Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Lucia und Lucyra verband ein Band, das ich erst jetzt spüren kann. Plötzlich, mit meinem Körper im Meer, schwerelos treibend, spüre ich, was sie miteinander verband. Und ich war nur ein Teil davon – ihre erste Enkelin.
Jeden Sommer, wenn ich mit meiner Mutter von Campinas nach Rio de Janeiro kam, trafen sich meine beiden Großmütter. Meistens war ich dabei. Sie saßen zusammen, tranken Kaffee und redeten. Bei Lucyra gab es den Kaffee aus den schönsten Tassen, bei Lucia den besten Tee. Haben sie voneinander gewusst? Von den Schmerzen der anderen? Heute verstehe ich die feuchte Stille in ihren Augen.
Ein Akt der Rebellion
Einmal fragte mich ein Cousin nach Lucia: „Deine Oma ist Feministin, oder?“ Er sagte es leise, als wäre das ein gefährliches Geheimnis. Oder eine unheilbare Krankheit. Vielleicht auch so etwas wie der Kommunismus. Ich erinnere mich nicht mehr daran, was ich geantwortet habe. Aber ich erinnere mich noch genau an das Gefühl: als wäre ich ertappt worden, als müsste ich mich schämen. Nur weiß ich heute nicht mehr, für wen eigentlich.
Lucia war Tochter italienischer Einwanderer und wurde 1917 in Buenos Aires geboren. Sie studierte Chemie, war eine herausragende Studentin, verliebte sich in einen ihrer Professoren, heiratete ihn und wurde schwanger. Kurz darauf kam ihr erster Sohn zur Welt.
Die Ehe verlief jedoch nicht glücklich. Als ihr Sohn gerade ein Jahr alt war, erhielt Lucia ein Stipendium für einen Postdoc in Paris. Sie ließ ihren Sohn zunächst bei seinem Vater, später bei ihrer Schwester, und ging nach Frankreich, um ihrer wissenschaftlichen Berufung zu folgen. Für eine Frau ihrer Zeit war das eine radikale Entscheidung – ein Akt der Rebellion. Der Preis, den sie dafür zahlte, sollte ihren weiteren Lebensweg dauerhaft prägen.
Auf der Schiffsreise von Buenos Aires nach Paris – mit Zwischenstopp in Brasilien – lernte sie meinen Großvater Celso kennen, der auch an die Sorbonne für seinen Postdoc reiste. Die beiden verliebten sich. Zwei Jahre später wurde mein Vater geboren, danach mein Onkel. Schließlich ließ sich Lucia von ihrem ersten Mann in Argentinien scheiden.
„Wir waren die Undermodels“: Von stetem Hunger, Knebelverträgen und mächtigen Männern
Kinder ohne den Segen Gottes?
Die Beziehung zwischen Lucia und Celso war für seine Familie ein Skandal. Wie, eine geschiedene Frau, noch dazu mit einem Kind aus erster Ehe? Und dann Kinder bekommen, ohne den Segen Gottes? Um seine Familie zu besänftigen, fanden die beiden in Brasilien einen Priester, der sie katholisch traute. Die Schwiegermutter war beruhigt, und das Leben konnte seinen gewohnten Lauf nehmen – zumindest für eine Zeit.
Jedes Jahr reiste meine Großmutter nach Buenos Aires. Dort besuchte sie ihre Familie. Es war, als müsste sie dort jedes Mal die verstreuten Teile ihrer selbst wieder einsammeln. Heute verstehe ich sie besser. Auch ich habe Teile von mir in verschiedenen Ecken der Welt zurückgelassen.
Als Lucia schon sehr alt war und bei meinem Vater lebte, sprach sie oft voller Sorge über ihren ersten Sohn. Mein Vater und ich hatten beide den Eindruck, dass sie von Schuldgefühlen begleitet wurde. Sie hatte ihn zurückgelassen. In der neuen Familie seines Vaters wurde er damals schlecht behandelt. Er fühlte sich dort nie zu Hause.
