Als Israel und die USA Ende Februar den Iran angriffen und der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus nahezu zum Erliegen kam, schien ein historischer Preisschock unausweichlich. Analysten hielten einen Anstieg des Ölpreises auf 150 oder sogar 200 US-Dollar je Barrel für möglich. Schließlich führt durch die Meerenge normalerweise rund ein Fünftel des weltweit verbrauchten Öls.
Ganz ausgeblieben ist der Preisschock allerdings nicht. Der Preis für die Nordseesorte Brent stieg laut einer Analyse der Nachrichtenagentur Reuters von rund 70 auf zeitweise 126 US-Dollar. Das entspricht einem Plus von etwa 80 Prozent. Zwischen Kriegsbeginn am 28. Februar und der vorübergehenden Einstellung der US-Angriffe am 11. Juni kostete ein Barrel im Durchschnitt 101 US-Dollar.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, warum der Iran-Krieg keinen Ölpreisschock ausgelöst hat. Sondern warum der Preis trotz der schwersten Versorgungsstörung seit Jahrzehnten unter den befürchteten 150 bis 200 US-Dollar blieb – und welche Rolle China dabei spielt.
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Für Verbraucher ist die Entwicklung längst spürbar. Nach Berechnungen des ADAC kostete ein Liter Super E10 zuletzt im bundesweiten Durchschnitt 2,083 Euro, Diesel 2,070 Euro. Gegenüber der Zeit vor Kriegsbeginn verteuerten sich beide Kraftstoffsorten um rund 30 Cent je Liter. Auch die Inflation wird wieder stärker von den Energiekosten getrieben. Nach Angaben der Europäischen Zentralbank trugen die gestiegenen Energiepreise maßgeblich dazu bei, dass die Teuerungsrate im Euroraum im Mai auf 3,2 Prozent stieg.
Dabei entwickeln sich Rohöl- und Kraftstoffpreise nicht immer parallel. Brent bildet den Preis für Rohöl ab. Autofahrer, Speditionen und Fluggesellschaften benötigen dagegen Benzin, Diesel oder Kerosin. Diese Produkte müssen erst in Raffinerien hergestellt und anschließend transportiert werden. Gerade dort sind durch den Krieg zusätzliche Engpässe entstanden.
Chinas Ölnachfrage bricht ein
Der wichtigste unerwartete Puffer war China. Der weltweit größte Ölimporteur führte im Juni nach Angaben von Reuters nur noch 7,12 Millionen Barrel Rohöl pro Tag ein. Das war der niedrigste Wert seit Oktober 2016 und ein Rückgang von mehr als 40 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.
Neben den kriegsbedingt erschwerten Lieferungen spielen Chinas schwache Konjunktur, eine geringere Auslastung der petrochemischen Industrie und der rasche Umstieg auf Elektrofahrzeuge eine Rolle. Zudem wurden die chinesischen Kraftstoffexporte eingeschränkt.
Normalerweise würde ein Ausfall großer Mengen aus dem Persischen Golf einen erbitterten Wettbewerb um die verbliebenen Lieferungen auslösen. Weil China deutlich weniger Öl nachfragte, fiel dieser zusätzliche Preisdruck schwächer aus.
USA fördern Rekordmengen und öffnen Reserven
Gleichzeitig steigerten die USA ihre eigene Produktion. Nach den von Reuters ausgewerteten Daten erreichte die amerikanische Ölförderung im April den Rekordwert von 13,93 Millionen Barrel pro Tag. Hinzu kam die größte koordinierte Freigabe von Ölreserven in der Geschichte der Internationalen Energieagentur. Die Mitgliedstaaten der IEA beschlossen im März, insgesamt 400 Millionen Barrel aus ihren strategischen Beständen auf den Markt zu bringen.
Damit ließ sich der Ausfall aus der Golfregion zwar nicht vollständig ersetzen. Die zusätzlichen Mengen verhinderten aber, dass Käufer um jede verfügbare Ladung konkurrieren mussten. Der Preisauftrieb wurde gedämpft.
Dieser Puffer wird allerdings kleiner. Laut IEA sanken die staatlichen Ölreserven der Industrieländer seit Kriegsbeginn um 163 Millionen Barrel und damit auf den niedrigsten Stand seit Dezember 1990.
