Debatte

Den Übeln an die Wurzel: Erst die Überwindung des Kapitalismus rettet die Welt

Der Philosoph Slavoj Žižek nennt sie die drei großen Menschheitsbedrohungen: Umweltkrise, Künstliche Intelligenz und Krieg. Was tun? Ein Gastbeitrag.

Slavoj Žižek
8 Min

Inzwischen gehören die drei großen Bedrohungen für das Überleben der Menschheit zum Allgemeinwissen: die ökologische Krise, die unkontrollierte Entwicklung Künstlicher Intelligenz und die Gefahr der militärischen Selbstzerstörung.

Dabei fällt auf, dass in der medialen Berichterstattung immer wieder dasselbe Wort auftaucht: Eindämmung. Während die Bedrohungen als solche akzeptiert werden, richtet sich die Sorge darauf, dass ihre Eskalationskräfte im Krisenfall unkontrollierbar sind.

Beginnen wir mit den Kriegen. Sowohl Trump als auch Putin verwenden den Begriff nur ungern. Putin spricht mit Blick auf die Ukraine von einer „begrenzten Militäroperation“, die dazu diene, einen echten großen Krieg (einen Nato-Angriff auf Russland) zu verhindern. Und Trump hat seinen Angriff auf den Iran als „Exkursion“ bezeichnet, die dazu diene, einen echten großen Krieg (einen Atomangriff des Irans auf Israel) zu verhindern.

Paradox daran ist, dass die Zurückhaltung bei der Verwendung des Begriffs (Krieg) – obwohl Hunderttausende den Tod erleiden und die Infrastruktur eines Landes zerstört wird – eben dazu dient, den längst erreichten Kriegszustand zu normalisieren. Es ist die Strategie der Eindämmung – der Versuch, Konflikte unterhalb der Schwelle auszutragen, ab der sie zu einem tatsächlichen Weltkrieg eskalieren könnten.

Niemals sicher, ob die Eindämmung funktioniert

Befürchtet wird, dass der Ukraine-Krieg in einen gesamteuropäischen Atomkrieg ausartet und der Krieg zwischen den USA und dem Iran den gesamten Nahen Osten in Mitleidenschaft zieht. Das Problem ist natürlich, dass wir niemals sicher sein können, ob die Eindämmung auch funktioniert. Eine vom Akteur selbst als begrenzt wahrgenommene Aktion der einen Seite kann von der anderen jederzeit als Überschreitung einer roten Linie aufgefasst und mit einem Atomschlag beantwortet werden.

Stellen wir uns einen hypothetischen Extremfall vor. Ich bin Staatschef einer Supermacht, und meine zuverlässigen Geheimdienstquellen teilen mir mit, dass Hunderte von Atomraketen auf mein Land zusteuern – sie lassen sich nicht aufhalten, und ich weiß, dass mein Land in etwa einer Stunde zerstört sein wird. Da ich ebenfalls über genügend Atomwaffen verfüge, um den Feind zu vernichten, stehe ich vor einer schwierigen Entscheidung: Wenn ich mit aller Kraft zurückschlage, bedeutet das aller Wahrscheinlichkeit nach das Ende der Zivilisation.

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Die einzig wirklich ethische, aber sehr schwierige Entscheidung besteht darin, von einem Gegenschlag abzusehen – in dem Bewusstsein, dass mein Land von der Oberfläche unseres Planeten ausgelöscht, die Zivilisation aber überleben wird. In diesem Fall werde ich wohl in meinem (dann nicht mehr existierenden) Land als Verräter und Feigling in Erinnerung bleiben. Dafür besteht die Chance, dass der Rest der Menschheit mich als Retter der Zivilisation feiert.

Es gibt allerdings einen Haken: Diese ethische Entscheidung funktioniert nur, wenn der Feind sie nicht antizipieren kann. Wenn er weiß, dass ich von einem Gegenschlag absehen werde, bin ich erpressbar. Das bedeutet, dass mein Land in jedem Fall am Wettrüsten teilnehmen muss.