Erst als er ein junger Erwachsener war, holte ihn Lucia nach Paris. Dort studierte er, wie seine zwei Halbbrüder, die zwei und vier Jahre jünger waren. Doch der Riss blieb. Im Innersten blieb die Erfahrung bestehen, dass er als kleines Kind nicht hatte mitkommen dürfen. Nicht, weil seine Mutter ihn nicht liebte, sondern weil sie ihn nicht mitnehmen konnte. Sie wollte ihrer wissenschaftlichen Berufung folgen. Sie konnte ihn damals nicht einfach in ihre neue Familie holen.
Zugleich Frau und Mutter
Meine Großmutter Lucia war stark. Sie verwandelte ihren Schmerz und ihre Erfahrungen in Gesellschaftskritik und Wissenschaft. Sie richtete ihren Blick auf ihre eigene Geschichte und begann, über Frauen zu forschen und zu schreiben. Sie und mein Großvater waren beide Wissenschaftler, beide ihrer Arbeit leidenschaftlich verbunden. Doch sie war zugleich Frau und Mutter.
Als Teenager wurde mein Vater auf ein Internat in England geschickt, das aussah wie das Schloss von Harry Potter. Während seine Mitschüler am Wochenende nach Hause fuhren, blieb er meist dort – Frankreich war zu weit entfernt. Kurz danach trennten sich Lucia und Celso. Mein Vater erinnert sich nur vage daran. Heute verstehe ich vieles an ihm besser. Er hasst Porridge.
Lucyra Rastelli Ramos
© Privatarchiv der Autorin
Lucyra wurde 1932 in Valença, Brasilien, geboren. Auch sie war Tochter italienischer Einwanderer. Weil ihre Eltern zeitweise nicht genug Geld hatten, gaben sie Lucyra zu einer Tante. Dort lebte sie einige Zeit, während ihre drei jüngeren Schwestern bei den Eltern blieben. Sie erzählte, wie sehr sie in dieser Zeit litt. Die Tante sagte ihr immer wieder, ihre Haare seien hässlich.
Meine „Vovó Joja“ – so nannte ich sie – war ein sehr liebevoller Mensch. Sie war jedoch von Medikamenten abhängig. Als Kind verstand ich das nicht. Einmal explodierte ein Haus in unserer Nachbarschaft in Rio. Ich schreckte voller Angst aus dem Schlaf. Meine Großmutter bewegte sich nicht einmal. Heute weiß ich: Sie konnte nicht ohne ihre Medikamente.
Von ihrer Vergangenheit kenne ich nur Fragmente. Anders als über Lucia gibt es von Lucyra keine wissenschaftlichen Texte, keine Wikipedia-Einträge, keine Archive, die ihre offizielle Geschichte erzählen. Nur Erinnerungen, Andeutungen und Familiengeheimnisse, die ich mit der Zeit wie die Teile eines Puzzles zusammensetze.
Großvater Everaldo verspielte das Ersparte an der Börse
Lucyra besuchte nur wenige Jahre die Schule. Sie konnte hervorragend nähen und baute sich ein eigenes kleines Geschäft auf, das eine Zeit lang erfolgreich lief. Doch mein Großvater Everaldo verspielte das Ersparte an der Börse. Mit einem Mal war alles verloren.
Eine Zeit lang wollte Lucyra sich scheiden lassen. Sie hatte sich in einen anderen Mann verliebt. Doch die Familie ließ das nicht zu. Stattdessen wurde sie in eine Klinik eingewiesen. Meine Mutter erinnert sich an ein Bild aus ihrer Kindheit: Menschen tragen ihre Mutter aus dem Haus. Blutspuren bleiben zurück. Niemand erklärt, was geschehen ist. Danach war Lucyra für einige Zeit verschwunden.
Meine Mutter hatte eine schwierige Jugend. Anders als mein Onkel war sie ein Mädchen – und damit galten für sie andere Regeln. Vieles war ihr verboten. Manches tat sie trotzdem. Doch den Rückhalt ihrer Familie hatte sie selten.
