Der Schultag beginnt jetzt mit einer Schlange vor dem Tor. Seit Montag öffnen die Schüler der Debsirin School in Bangkok morgens ihre Taschen und gehen einzeln durch einen Metalldetektor.
Die Schule wurde 1885 von König Chulalongkorn gegründet. In 141 Jahren hat es hier nichts dergleichen gegeben.
Drei Tage zuvor hatte ein 14-Jähriger an einer Partnerschule in der Nachbarprovinz Nonthaburi acht Menschen erschossen und sich anschließend selbst getötet. Unter den Opfern waren seine beiden Großeltern, fünf Schulmitarbeiter und eine zwölfjährige Schülerin.
Er benutzte die Pistole seines Großvaters. Sie war registriert, sie war legal, und sie lag in dem Haus, in dem der Junge schlief.
Metalldetektoren an Bangkoks Schulen
Die Debsirin School im Zentrum Bangkoks steht an der Spitze desselben Schulverbunds, zu dem auch die Tatortschule gehört. Nach dem Anschlag reagierte sie sofort.
Schulleiter Withan Promsintusak sagte, die Waffenkontrolle solle die Eltern beruhigen und die Schüler schützen. Niemand habe damit gerechnet, dass ausgerechnet eine Schule zum Tatort werde, der Ort also, der als der sicherste gilt.
Auch andere Schulen im Großraum Bangkok verschärften am Montag die Zugangskontrollen, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete. Eine 54-jährige Großmutter sagte der Agentur, anders lasse sich schlicht nicht feststellen, ob ein Kind eine Waffe in der Tasche habe.
Das Bildungsministerium will binnen drei Monaten ein landesweites Sicherheitsprotokoll vorlegen: psychologische Screenings, Notfallübungen, Maßnahmen gegen Mobbing, bessere Waffenerkennung. Am Dienstag brachte der Bildungsminister zusätzlich einen Kabinettsvorschlag ein. Wer künftig ein Schulgelände betritt, soll durchsucht werden. Jeder.
Amoklauf an Schule in Nonthaburi: der 7. August
Gegen zehn Uhr morgens fielen an der Debsirin Nonthaburi School im Bezirk Bang Kruai die ersten Schüsse. Der Täter war Schüler der Schule. Nach Polizeiangaben tötete er fünf Mitarbeiter, darunter Lehrkräfte und die stellvertretende Schulleitung, dann richtete er die Waffe gegen sich selbst.
Zuvor hatte er am frühen Morgen im Haus der Familie in Bang Bua Thong seine beiden Großeltern erschossen, bei denen er lebte. Am Samstag starb eine zwölfjährige Schülerin im Krankenhaus, wie der Sender Al Jazeera meldete.
Mehr als 20 Menschen wurden verletzt, nach Angaben des Ministerpräsidenten über 30. Die meisten von ihnen waren zwischen zwölf und 14 Jahre alt. An der staatlichen Schule lernen rund 3000 Kinder und Jugendliche.
Die Polizei zählte 26 abgefeuerte Patronen und fand weitere 34 Schuss Munition. Es war das schwerste Blutbad in Thailand seit fast vier Jahren.
Was über den 14-Jährigen bekannt ist
Mitschüler beschrieben ihn gegenüber der Nachrichtenagentur AFP als still und als Opfer von Mobbing, berichtete der US-Sender CBS. Ministerpräsident Anutin Charnvirakul sagte, ein enger Freund habe der Polizei von starkem schulischen Druck erzählt. Die Tat sei geplant gewesen.
Die Ermittlungen dauern an. Ein belastbares Motiv liegt bislang nicht vor.
Thailand stoppt den Waffenkauf
Am Dienstag setzte die Regierung die Ausgabe von Kauferlaubnissen für Schusswaffen aus. Bestehende Genehmigungen werden überprüft, die Polizei soll keine Erlaubnisse mehr verlängern. Ein stellvertretender Regierungschef soll ein neues Waffengesetz mit deutlich härteren Strafen beschleunigen. Für illegale Waffen wird eine Abgabefrist an den Staat geprüft.
„Niemand hat das Recht, in der Öffentlichkeit eine Waffe zu tragen“, hatte Anutin am Montag gesagt. Notwehr sei keine Rechtfertigung.
Neu ist diese Linie nicht. Nach dem Anschlag in einem Bangkoker Einkaufszentrum 2023 stoppte Anutin als Innenminister befristet neue Lizenzen, beschränkte Importe und verbot Minderjährigen den Zutritt zu Schießständen. Seit Februar ruht zudem die Ausgabe neuer Trageerlaubnisse. Das Massaker von Nonthaburi geschah trotzdem.
10,3 Millionen Waffen in Thailand
Thailand ist das am stärksten bewaffnete Land Südostasiens. Der Small Arms Survey schätzte den zivilen Bestand 2017 auf 10,3 Millionen Schusswaffen, rund 15 pro 100 Einwohner. Gut sechs Millionen davon waren registriert, etwa vier Millionen nicht.
Eine verpflichtende psychologische Prüfung für Antragsteller kennt das Lizenzsystem bis heute nicht. Waffenbesitz ist ab 20 Jahren erlaubt, regelmäßig nachgeprüft werden die Inhaber nicht.
Genau hier liegt das Problem der Detektoren am Schultor: Sie greifen erst an dem Punkt, an dem die Waffe längst im Haus ist.
Vier Tage später: der nächste Fall in Nonthaburi
Wie tief das Problem sitzt, zeigte sich am Montag. In derselben Provinz erschoss ein früherer Abgeordneter den Vorsitzenden der Provinzverwaltung in dessen Büro. Der Fahrer des Politikers wurde verletzt, das Opfer starb im Krankenhaus.
Der Tatverdächtige gab gegenüber Reportern an, er habe den Mann wegen einer alten Geldschuld zur Rede stellen wollen und geschossen, als dieser eine Waffe gezogen habe. Ob das Opfer bewaffnet war, ließ die Polizei offen. Als Motiv nannten die Ermittler einen privaten Streit.
Metalldetektoren an deutschen Schulen?
Auch hierzulande kommt der Ruf nach Kontrollen zuverlässig nach jeder Tat, zuletzt nach einer Serie von Messerangriffen an Schulen. Der Augsburger Sozialforscher Jens Luedtke hält davon wenig: „Mit Metalldetektoren am Eingangstor lässt sich eine Kultur der Gewalt nicht bekämpfen“, sagte er News4teachers. Lehrkräfte könnten nicht zusätzlich die Rolle von Psychologen übernehmen.
Die GEW in Nordrhein-Westfalen argumentiert ähnlich und fordert mehr Schulpsychologie und Schulsozialarbeit statt Sicherheitstechnik.
„Zu 100 Prozent“ unter Kontrolle: Trumps Entwarnung für Hormus hat einen Haken
20 Gerettete an einem Tag: Schottlands beliebtester Wanderweg überfordert seine Besucher
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]