Verkehr

Vorzeigebrücke der Deutschen Einheit ist plötzlich ein Sanierungsfall

Die B 101 bei Thyrow ist voll gesperrt: Risse im Holztragwerk der Grünbrücke gefährden die Standsicherheit. Umleitung führt durch fünf Dörfer.

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Die B 101 bei Thyrow ist seit Freitagabend voll gesperrt. Risse im Holztragwerk der Grünbrücke gefährden nach Einschätzung eines Sachverständigen die Standsicherheit. (Symbolbild)

Die B 101 bei Thyrow ist seit Freitagabend voll gesperrt. Risse im Holztragwerk der Grünbrücke gefährden nach Einschätzung eines Sachverständigen die Standsicherheit. (Symbolbild)

© IMAGO/Marc John

Für Rehe und Wildschweine ist die Brücke über die B 101 bei Thyrow ein sicherer Weg über vier Fahrspuren. Für alle anderen ist sie seit Freitagabend ein Problem.

Der Landesbetrieb Straßenwesen hat die Bundesstraße im Bereich der Ortsumfahrung Thyrow (Landkreis Teltow-Fläming) voll gesperrt. Auch die parallel verlaufende Gemeindestraße ist zu.

Der Grund steht seit Jahren mitten in der Landschaft und galt bislang als Erfolgsgeschichte: Europas größte Grünbrücke aus Holz. In ihrem Tragwerk sind Risse aufgetaucht.

Gutachter sieht Stand- und Tragsicherheit gefährdet

Die Formulierung der Behörde ist ungewöhnlich deutlich. Ein Sachverständiger erkenne durch die Risse „eine wesentliche Gefährdung der Stand- und Tragsicherheit der Brücke“, heißt es in der Mitteilung.

Die Sperrung sei eine Maßnahme der Gefahrenabwehr. Entschieden haben sie drei Stellen gemeinsam: die DEGES als Erbauerin, der Landesbetrieb und das Potsdamer Infrastrukturministerium.

Sie gilt, bis zusätzliche Untersuchungen genauere Aussagen zur Statik erlauben. Ein Datum für die Aufhebung nennt bisher niemand.

Umleitung durch fünf Dörfer

Für die Region ist das ein handfestes Problem. Über den Abschnitt zwischen Luckenwalde, Berliner Ring und Hauptstadt rollen nach Angaben aus der Bauzeit täglich 15.000 bis 20.000 Fahrzeuge, ein erheblicher Teil davon Lastwagen.

Der Verkehr aus dem Norden wird bei Ludwigsfelde Süd auf die L 79 nach Groß Schulzendorf geschickt, weiter über Werben, Nunsdorf und Christinendorf zurück auf die B 101. Aus dem Süden läuft eine zweite Umleitung über die B 246.

Zwei Strecken statt einer, damit sich der Verkehr verteilt. Unterm Strich bekommen jetzt fünf Dörfer den Durchgangsverkehr ab, den vor gut sieben Jahren eine 44 Millionen Euro teure Ortsumgehung aus den Ortslagen herausgeholt hat.

Europas größte Grünbrücke aus Holz

Das Bauwerk war ein Aushängeschild. Zwei parallele Bögen aus heimischer Lärche überspannen die alte einspurige und die neue vierstreifige B 101, darüber liegen 2350 Quadratmeter Wiese und Gebüsch. Diese Doppelkonstruktion gibt es in Deutschland kein zweites Mal.

80 Bogenbinder aus Brettschichtholz tragen die Last, die Stützweiten reichen bis 30 Meter, am First ist das Bauwerk neun Meter hoch.

Den Zuschlag bekam Holz in einem materialoffenen Wettbewerb, unterfüttert mit einer Nachhaltigkeitsstudie der Bauherrin. Kostenpunkt laut B.Z.: 8,2 Millionen Euro, deutlich weniger als eine Betonschale gekostet hätte.