Als Nächstes die rasante Entwicklung der KI. Am Samstag, dem 25. Juli 2026, erklärte OpenAI-Chef Sam Altman, dass künstliche Intelligenz die „Singularität“ erreicht habe. Unter „Singularität“ versteht man den Punkt, ab dem es für den Menschen schwierig wird, die Entwicklung der KI zu kontrollieren oder umzukehren. Sobald die KI die Kontrolle über ihre eigene Entwicklung erlangt, könnten die daraus resultierenden technologischen Fortschritte so rasant voranschreiten, dass der Mensch nicht mehr mithalten kann und die KI sich praktisch eigenständig und jenseits menschlicher Kontrolle weiterentwickelt.

2025 hatte Altman prognostiziert, dass KI bis 2030 die menschliche Intelligenz in allen Bereichen übertreffen werde. Bei einem Auftritt im Podcast „Relentless“ sagte er kürzlich: „Wir befinden uns jetzt sozusagen in der Singularität. Jetzt sind wir tatsächlich in dem Moment angekommen, über den wir früher am Mittagstisch auf sehr lockere Weise gesprochen haben. (…) Ich habe mein ganzes Leben lang darauf gewartet, und ich glaube, es wird unglaublich, enorm positiv und großartig für die Welt sein.“

Unter den kritischen Stimmen forderte Anthropic, das Unternehmen hinter dem Chatbot Claude, die weltweit führenden KI-Unternehmen auf, die Entwicklung fortschrittlicher KI-Systeme zu unterbrechen. Anthropic warnte, die Technologie könne sich so schnell weiterentwickeln, dass der Mensch riskiere, die Kontrolle zu verlieren. In einem Blogbeitrag Anfang Juni schrieb das Unternehmen, dass es angesichts der fortschreitenden KI-Entwicklung „gut für die Welt wäre, die Möglichkeit zu haben, diese zu verlangsamen oder vorübergehend auszusetzen“.

Keine weltweite Instanz

Das Problem ist, dass es keine weltweite Instanz gibt, die ein solches Moratorium durchsetzen könnte. Viele Staaten entwickeln KI. Sie werden vermuten, dass die anderen – selbst wenn man sich öffentlich auf eine Pause einigte – insgeheim mit voller Kraft weitermachen. Die logische Schlussfolgerung ist, dass man selbst weitermacht.

Ein Teil der Bedrohung durch KI liegt somit nicht in der Technologie, sondern in den sozialen Bedingungen, unter denen sie vorangetrieben wird. Wir leben in einem Universum des Wettbewerbs und des globalen Misstrauens. Obwohl wir rational erkennen, dass Solidarität und Zusammenarbeit für alle Beteiligten besser sind, begünstigt die kapitalistische Gewinnorientierung das Misstrauen. In der Folge nehmen wir die jeweils anderen – die unser Vertrauen benutzen könnten, um noch brutaler zuzuschlagen – als potenzielle Bedrohung wahr.

Nun gibt es diejenigen, die der Meinung sind, wir wären noch weit von der „Singularität“ entfernt. Hier geht es um die genaue Bedeutung von Singularität. Ich denke, dass Altman ein relativ bescheidenes Phänomen als Singularität beschreibt. Es bedeutet lediglich, dass KI-Agenten eine Dynamik entwickelt haben, die wir nicht kontrollieren und eindämmen können.

Demgegenüber kann ich mir zwei weitaus mächtigere Ebenen vorstellen. Erstens: Die KI wird so mächtig, dass Menschen sie nicht nur nicht mehr eindämmen können, sondern dass sie direkt und offen die Kontrolle über unser Leben übernimmt und uns unterwirft. Zweitens gibt es die Neuralink-Option einer direkten Gehirn-Computer-Verbindung, was bedeuten würde, dass der KI-Agent (und diejenigen, die ihn kontrollieren) in der Lage wäre, unsere Gedanken zu lesen beziehungsweise zu steuern.

Ökologische Krise

Schließlich gibt es die ökologische Krise, die durch die jüngste Welle gigantischer Flächenbrände greifbar wird. Wie der bekannte spanische Forstingenieur Victor Resco de Dios kürzlich sagte: „Wir sind in eine Ära der unlöschbaren Brände eingetreten. Das sind Brände, die mit der Intensität mehrerer Atombomben brennen.“

Eines der eindringlichsten Beispiele ist das Auftreten von „Pyrocumulonimbus“ – Feuerwolken. Die entstehen, wenn besonders intensive Brände eine Hitzesäule erzeugen, die rasch aufsteigt und zu hoch aufragenden Gewitterwolken kondensiert. Feuerwolken erzeugen ihren eigenen Wind, Regen und Blitzschlag; sie verwandeln das Flammenmeer in einen unberechenbaren, sich selbst anfachenden Feuersturm.

