Düstere Prognose

Iran-Experte: US-Bodentruppen „womöglich schon Ende dieser Woche“

Iran-Krieg: Robert Pape über Vances gescheitertes Abkommen, die schrumpfenden Ölreserven der USA und das Anschlagsrisiko bei einer Bodenoffensive.

8 Min
Amerikanischer Flugzeugträger im Einsatz: Rund 8000 Marines und Fallschirmjäger stehen nach Einschätzung des Analysten Robert Pape für eine mögliche Bodenoperation bereit. (Symbolbild)

Amerikanischer Flugzeugträger im Einsatz: Rund 8000 Marines und Fallschirmjäger stehen nach Einschätzung des Analysten Robert Pape für eine mögliche Bodenoperation bereit. (Symbolbild)

© Mc2 Tajh Payne/U.S Navy/IMAGO

Die Wahrscheinlichkeit, dass amerikanische Bodentruppen im Iran landen, liegt nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers Robert Pape inzwischen bei rund 70 Prozent. Passieren könne das binnen eines Monats – „womöglich schon Ende dieser Woche“.

Das sagte der Forscher der University of Chicago in der am Donnerstag veröffentlichten Folge des YouTube-Formats „Diary of a CEO“, fünf Monate nach Beginn des amerikanischen Angriffs auf den Iran.

Das zweite von ihm geschilderte Szenario ist noch unangenehmer: Rücken die Truppen ein, rechnet er mit einem Anschlag mit vielen Toten. Und zwar nicht zwingend im Nahen Osten.

Warum ausgerechnet dieser Analyst

Pape berät seit 2001 US-Regierungen in militärischen Strategiefragen und modelliert seit zwei Jahrzehnten den Luftkrieg gegen den Iran. Die Berliner Zeitung hat seine Einschätzungen im März und im April dokumentiert.

Was er damals beschrieb, ist weitgehend eingetreten: das Überleben des Regimes trotz getöteter Führungsspitze, die Ausweitung des Krieges, der ausbleibende Effekt der Luftschläge. Selbst sein Gastgeber Steven Bartlett räumt im Gespräch ein, er habe Pape beim ersten Besuch nicht alles geglaubt.

Zur Einordnung gehört trotzdem: Pape spricht in Wahrscheinlichkeiten, die von ihm genannten Zahlen stammen aus eigenen Modellen und teilweise aus Leaks, und er ist eine Stimme unter vielen. Auch eine gute Trefferquote macht aus einem Modell keine Gewissheit.

Straße von Hormus: 20 Prozent des weltweit gehandelten Öls in iranischer Hand

Vor dem 28. Februar kontrollierte Teheran die Meerenge nicht und erhob dort keine Gebühren. Binnen weniger Tage nach den ersten Bomben kippte das.

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„Es steht völlig außer Frage, dass der Iran heute stärker ist als vor Kriegsbeginn am 28. Februar“, sagt Pape. „Ich sage das ohne jede Freude.“

Seit Anfang März stockt der Verkehr durch die Passage, durch die rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls fließt. Dafür genügt dem Iran nach Papes Darstellung ein Bruchteil seines Arsenals: Drohnen, Seeminen, Antischiffsraketen.

Am Ende entscheiden nicht Generäle, sondern Reedereien. Ein neuer Tanker mit voller Ladung ist ein schwimmender Vermögenswert von rund 300 Millionen Dollar, und kein Versicherer gibt ihn für eine Lagebeurteilung aus Washington frei.

Warum vier Monate Bombardement daran nichts geändert haben, erklärt Pape mit der Geografie. Die Shahed-136-Drohnen könnten sich in einem Gebiet verstecken, das anderthalbmal so groß ist wie Kalifornien und überwiegend aus Gebirge besteht, in Höhlen und in Schichten übereinander.

„Es ist, als suche man einen Lkw in Kalifornien“, sagt er. Nach durchgesickerten Pentagon-Schätzungen vom April produzierte der Iran zuletzt 55.000 Drohnen im Jahr. Diese Zahl lässt sich nicht unabhängig überprüfen.