Im Dezember 2018 wurde die Ortsumgehung freigegeben, bis Sommer 2019 liefen an der Grünbrücke Restarbeiten. Kalkuliert wird bei Holzbrücken mit 60 Standjahren, bei Beton mit 70. Erreicht hat die Thyrower Konstruktion bislang keine acht.

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Warum diese Brücken im Osten stehen

Die Bauherrin trägt die deutsche Einheit im Namen: DEGES, ausgeschrieben Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH, gegründet 1991 für die Verkehrsprojekte Deutsche Einheit.

Die hölzernen Grünbrücken sind bis heute eine ostdeutsche Spezialität. Europas erste entstand 2004 bei Wilmshagen an der B 96n, dem Rügenzubringer in Mecklenburg-Vorpommern. Auftraggeberin: ebenfalls die DEGES.

Die zweite steht ein Stück südlich an derselben B 101, freigegeben 2013. Sie hat nur einen großen Bogen, der die Lasten gleichmäßig verteilt, und zeigt bislang keine Mängel.

Geschützt sind solche Konstruktionen aufwendig, mit Imprägnierung, Lasur und einer Abdichtung unter der Erdschicht. Feuchtigkeit und Pilzbefall bleiben trotzdem die klassischen Feinde jeder Holzbrücke. Was in Thyrow versagt hat, ist offen.

Wie anspruchsvoll moderner Holzbrückenbau ist, zeigte 2022 die Tretten-Brücke im norwegischen Gudbrandsdal. Sie stürzte nach gut zehn Betriebsjahren ein, im Fokus der Untersuchungen stand ein hölzerner Diagonalstab.

Die Gewährleistung läuft noch

Ein Detail aus der Mitteilung des Landesbetriebs dürfte in den kommenden Wochen wichtig werden: Die Grünbrücke unterliegt noch der Gewährleistung.

Lässt sich ein Mangel an Planung oder Ausführung nachweisen, landet die Rechnung nicht automatisch beim Steuerzahler. Ursache und Verantwortung sind bislang ungeklärt.

Die DEGES gibt sich vorsichtig optimistisch. Nach aktuellem Stand lasse sich das Bauwerk sanieren, sagte ein Sprecher der B.Z. Ein Abriss steht demnach vorerst nicht im Raum. Gegenüber demselben Blatt räumte die Gesellschaft ein, dass Holz bei großen Stützweiten an Grenzen stoße.

Bohrkerne und Vermessung

Am Mittwoch soll die Brücke gründlicher untersucht werden. Fachleute entnehmen Bohrkerne aus dem Holz und vermessen das Tragwerk.

Erst danach lässt sich sagen, ob die B 101 mit Auflagen wieder freigegeben werden kann oder ob die Sperrung Wochen dauert. Ein Sprecher des Infrastrukturministeriums wollte sich auf keinen Zeitraum festlegen.

Ostdeutsche Brücken stehen besser da

Im bundesweiten Vergleich ist der Osten bei Brücken bislang im Vorteil. Vieles wurde nach 1990 neu gebaut, der Sanierungsstau fällt geringer aus als in vielen westdeutschen Regionen, wie der ADAC Berlin-Brandenburg dem Berliner Kurier bestätigte.

Der Bedarf wächst trotzdem, weil Verkehrsmenge und Lkw-Anteil zugenommen haben. Der Einsturz der Dresdner Carolabrücke im September 2024 hat gezeigt, wie schnell aus einer Routineprüfung ein Notfall wird.

Bundesweit gelten Tausende Teilbauwerke an Autobahnen und Bundesstraßen als modernisierungsbedürftig. Nach dem Zustand der Bundesbrücken in Berlin und Brandenburg hat die AfD-Fraktion im Mai eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung gestellt.

Thyrow fügt dem Bild eine neue Variante hinzu. Hier bröckelt kein Beton aus den Siebzigern, sondern ein Bauwerk macht Ärger, das jünger ist als viele Autos, die täglich darunter herfahren.

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