Der Mann, in den Lucyra sich verliebt hatte, begegnete ihr noch ein Leben lang auf Familienfeiern. Schließlich heiratete er ihre jüngste Schwester. Angeblich versuchte er später immer wieder, sich Lucyra anzunähern. Heute erinnere ich mich an diese gemeinsamen Weihnachtsfeste mit anderen Augen. Manchmal muss ich fast weinen.
Vor einigen Jahren schenkte mir meine Mutter eine Puppe, die meiner Oma gehört hatte. „Sie ist sehr wertvoll“, sagte sie. Es war eine Puppe vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Ihr Gesicht erinnerte mich an Chucky. Ich nahm sie, sorgfältig eingewickelt, mit in meinem Gepäck. Als sie ankam, war sie in Scherben. Ich sammelte die Bruchstücke, zusammen mit meinen Tränen, als wären sie Teile meiner Oma. Sie liegen noch immer bei mir. Und manchmal muss ich mich ihnen annähern. Dann bin ich ihr wieder nah.
Die Scherben meiner Vergangenheit liegen heute im Meer. Von ihm getragen bin ich allein – und zugleich verbunden.
Frauentag: Warum muss ich an Femizid denken, wenn ich alleine gehe?
Wera Herzberg im Interview: „Meine Mutter wollte raus aus dem vereinten Deutschland“
Eine unvergessene Reise
Beide Omas haben mich sehr geliebt und mir immer wieder Mut gemacht. Ich sei intelligent, ich sei stark, ich sei groß. Ich müsse studieren. Ich könne alles werden. Sie kochten wunderbar für mich.
Als ich zehn Jahre alt war, nahm Lucia mich für einen Monat mit zu sich nach Paris. Vor der Reise sagte Lucyra zu mir, ich würde dort, wie sie es nannte, „in die Linie gebracht“ (entrar na linha). Lucia werde nicht alles für mich machen, so wie ich es von zu Hause gewohnt sei. Sie hatte recht. Ich habe es überlebt.
Diese Reise hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt. Jahre später kehrte ich nach Paris zurück, um mein eigenes Abenteuer zu beginnen. Ich durfte.
Vieles war für mich selbstverständlich. Erst viel später wurde mir – mit dem Körper, nicht nur mit dem Kopf – bewusst, dass Frauen vor mir dafür kämpfen mussten, damit ich all das für selbstverständlich halten konnte.
Lucia ließ sich zweimal scheiden.
Lucyra konnte nicht.
Lucia ließ ihren ersten Sohn zurück.
Lucyra wurde als erste Tochter zurückgelassen.
Lucia absolvierte einen Postdoc.
Lucyra konnte die Schule nicht beenden.
So unterschiedlich ihre Lebenswege auch waren – beide trugen ein Gewicht mit sich: eine schwebende, schreiende Stille, die schon Generationen von Frauen vor ihnen begleitet hatte. Die eine brach neue Bahnen, die andere durfte es nicht. Beide litten. Nie war es richtig.
Lucyra starb an einem Herzinfarkt. Sie war noch keine siebzig. Auch Lucias Herz blieb stehen. Sie wurde neunundachtzig.
Lucia forschte und schrieb über die Hexenverfolgung im Mittelalter. Jahre später las ich ihren Text. Da war sie schon längst tot. Von Lucyra blieben Bilder, Gesten und ihre Liebe.
Ich möchte eine Hexe sein.
Anaís Furtado kam im Jahr 2000 aus Brasilien nach Deutschland. Nach vielen Jahren in der internationalen Modebranche studierte sie Kulturwissenschaften und Interdisziplinäre Lateinamerikastudien. Heute arbeitet sie als freischaffende Künstlerin und Projektkoordinatorin in der Stadtteilarbeit in Berlin. In ihrer Arbeit verbindet sie persönliche Erfahrungen mit Fragen von Migration, Macht und Zugehörigkeit und beschäftigt sich mit den Spannungen zwischen individuellem Erleben und gesellschaftlichen Narrativen.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nichtkommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung bzw. Ostdeutschen Allgemeinen und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]