut findet den Trend problematisch.

Immer mehr Babyboomer gehen frühzeitig in Rente – das Wirtschaftsinstitut findet den Trend problematisch.

© Julian Stratenschulte/dpa

1,1 Millionen Babyboomer beziehen bereits vorzeitig Rente. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnt: Wenn die Politik nicht gegensteuert, wird die Lücke zwischen gewolltem und tatsächlichem Rentenalter weiter wachsen.

Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in den Ruhestand, und viele tun es früher als politisch gewollt. Laut einer neuen Erhebung des IW, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, wächst die Zahl der Frührentner unter den Babyboomern deutlich. Das läuft dem erklärten Ziel zuwider, die Lebensarbeitszeit zu verlängern. Gleichzeitig hat die Bundesregierung angekündigt, die Empfehlungen ihrer Rentenkommission vollständig umzusetzen. Was die Zahlen bedeuten, warum das Problem drängend ist und was sich ändern könnte.

Wie viele Babyboomer gehen vorzeitig in Rente?

Insgesamt gab es 2024 in Deutschland 19,3 Millionen Babyboomer, also Menschen aus besonders geburtenstarken Jahrgängen zwischen 1946 und 1969. Rund 6 Millionen von ihnen bezogen bereits eine Altersrente. 1,1 Millionen davon gingen vorzeitig in den Ruhestand, also vor der Regelaltersgrenze. Der Anstieg gegenüber dem Vorjahr ist deutlich: 2023 waren es noch rund 4,5 Millionen Babyboomer in Altersrente, davon 0,9 Millionen vorzeitig.

Dass die Zahlen so sprunghaft stiegen, liegt unter anderem daran, dass 2024 der Geburtsjahrgang 1958 das Renteneintrittsalter erreichte. In den Zahlen sind auch Altersrenten für Schwerbehinderte enthalten. Das IW erwartet, dass sich die steigende Inanspruchnahme der Frührente weiter fortsetzt, wenn sich an den politischen Rahmenbedingungen nichts ändert.

Warum liegt das Rentenalter unter der Regelaltersgrenze?

Deutschland hebt die Regelaltersgrenze schrittweise von 65 auf 67 Jahre an, bis 2031 soll dieser Prozess abgeschlossen sein. Das Ziel dahinter: Menschen sollen länger arbeiten und so das Rentensystem stabilisieren. Doch das tatsächliche Renteneintrittsalter zieht nicht im gleichen Tempo nach. Das IW rechnet vor: Seit Beginn der Anhebung im Jahr 2012 stieg die Regelaltersgrenze um zwölf Monate. Das durchschnittliche Zugangsalter in die Rente erhöhte sich im gleichen Zeitraum jedoch nur um acht Monate.

Es klafft also eine Lücke von vier Monaten. Als Ursache macht das Institut die bestehenden Möglichkeiten zum vorzeitigen Renteneintritt aus. Wer genug Beitragsjahre vorweisen kann, darf derzeit noch ohne Abschläge vor der Regelaltersgrenze in Rente gehen. Genau diese Option nutzen immer mehr Babyboomer.

Warum ist die Frührente überhaupt ein Problem?

Das Problem ist im Kern demografisch. Immer weniger Beitragszahler müssen die Renten für immer mehr Rentner finanzieren. Jeder Mensch, der früher aus dem Arbeitsmarkt ausscheidet, verschärft dieses Ungleichgewicht doppelt: Er zahlt nicht mehr ein und bezieht gleichzeitig länger Rente.

Das IW stellt fest: Die Frührenten laufen dem ursprünglichen Ziel der Politik entgegen, mit der Anhebung der Regelaltersgrenze die Lebensarbeitszeit zu verlängern. Weil die Babyboomer-Jahrgänge zahlenmäßig besonders stark sind, wiegt dieser Effekt schwerer als bei früheren Generationen. Und der Höhepunkt der Verrentungswelle steht erst noch bevor.

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Was soll dagegen unternommen werden?

Das arbeitgebernahe Institut drängt auf eine schnelle politische Reaktion. Es begrüßt ausdrücklich die Vorschläge der Rentenkommission der Bundesregierung, insbesondere die Empfehlung, die Möglichkeit zum abschlagsfreien vorzeitigen Renteneintritt zu streichen.

Das IW bezeichnet diesen Schritt als zentral, um das durchschnittliche Rentenzugangsalter zu erhöhen. Gleichzeitig mahnt es, die Maßnahmen zeitnah umzusetzen, um möglichst viele Babyboomer noch länger im Arbeitsmarkt zu halten. Ausdrücklich warnt das Institut davor, die Wirkung der Reform durch Ausnahmen wieder abzuschwächen.

Was bedeuten die Reformen der Bundesregierung konkret?

Die Rentenkommission der Bundesregierung hat insgesamt 33 Empfehlungen vorgelegt. Dazu gehören neben dem Auslaufen der abschlagsfreien Frührente auch eine schrittweise weitere Anhebung des Renteneintrittsalters, der Aufbau einer kapitalgedeckten Zusatzrente nach skandinavischem Vorbild sowie die mögliche Einbeziehung von Selbstständigen und Abgeordneten in die gesetzliche Rentenversicherung. Zentrale Ziele sind, die Menschen länger arbeiten zu lassen und mehr arbeitende Menschen einzahlen zu lassen.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte angekündigt, sämtliche Vorschläge umzusetzen. Auch Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) stellte sich hinter das Paket. Merz räumte allerdings ein, dass die Reformen zusätzliche Belastungen mit sich bringen werden. Ob das Gesamtpaket tatsächlich unverändert kommt, ist offen: SPD-Fraktionsvize Dagmar Schmidt sprach zwar von einer sehr guten Grundlage, geht aber nicht davon aus, dass alle Vorschläge eins zu eins in Gesetze übernommen werden. Gewerkschaften haben bereits Widerstand angekündigt.

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