Karte des Irans, markiert sind Orte gemeldeter Angriffe der USA, darunter Teheran, Buschehr, Bandar Abbas und Tschahbahar

Karte des Irans, markiert sind Orte gemeldeter Angriffe der USA, darunter Teheran, Buschehr, Bandar Abbas und Tschahbahar

© Europa Press/IMAGO

Vances Abkommen: 14 Punkte, drei Brüche in 48 Stunden

Im Zentrum des Gesprächs steht das Memorandum, das der amerikanische Vizepräsident JD Vance eingefädelt hatte. Teheran und das Weiße Haus veröffentlichten den Text wortgleich, er umfasst 14 Punkte.

Vance habe an das Abkommen geglaubt, sagt Pape, es aber verhandelt wie ein Immobiliengeschäft, mit 300 Milliarden Dollar als Gegenleistung. „Das mag im Immobiliengeschäft bestens funktionieren. Aber in einem Krieg wie diesem geht es um das Kräfteverhältnis.“

Für Teheran zählten andere Klauseln. Artikel 5 regelt, dass der Iran die Durchfahrt organisiert und 60 Tage lang keine Gebühren erhebt. Danach legen Iran und Oman die Tarife fest. Die USA kommen in der Klausel nicht mehr vor. Das Papier sei „im Kern eine Wegbeschreibung zur regionalen Vormacht“, so Pape.

Trump unterschrieb trotzdem und begründete das offen mit der Ölknappheit. Nach Papes Chronologie begann seine Regierung noch in den ersten 48 Stunden, den eigenen Vertrag zu unterlaufen.

US-Außenminister Marco Rubio habe ein Rahmenabkommen für den Libanon vorangetrieben, das die israelische Militärpräsenz festschreibt – Artikel 1 garantiert dem Libanon territoriale Integrität. Trump habe Schiffe ohne Absprache auf die Südpassage geschickt und damit auf Truth Social geprahlt. Und eingefrorene iranische Gelder habe er an den Kauf amerikanischen Getreides geknüpft, obwohl Artikel 11 dem Iran die alleinige Verfügung zusichert.

„Er hat die Niederlage etwa einen Tag lang akzeptiert“, sagt Pape über Trump. „Dann hat er fast sofort versucht, sie rückgängig zu machen. Und so sind wir wieder im Krieg.“

Schrumpfende Reserven: Was das für Europa bedeutet

Der ökonomische Teil ist der bedrohlichste. Saudi-Arabien und die Emirate leiten inzwischen etwa sieben von 20 Millionen Barrel Öl täglich an Hormus vorbei, über Pipelines zum Roten Meer und nach Fudschaira. Diesen Ausweg haben die Huthis nach Papes Angaben wenige Stunden vor der Aufzeichnung geschlossen.

Parallel leert sich das Sicherheitsnetz. Trump gab 172 Millionen Barrel aus der strategischen Reserve frei, verteilt auf rund 120 Tage; 32 Staaten der Internationalen Energieagentur steuerten zusammen 400 Millionen Barrel bei. Die amerikanische Reserve liegt nun bei etwa 300 Millionen Barrel, dem niedrigsten Stand seit 1983. Die 120 Tage laufen demnächst aus.

„Wir sind wie auf der Titanic, kurz vor dem Eisberg“, sagt Pape. „Und wenn der Eisberg kommt, gibt es nicht genug Rettungsboote für alle.“

Dazu kommt ein Engpass, über den kaum jemand spricht: Ein erheblicher Teil der weltweiten Raffineriekapazität liegt am Persischen Golf. In den Tank kommt kein Rohöl, sondern Benzin und Diesel – und die russischen Raffinerien werden zugleich von ukrainischen Drohnen getroffen.

