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Vor 60 Jahren, am 13. September 1966, starb in Halle/Saale eine ungewöhnliche Tanzpädagogin: Jenny Gertz. Als Tochter des Charlottenburger Buchdruckers Adolf Gertz wurde sie geboren. Wie ihre Geschwister genoss sie die Erziehung in einem wohlhabenden Elternhaus. Obwohl sie nichts entbehren musste, entwickelte sie schon als Kind viel Empathie für die ärmeren Bewohner in ihrer Nachbarschaft.
Hielt sich die Familie im Sommer auf ihrem Grundstück auf Rügen auf, vermittelte ein Hauslehrer den Schulstoff. Jenny spielte am liebsten mit den Kindern der armen Katenbewohner und der „Zigeuner“. Der Vater war ein sprachgewandter Freidenker, der sich als Stadtverordneter für die Einrichtung der ersten öffentlichen Bibliothek Charlottenburgs eingesetzt haben soll. Später huldigte er Fürsten und Königen und behauptete, „Frauen hätten keinen Geist“, wie seine Tochter Jenny festhielt.
Trotz des häuslichen Wohlstands war Jenny Gertz als Kind nicht glücklich. „Ich neigte immer dazu, denen zu helfen, die mir in Not schienen. Ein Waisenhaus zu leiten, war mein Ideal!“ Jenny wollte Lehrerin werden. In ihren Erinnerungen, die sie nach ihrer Emigration in den Sechzigerjahren zu Papier brachte, schrieb sie: „Mein Vater hasste den deutschen Volksschullehrer und wollte unter allen Umständen verhindern, dass ich Lehrerin werde.“
Durch Nachhilfestunden verschaffte sie sich die Mittel, um studieren zu können, und legte ein halbes Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges das Examen für die Lehrbefähigung ab. Sie begann ihre pädagogische Karriere in einem Ort auf dem Land irgendwo zwischen Wismar und Rostock. „Hier im schwärzesten Mecklenburg lernte ich das Leben der armen Landbevölkerung kennen, sammelte die Katenkinder um mich, ja fand neue Wege in der Erziehung, konnte mich aber gegen die Großgrundbesitzer nicht behaupten.“
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Engagement bei der Frauenliga für Frieden und Freiheit
Im September 1917 ging sie nach Hamburg und stellte sich einer von Frauen geführten Kriegsküche zur Verfügung, die in einer Schule im Arbeiterviertel Eimsbüttel untergebracht war. Als gerade mal 26-Jährige übernahm sie bald die Leitung aller Kriegsküchen in Hamburg. Als ruchbar wurde, dass sie die Portionen auf eigene Faust verbesserte, wurde sie fristlos entlassen. „Ich galt als Kommunistin, obgleich ich keine Ahnung hatte, was das war.“
Sie engagierte sich nun bei der Frauenliga für Frieden und Freiheit und begann, bei den Freidenkern mit Kindergruppen zu arbeiten und die älteren unter ihnen auf die Jugendweihe vorzubereiten. Damals kamen Bewegungsspiele und der sogenannte „Ausdruckstanz“ auf, die als Reigen ohne festes Tanzreglement Jenny für geeignet fand, in ihre pädagogische Arbeit zu integrieren. Bei der Lektüre von Makarenkos „Weg ins Leben“ waren ihr die eigenen Mängel in der pädagogischen Arbeit bewusst geworden. Sie erkannte, dass es nicht genügen konnte, Kinder aus proletarischem Milieu mit Tänzen vom Alltag abzulenken.
„Die schöpferischen Kräfte im Kind zu wecken, anzuregen und sie zu selbständig denkenden und handelnden Menschen zu erziehen“, lautete ihr Leitsatz, dem sie zeitlebens treu blieb. Die Kinder sollten von klein auf lernen, bei den Übungen ihre Körperbewegung bewusst anzuwenden und in der Gruppe Verantwortung zu übernehmen.
Diplom für Ausdruckstanz bei Rudolf von Laban
Als im Jahr 1922 der seinerzeit europaweit bekannte Begründer des Ausdruckstanzes, der Tanzpädagoge Rudolf von Laban, in Hamburg am Schwanenwik eine Schule eröffnete, schloss sie sich mit ihren Kindern sofort seinem Unterricht an. Sie erwarb bei Laban 1923 ein Diplom und leitete an Labans Schule fortan die Bewegungschöre.
