Luftabwehr

Russland nutzt Kiews Patriot-Lücke – warum ballistische Raketen immer öfter durchkommen

Am 5. August fing die Ukraine keine der 28 russischen Raketen ab, vier Tage zuvor nur eine von 27 ballistischen. Der Iran-Krieg verschärft den Mangel an Patriot-Munition zusätzlich.

4 Min
Ein Patriot-Luftabwehrsystem feuert eine Abfangrakete ab.

Ein Patriot-Luftabwehrsystem feuert eine Abfangrakete ab.

© Abaca/imago

Russland nutzt nach einer Analyse des US-Senders CNN zunehmend eine zentrale Schwachstelle der ukrainischen Luftabwehr: den Mangel an Abfangraketen gegen ballistische Flugkörper. Die Folgen zeigen sich besonders deutlich in Kiew und der umliegenden Region.

Beim Großangriff am 5. August setzte Russland nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe 24 ballistische Iskander-M-Raketen beziehungsweise aus S-400-Systemen abgefeuerte Flugkörper sowie vier Zirkon-Raketen ein. Keine davon wurde als abgefangen gemeldet. Mindestens 17 Menschen wurden getötet.

Vier Tage zuvor hatte Russland 27 ballistische Raketen eingesetzt. Nur eine wurde nach ukrainischen Angaben abgefangen. Selenskyj führte die niedrige Quote unmittelbar auf fehlende Patriot-Munition zurück. Auch Anfang Juli meldete die Luftwaffe bei einem Angriff keinen Abschuss der 23 eingesetzten ballistischen Raketen.

Die Angaben zu Zahl, Typ und Abschuss der russischen Flugkörper stammen weitgehend von der ukrainischen Luftwaffe und lassen sich im Detail nicht unabhängig überprüfen.

Warum Iskander-Raketen so schwer abzufangen sind

Drohnen, Marschflugkörper und ballistische Raketen stellen die Luftabwehr vor unterschiedliche Aufgaben. Gegen vergleichsweise langsame Angriffsdrohnen verfügt die Ukraine inzwischen über Flugabwehr, elektronische Störsysteme und mobile Einheiten.

Ballistische Raketen sind erheblich schwieriger zu stoppen. Sie werden zunächst auf eine hohe Flugbahn beschleunigt und stürzen anschließend mit extremer Geschwindigkeit auf ihr Ziel. Die russische Iskander erreicht laut dem Center for Strategic and International Studies etwa die sechs- bis siebenfache Schallgeschwindigkeit und kann eine Nutzlast von 480 bis 700 Kilogramm tragen.

Die Vorwarnzeit schrumpft dadurch drastisch. CNN berichtet, dass bei jüngsten Angriffen auf Kiew Luftalarm und Einschläge teilweise nahezu gleichzeitig registriert wurden.

Patriot-Munition wird zur entscheidenden Schwachstelle

Zu den wenigen verfügbaren Systemen gegen ballistische Raketen gehört die amerikanische Patriot-Flugabwehr mit PAC-3-Abfangraketen. Das größere Problem ist inzwischen offenbar die verfügbare Munition.

Selenskyj erklärte am Mittwoch, die Ukraine habe 2026 bislang nur etwa ein Drittel so viele Luftabwehrraketen von ihren Partnern erhalten wie im vergangenen Jahr. Russland habe Kiew allein im Juli durchschnittlich etwa alle drei Tage angegriffen.

Nach von Reuters ausgewerteten ukrainischen Luftwaffendaten wurden bereits in den ersten Julitagen nur vier von 49 russischen ballistischen Raketen abgefangen. Bei Drohnen und anderen Raketentypen lagen die gemeldeten Abschussquoten deutlich höher.

Iran-Krieg verschärft Engpass bei Patriot-Raketen

Selenskyj führt den Rückgang der Lieferungen vor allem auf den hohen Bedarf im Nahen Osten infolge des Krieges der USA und Israels gegen den Iran zurück. Auch die amerikanischen Bestände sind stark geschrumpft.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Der Thinktank CSIS schätzte Ende Juli, dass die USA weniger als 1000 Patriot-Abfangraketen und nur noch rund 250 THAAD-Abfangraketen besitzen. Das sind Modellschätzungen auf Grundlage öffentlich verfügbarer Daten, keine veröffentlichten Pentagon-Bestände.

Kiew drängt deshalb auf eine eigene Produktion. Beim Nato-Gipfel in Ankara hatte Trump zunächst Bereitschaft für eine ukrainische Koproduktion signalisiert. Ende Juli stellte er jedoch klar, dass es bislang keine Vereinbarung gebe. Gespräche zwischen Washington und Kiew laufen Reuters zufolge weiter.

Wolodymyr Selenskyj vor einem Patriot-Luftabwehrsystem bei einem Besuch auf einem Truppenübungsplatz in Mecklenburg-Vorpommern im Juni 2024. Der Ukraine fehlen zunehmend Abfangraketen gegen russische ballistische Raketen.

Wolodymyr Selenskyj vor einem Patriot-Luftabwehrsystem bei einem Besuch auf einem Truppenübungsplatz in Mecklenburg-Vorpommern im Juni 2024. Der Ukraine fehlen zunehmend Abfangraketen gegen russische ballistische Raketen.

© Jens Büttner/dpa

Nordkorea könnte Russlands Raketenarsenal verstärken

Während die Ukraine um Abfangraketen ringt, könnte Russland zusätzliche Waffen aus Nordkorea erhalten. Nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes wird eine nordkoreanische Raketeneinheit mit rund 90 Soldaten in die Region Woronesch verlegt. Sie könnte mit bis zu 120 ballistischen Raketen und sechs Abschussvorrichtungen ausgestattet werden. Reuters konnte die Angaben nicht unabhängig bestätigen.

Ein ukrainischer Berater für Verteidigungstechnologie schätzt, dass Russland künftig bis zu 100 ballistische Raketen pro Monat einsetzen könnte. Die Ukraine versucht deshalb zunehmend, Abschussvorrichtungen am Boden zu zerstören.

Die Militäranalystin Dara Massicot sagte CNN, die Probleme mit Patriot-Abfangraketen seien bekannt. Kiew müsse über einen „Plan B und Plan C“ nachdenken, um Russlands Startkapazitäten zu verringern.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner