Der frühere ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow hat erstmals ausführlich über die Hintergründe seines Rücktritts gesprochen. In einem großen Interview mit der Ukrainska Pravda nannte der 35-Jährige nicht – wie zunächst angenommen – den Konflikt mit dem damaligen Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj als eigentlichen Grund für seine Entlassung, die in der Ukraine landesweite Proteste ausgelöst hatte.
Der Reformer sieht sich hingegen als Opfer von Interessen, die einen transparenten Waffenmarkt verhindern wollten. Dabei zeichnete ein düsteres Bild von Widerständen gegen seine Reformen – und übt indirekt Kritik am Umfeld von Präsident Wolodymyr Selenskyj.
Was zunächst über die Gründe bekannt wurde
Der Fedorow-Rücktritt war Mitte Juli 2026 im Zuge einer Regierungsumbildung erfolgt. In den Tagen danach stand zunächst der Konflikt mit Armeechef Syrskyj als Grund im Vordergrund. Der Kyiv Independent hatte unter Berufung auf einen mit der Entscheidung vertrauten ukrainischen Beamten berichtet, Selenskyj habe Fedorow nach einem Treffen mit der militärischen Führung entlassen. Offiziell begründete Selenskyj die Personalie mit dem Konflikt zum Generalstab.
Abgeordnete und Beobachter beschrieben die Auseinandersetzung damals als Streit zwischen dem jungen, technikorientierten Minister und Vertretern einer stärker sowjetisch geprägten militärischen Führung. Ein Abgeordneter aus Selenskyjs Partei „Diener des Volkes“ sagte dem Portal, der Konflikt zwischen Fedorow und Syrskyj habe „alle Grenzen überschritten“.
Der Politologe Wolodymyr Fesenko erklärte, nicht alle im Militär seien mit Fedorows Plänen für einen grundlegenden Umbau des Verteidigungsministeriums einverstanden gewesen. Selenskyj selbst hatte sich vor der Personalie mit Fedorow und Syrskyj getroffen und betont, die Streitkräfte müssten geschlossen handeln und „auf derselben Seite“ stehen. Erst im Interview Ende Juli rückte Fedorow dann den aus seiner Sicht eigentlichen Grund in den Vordergrund.
Fedorows Entlassung hatte landesweit Proteste ausgelöst.
© Danylo Antoniuk/Ukrinform/imago
Was Fedorow als wahren Grund für seinen Rücktritt nennt
„Sehr viele Leute haben das Verteidigungsministerium und mich als Minister umzingelt, weil wir begonnen haben, viele verschiedene Prozesse im Inneren umzubauen“, sagte Fedorow der Ukrainska Pravda. Bereits ab Anfang April sei klar gewesen, dass „die Temperatur steigt“.
Als Kern des Konflikts benennt er die Umstellung der Rüstungsbeschaffung auf transparente Ausschreibungen. „Der Grund, der mit den Beschaffungen, mit den Ausschreibungen zusammenhängt (…) – das hat bei vielen Menschen große Unzufriedenheit ausgelöst“, so Fedorow.
Kritik an Druck und Telegram-Kanälen
Fedorow beschreibt einen wachsenden Druck über Monate hinweg – teils öffentlich, teils über Strafverfolgungsbehörden.
Er habe Selenskyj bereits im April gewarnt, dass Leute kommen würden, um ihn zu diskreditieren. „Sie sehen, dass die größten Telegram-Kanäle der Ukraine aufgekauft wurden und sie begannen, rein gegen mich und mein Team zu arbeiten. Es begannen Strafverfahren rund um Menschen aufzutauchen, die mit mir arbeiten.“
Fedorow hatte zuvor schwere Vorwürfe gegen „Trucha“, das größte informelle Telegram-Netzwerk des Landes, erhoben. Nach Angaben Fedorows wurde der Medienkanal für schätzungsweise 13,8 bis 23 Millionen Euro an verdeckte Eigentümer verkauft, um gezielte Negativ-Kampagnen gegen ihn zu steuern.
Indirekte Kritik an Selenskyj
Deutlich wird Fedorow auch mit Blick auf den Präsidenten, ohne ihn direkt anzugreifen. Er beschreibt Selenskyj als jemanden, der unter dem Druck vieler Zuträger möglicherweise kein objektives Bild mehr habe.
„Ich denke, wenn 90 Prozent der Menschen zu dir kommen und sagen: ‚Da stimmt etwas nicht, da gibt es ein Problem, da gibt es ein eigenes Interesse‘, dann ist es unter solchem Druck vielleicht schwer, ein objektives Bild der Welt wahrzunehmen“, sagte Fedorow.
Zugleich betont er, es habe kein persönliches Zerwürfnis gegeben: „Es gab kein abschließendes Gespräch mit dem Präsidenten, wir haben uns nicht gestritten.“ Die Kommunikation dauere aus seiner Sicht noch an.
„Kein Ultimatum“ – aber angebotene Posten abgelehnt
In den Medien war der Vorwurf laut geworden, Fedorow habe seinen Verbleib beziehungsweise seine mögliche Rückkehr ins Amt an Bedingungen geknüpft. Dem widerspricht er: „Ich habe kein Ultimatum gestellt. Ich bin zusammen mit der Regierung vom Posten zurückgetreten. Dann begannen die Proteste.“
Im Nachgang seien ihm mehrere Posten angeboten worden, die er jedoch ablehnte. Einen Vize-Premier-Posten ohne eigenes Ministerium bezeichnete er als „dekorativ“. Sein Selbstverständnis: „Ich verstehe mich als Manager, der ein System aufbauen und Ergebnisse erzielen kann.“
Den Konflikt mit Syrskyj bezeichnete Fedorow ausdrücklich nicht als persönlich, sondern als „weltanschaulich“ und „institutionell“. Nach eigener Aussage habe sein Ministerium „keine einzige Entscheidung des Generalstabs und des Oberbefehlshabers blockiert“.
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