Der Hamburger Aufstand vom Oktober 1923 regte sie trotz der Niederlage der Barrikadenkämpfer an, erste Szenen für ihr späteres „Revolutionsspiel“ zu entwerfen, ein Stück aus Tanz und Bewegung, das den Kampf gegen die Unterdrückung der Arbeiterbewegung darstellen sollte. Als sie Laban zu einer Probe in ihre Eimsbütteler Wohnung einlud, war er ganz erschüttert von der Dramaturgie und dem Aufbau des Stücks. „Die ganze Nacht hab ich davon geträumt“, gestand er Jenny später.
Bald genügte ihr die Tätigkeit am Schwanenwik nicht mehr. Sie wollte mit Kindern und Jugendlichen aus proletarischen Familien arbeiten. „Nachdem Rudolf von Laban einmal in Halle an der Saale einen Vortrag gehalten hatte, sagte er mir, Halle sei rot, das wäre etwas für mich. So schmiss ich die gut bezahlte Stellung bei ihm, ging nach Halle und wollte versuchen, mit Proleten zu arbeiten – ohne dabei zu verhungern.“
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20.000 Menschen wollten dem Spektakel beiwohnen
In Halle 1927 an der weltlichen Schule Süd als Hilfslehrerin und Tanzpädagogin angestellt, begann sie, Erwachsenenchöre und Tanzgruppen ins Leben zu rufen, mit denen sie bei Veranstaltungen der „Internationalen Arbeiterhilfe“ und des „Bundes der Freunde der Sowjetunion“ auftrat. Bei der Zehnjahresfeier der Sowjetunion ließ sie erstmals das „Revolutionsspiel“ aufführen, dessen Inszenierung zu ihrem künstlerischen Höhepunkt wurde. Im Herbst 1932 gründete sie in der Barbarastraße in Halle das „Haus der Tänzer“, eine europaweit einmalige Einrichtung.
Nach dem Reichstagsbrand wurde sie verhaftet, ihr „Haus der Tänzer“ polizeilich geschlossen. Ein Vierteljahr verbrachte sie in der Gestapohaft. Nach der Entlassung entschloss sie sich im Herbst zur Flucht. Gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Ilse Loesch reiste sie in die Lüneburger Heide und von da über Koblenz nach Plauen. Am 27. Oktober 1933 überquerten die beiden die Grenze zur Tschechoslowakei.
Am Prager Wenzelsplatz wurden sie im Büro des „Hilfskomitees für Emigranten aus Deutschland“ in die Emigration eingereiht. Trotz der misslichen Umstände, die das Exil mit sich brachte, fanden Jenny Gertz und Ilse Loesch solidarische Prager Tanzkolleginnen, die die beiden Flüchtlinge unterstützten. Die Zusammenarbeit gelang, und so kam es Anfang 1934 im Saal der Prager „Lucerna“ zur Aufführung eines großen internationalen Tanzspieles, an dem Menschen aus mehreren Ländern mitwirkten.
Doch die Folgen der Weltwirtschaftskrise hatten die Tschechoslowakei hart getroffen. In den von Hunger und Armut heimgesuchten Gebieten Nordböhmens unterstützte Jenny Gertz fortan die Arbeit der Roten Hilfe (Rudá pomoc). Im Juni 1935 inszenierte sie gemeinsam mit sudetendeutschen Arbeitersportlern aus Liberec (Reichenberg) ihr Revolutionsspiel, das beim „Arbeiter-Musik-Fest“ am Naturfreundehaus auf der Königshöhe eine gefeierte Aufführung erlebte. 20.000 Menschen waren auf die Königshöhe gewandert, um diesem Spektakel beizuwohnen.