Für Europa fällt das mit einem zweiten Druckpunkt zusammen. Putin werde im Herbst nachlegen, erwartet Pape, genau dann, wenn die Ölkrise durchschlägt und die zugesagten Milliarden für die Ukraine fällig werden. China wiederum habe nach dem Gipfel mit Trump den Kauf von fünf Millionen Barrel täglich eingestellt und kurz darauf den Vorwurf der Wahleinmischung geerntet.

Die deutsche und die britische Botschaft haben nach Papes Angaben bereits Evakuierungen aus der Region angeordnet, Washington riet US-Bürgern zur Ausreise.

8000 Soldaten im Golf von Oman

Rund 5000 Marines und 4000 Fallschirmjäger der 82. Luftlandedivision stehen bereit. Flugzeugträger und Zerstörer wurden aus dem Indischen Ozean östlich vor die Meerenge verlegt.

Für Pape erlaubt diese Aufstellung nur einen Schluss: die Einnahme eines Küstenstreifens an der dünn besiedelten Südostküste, etwa bei Tschahbahar oder dem kleinen Hafenort Dschask.

Militärisch hält er das für aussichtslos, politisch für verlockend. Ein Stück Territorium, ein paar Wochen gehalten, ergäbe Bilder eines Erfolgs. Der Preis wären nach seiner Schätzung Hunderte tote amerikanische Soldaten über Wochen.

Seine zweite Warnung stützt sich auf 25 Jahre Forschung zu Selbstmordanschlägen, die er „den Lungenkrebs des Terrorismus“ nennt: Sie töten mehr Menschen als alle anderen Anschlagsformen zusammen. Ausgelöst würden solche Kampagnen nicht durch Bomben aus der Luft, sondern durch die Kontrolle über fremden Boden durch Bodentruppen.

Genau diese Schwelle rücke näher. Beunruhigend findet er die Wortwahl der iranischen Führung: Die Ankündigung „unvergesslicher Lektionen“ für Amerika erinnere ihn an die Aufrufe des früheren IS-Anführers, die die Attentäter in Paris und San Bernardino inspiriert hätten.

Der 3. November als gefährlichstes Datum

Alles laufe auf die Zwischenwahlen zu. Steigt der Benzinpreis, verlieren die Republikaner nach Papes Einschätzung mindestens eine Kammer des Kongresses – und ein demokratisch kontrollierter Kongress könnte dem Krieg das Geld streichen, wie zuletzt 1974.

Trump könnte sein Veto einlegen, sich auf Artikel 2 der Verfassung berufen und Mittel im Pentagon-Haushalt umschichten. Pape nennt das eine Verfassungskrise im Wartestand.

Kommt es dagegen zu einem Massenanschlag, dreht sich die Rechnung. Tote festigen kurzfristig die Unterstützung für einen Krieg, statt sie zu untergraben. In der MAGA-Basis liegt die Zustimmung bei mehr als drei Vierteln, in der Gesamtbevölkerung bei einem knappen Drittel.

Als historische Folie dient ihm Lyndon B. Johnson, der eskalierte, obwohl er den Krieg für verloren hielt, weil er nicht als Architekt der Kapitulation dastehen wollte. Auf die Frage, was er Trump für die nächsten drei Monate bis zu den Midterms raten würde, antwortet Pape trocken: „Dann lautet die Antwort: Rufen Sie mich nicht an.“

Was Pape für die nächsten Monate erwartet

Seine Prognose: eine Bodenoperation gegen eine der Inseln oder einen Küstenabschnitt, getrieben von der Ölkrise und vom Druck, überhaupt etwas Vorzeigbares zu liefern. Real müsse dieser Erfolg nicht sein, nur sichtbar.

Für die mehr als 90 Millionen Menschen im Iran hat er wenig Tröstliches zu sagen. Echte Hoffnung liege fünf bis zehn Jahre entfernt, und je länger der Krieg dauere, desto näher rücke die Zehn.

Warum er trotz allem wieder zugesagt hat, erklärt Pape am Ende selbst: „Der Grund, warum Sie mich hier sitzen haben, ist, dass es schlecht um unser Land steht. Und ich wünsche mir nichts mehr, als dass es besser wird.“

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