Trumps Aussagen verunsichern die Händler
Einen weiteren Grund sieht Reuters im Verhalten der Finanzmärkte. US-Präsident Donald Trump kündigte mehrfach mögliche Waffenruhen oder eine Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs durch Hormus an. Einige dieser Aussagen lösten innerhalb weniger Minuten starke Preisbewegungen aus. Viele Händler wurden deshalb vorsichtiger mit langfristigen Wetten auf weiter steigende Preise. Ilia Bouchouev vom Oxford Institute for Energy Studies beschrieb die Stimmung gegenüber Reuters mit den Worten: „Alle sind optimistisch, aber niemand wettet darauf.“
Gemeint ist: Viele Marktteilnehmer rechnen grundsätzlich mit höheren Preisen, scheuen aber große Positionen, weil eine neue politische Ankündigung den Kurs jederzeit wieder nach unten drücken könnte. Ole Hansen, Rohstoffstratege bei der Saxo Bank, spricht zudem von einer zunehmenden Ermüdung des Marktes durch ständig neue Schlagzeilen. Einzelne Drohungen bewegen den Preis dadurch weniger stark als zu Beginn des Krieges.
Saudi-Arabien leitet Öl ans Rote Meer um
Die Golfstaaten konnten einen Teil ihrer Exporte zudem an der Straße von Hormus vorbeileiten. Saudi-Arabien transportierte mehr Öl über eine Pipeline zum Hafen Yanbu am Roten Meer.
Im Juni stiegen die gesamten Ölexporte aus der Golfregion einschließlich solcher Ausweichrouten nach Angaben der IEA wieder auf 16,1 Millionen Barrel pro Tag. Vor dem Krieg waren es allerdings rund 24 Millionen Barrel.
Auch der Verkehr durch Hormus setzte im Juni zeitweise wieder ein, bevor er nach der Wiederaufnahme der Kämpfe im Juli erneut zurückging. Die kurze Entspannung reichte aus, um Lager aufzufüllen und bereits wartende Ladungen aus der Region zu bringen.
Doch nun ist auch der saudische Ausweichweg bedroht. Die Huthi kündigten am Montag laut Reuters mit sofortiger Wirkung eine Seeblockade gegen Saudi-Arabien an. Wie die Miliz diese durchsetzen will und ob sie erneut Schiffe angreifen wird, blieb zunächst offen. Angriffe auf Yanbu oder eine Sperrung der Meerenge Bab al-Mandab könnten bis zu sieben Prozent des weltweiten Ölangebots treffen. Damit wären beide wichtigen Exportrouten der Region gleichzeitig erheblich beeinträchtigt.
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Genug Rohöl, aber Engpässe bei Diesel und Benzin
Nach Angaben von Rohstoffhändlern war kurzfristig weiterhin ausreichend Rohöl verfügbar. Lieferungen aus den USA und anderen Förderländern sowie die Freigabe strategischer Reserven sorgten dafür, dass die unmittelbar verfügbaren Mengen nicht vollständig versiegten.
Bei raffinierten Produkten sieht es anders aus. Die weltweite Raffinerieproduktion lag im zweiten Quartal nach einer weiteren Reuters-Analyse rund fünf Millionen Barrel pro Tag unter dem Vorjahresniveau. Die Lagerbestände an Benzin und Diesel fielen in mehreren Regionen auf mehrjährige Tiefstände. In Europa erreichten die Gewinnspannen für die Verarbeitung von Diesel zeitweise Rekordwerte.
Das erklärt den scheinbaren Widerspruch: Der Brent-Preis blieb unter seinem historischen Höchststand, während Kraftstoffe, Transporte und zahlreiche Industrieprodukte dennoch deutlich teurer wurden.
Folgen reichen bis nach Asien und Afrika
Besonders abhängig von Lieferungen aus dem Persischen Golf sind asiatische Staaten. Japan, Südkorea und Indien beziehen nach Berechnungen der EZB mehr als die Hälfte ihrer Energieimporte aus der Region. Bei China und den südostasiatischen Staaten liegt der Anteil bei etwa einem Drittel.
Auch afrikanische Länder sind betroffen. In Kenia meldeten Tankstellen bereits Lieferengpässe, weil das Land seine Kraftstoffe überwiegend aus dem Nahen Osten bezieht. In vielen Staaten treffen höhere Transport- und Energiepreise zudem auf geringe finanzielle Reserven und eine hohe Abhängigkeit von Importen.
Der Schiffsverkehr bleibt weit von seinem früheren Niveau entfernt. Vor Kriegsbeginn passierten nach Angaben des von Reuters zitierten Joint Maritime Information Centre im Schnitt 138 Schiffe täglich die Straße von Hormus. Am Sonntag waren es nach Daten des Finanzdienstes LSEG nur vier, am Samstag acht. Seit Freitag fuhren demnach lediglich drei Produktentanker und ein großer Rohöltanker in die Meerenge ein, um Ladung aufzunehmen. Flüssiggastanker wurden dort seit Donnerstag überhaupt nicht mehr gesichtet. Mitte Juli warteten sieben beladene katarische LNG-Tanker mit rund 570.000 Tonnen Flüssiggas im Persischen Golf. Da manche Schiffe aus Sicherheitsgründen ihre Ortungssysteme abschalten, bilden die Daten den Verkehr allerdings nicht vollständig ab.
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