Fünf Tage in Polizeigewahrsam
Jenny Gertz’ Aktivitäten blieben der tschechoslowakischen Gendarmerie nicht verborgen. In einem Bericht des Polizeipräsidiums Prag vom Januar 1938 heißt es: „Es bleibt festzustellen, dass sie eine unbequeme Ausländerin und eine Gefahr für den Staat ist. (…) Sie führt hier ein Leben, das sich grundlegend von dem der politischen Emigranten unterschied. Die behördlichen Auflagen hielten die Gertzová nicht von ihren Aktivitäten ab, sodass sie zur Polizeiwache in Jablonec gebracht und dort in Polizeigewahrsam genommen wurde. Sie verkehrt ausschließlich mit Mitgliedern der Kommunistischen Partei.“
Nach dem fünftägigen Polizeigewahrsam sollte sie des Landes verwiesen werden, doch konnte sie dank anwaltlicher Unterstützung der Roten Hilfe Widerspruch einlegen, sodass sie lediglich ins Landesinnere nach Kornhaus verbannt wurde, wo sie im Heim für Emigrantenkinder unterkam und dort den Unterricht für die Kinder aufnahm.
„Als Hitler 1938 in die Tschechoslowakei einfiel und das Sudetenland besetzte, war ich gerade mit einem unserer Kinder zu Besuch in den Sudeten, musste aber nun nach Prag fliehen, verkaufte dort die Rote Fahne, um leben zu können, und erhielt den Auftrag von der Partei, mir ein Visum ins Ausland zu verschaffen.“
Jenny hatte Glück und erhielt aus England von dem ebenfalls emigrierten Tanzpädagogen Kurt Jooß die Aufforderung, nach Südengland zu kommen – als Schülerin an seine Tanzschule in Dartington Hall. Über Frankreich gelangte sie nach England. Ab Kriegsbeginn 1939 arbeitete sie mit Kindern und Jugendlichen, die aus London evakuiert worden waren. Zwei Jahre nach Kriegsende konnte sie schließlich nach Deutschland zurückkehren.
Porträt aus dem Jahr 1930
© Archiv Jenny Gertz
Höchste Anforderungen an Kinder und Eltern
„Ich hatte durch all die Jahre nur auf diesen Augenblick gewartet. Voller Freude und Mut konnte ich im März 1947 nach Deutschland zurückkehren. Der Empfang in Halle konnte nicht schöner sein. Aber gleich wurde ich von der Partei in Beschlag genommen und musste 1. Vorsitzende des DFD werden, des Demokratischen Frauenbunds Deutschlands. Daneben baute ich meinen Kinderklub auf und wurde vom Stadtschulamt in den Schulkindergärten, der Grundschule der Franckeschen Stiftungen und im Kindergärtnerinnen-Seminar als Tanzpädagogin beschäftigt. Erst ab April 1950 konnte ich mich ganz meiner Kinderarbeit widmen.“
Jenny stellte an die Arbeit mit Kindern höchste Anforderungen, auch an die Eltern, am meisten an sich selbst. Eine Kollegin erinnerte sich später, Jenny Gertz habe selbst unter schwierigsten Bedingungen nie aufgegeben und bis zur physischen und psychischen Erschöpfung gearbeitet.
Infolge von Konflikten mit einer Hallenser Behörde, die Herzprobleme nach sich zogen, bat sie 1953 um ihre Entlassung. Die Arbeit mit Kindern nahm sie später wieder auf. Noch im Alter von über 70 Jahren lehrte die Visionärin und Revolutionärin Kinder das Tanzen.
René Senenko, 1957 in Sachsen geboren, Diplom-Sozialwirt, seit 1993 in Hamburg. 25 Jahre lang Mitarbeiter der Willi-Bredel-Gesellschaft (Hamburg), seit 2025 Leiter des Kulturvereins Olmo e.V. Hamburg. Forscht zur Arbeiterfotografie und zur Deutschen Vertriebsgesellschaft für Russische Oel-Produkte (Derop). Gab 2026 den Band „Rotsport und Russenbenzin“ über die letzten Jahre der Weimarer Republik in Hamburg heraus.
Info: Die Zitate sind entnommen der Veröffentlichung von R. Senenko: Jenny Gertz - Eine revolutionäre Tanzpädagogin. Begleitheft zur Stolperstein-Übergabe am 31. Mai 2026 am Schwanenwik 38. Hg: Kulturverein Olmo e. V. Hamburg, 32 S. Die Publikation basiert auf Recherchen in der Universitätsbibliothek Leipzig, wo der Nachlass von Jenny Gertz verwahrt wird.
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