Um erneut Resco de Dios zu zitieren: „Es ist schwer vorherzusagen, wie weit die Dinge noch gehen könnten. Wir werden bald nicht mehr ausschließen können, dass es zu dantesken Szenarien wie in Kalifornien oder Australien kommt, mit Bränden oder Brandkomplexen, die hunderttausende Hektar oder sogar eine Million Hektar erreichen.“

In den USA ist die Lage noch schlimmer. CNN berichtete am 31. Juli 2026: „Ein Hitzedom, der alle Rekorde zu brechen droht, wird den Westen mit den bislang höchsten Temperaturen des Sommers versengen.“ Dennoch drängt sich auch hier die Schlussfolgerung auf: Eine wirksame Unterbrechung der Entwicklung, etwa ein globales CO₂-Moratorium, wäre nicht durchsetzbar.

Die einzige Lösung, die ich sehe, ist, die Entwicklung mit Reflexion zu begleiten – einer Reflexion, die über das bloße Sammeln und Analysieren von Daten hinausgeht. Nachdenken bedeutet, über die Bedeutung von Daten zu reflektieren und dabei auch zu analysieren, inwieweit unser Umgang mit ihnen bereits voreingenommen ist. Neben der Konzentration auf das Eindämmen der Bedrohungen müssen wir nämlich überlegen, wie die Situation zu ändern wäre, aus der die Bedrohungen entstehen.

Hier ein anschauliches Beispiel: Anfang der 1930er-Jahre teilte John Dewey, ein der UdSSR wohlgesinnter amerikanischer Pragmatiker, seinem Freund und Schüler Sydney Hook mit, dass er plane, das Land zu besuchen. Hook stand der Sowjetunion kritisch gegenüber. Dewey versicherte ihm, er brauche keine Angst zu haben – nach seiner Rückkehr aus der UdSSR werde er, Dewey, sicher nicht behaupten, die UdSSR sei ein authentisch sozialistisches Land.

Hook erwiderte scharf: „Was ich befürchte, ist, dass du aus der UdSSR zurückkehrst und davon überzeugt bist, dass es sich nicht um ein wirklich sozialistisches Land handelt.“

Hook befürchtete, dass Dewey angesichts von Elend und Diktatur in der UdSSR zu dem Schluss kommen würde, dies sei kein Sozialismus. Für Hook galt das Gegenteil. Er hatte (richtigerweise) verstanden, dass der Stalinismus weder ein Verrat an der authentischen sozialistischen Vision war noch deren Negation. Das Potenzial der stalinistischen Schrecken war in der authentischen bolschewistischen Vision bereits angelegt. Ein wahrhaft dialektischer Ansatz verortet die spätere Negation im ursprünglichen Begriff selbst.

In der Geschichte des real existierenden Sozialismus gab es viele Versuche, dessen brutale Auswüchse einzudämmen, von Nikita Chruschtschows „Tauwetter“ nach 1956 bis hin zum jugoslawischen Selbstverwaltungssozialismus. Keiner davon funktionierte wirklich, da die Gefahr einer Rückkehr zur harten Linie als unsichtbarer Druck stets spürbar blieb. Als Michail Gorbatschow darauf verzichtete, brach das System zusammen.

Genau das Gleiche gilt für die drei großen Bedrohungen unseres Überlebens einschließlich des Kapitalismus als ihrer gemeinsamen Wurzel. Es reicht nicht, seine tödlichen Auswüchse, die eine Bedrohung für unser Überleben darstellen, einzudämmen. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir seine grundlegenden Koordinaten verändern können, ohne dabei eine ähnlich große Katastrophe wie die Roten Khmer in Kambodscha oder das Kim-Regime in Nordkorea auszulösen. Innerhalb der Koordinaten des bestehenden globalen Systems erscheint das zwangsläufig unmöglich. Diese Tatsache tut der Notwendigkeit jedoch keinen Abbruch.

Der Slowene Slavoj Žižek (77) ist Wissenschaftler am Institut für Philosophie der Universität Ljubljana und internationaler Direktor des Birkbeck Institute for the Humanities der Universität London.

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