Es ist der 30. Juli, kurz vor halb sieben Uhr morgens. Die „MSC Divina“ ist noch draußen im Tyrrhenischen Meer, die meisten Passagiere schlafen. Dann kommt aus den Deckslautsprechern ein Satz, den man auf einem Kreuzfahrtschiff nie hören will: „Der Kapitän hat die Kontrolle über das Schiff verloren.“
Auf zwei Decks greifen Gäste zum Telefon und setzen Notrufe ab. In Rom läuft die Meldung bei der Einsatzzentrale der Küstenwache auf.
Die Brücke hatte damit nichts zu tun. Der Kapitän hatte die Kontrolle keine Sekunde verloren.
Falsche Durchsage auf der „MSC Divina“: Auch die Crew war verunsichert
Das Schiff war auf dem Weg vom türkischen Marmaris nach Neapel, am Ende einer siebentägigen Ostmittelmeer-Route. Die Durchsagen liefen nicht über das ganze Schiff, sondern über die Gemeinschaftsbereiche von zwei Decks.
Das reichte. Und es traf nach Bericht des Portals NapoliToday nicht nur Gäste, sondern auch Besatzungsmitglieder. Das ist der eigentlich verräterische Teil dieser Geschichte: Selbst Leute, die den Betrieb an Bord beruflich kennen, glaubten für einen Moment der Stimme aus der Wand.
Die Küstenwache ordnete den Zugriff an, allerdings erst für den Hafen. Die „Divina“ fuhr ihre Route zu Ende. Sie hatte ja keinen Grund, das nicht zu tun.
Zugriff im Hafen von Neapel: Küstenwache und Grenzpolizei an Bord
Als das Schiff in Neapel festmachte, kamen Beamte der Hafenkapitänerie und der Grenzpolizei an Bord. Kapitän Gabriele Russo, der die „Divina“ laut Reederei seit 2022 führt, hatte Anzeige erstattet.
Die Ermittler verfolgten die Übertragungen bis zu ihrem Ursprung zurück und identifizierten sechs Verdächtige: volljährige Italiener aus Neapel, untergebracht in zwei Kabinen, wie die Zeitung La Repubblica berichtet.
Die Gruppe hatte sich ihren Streich also ausgerechnet auf der Fahrt in die eigene Heimatstadt erlaubt, wo am Kai bereits die Küstenwache wartete.
Ein Hinweis zur Einordnung, weil er in mehreren deutschsprachigen Berichten untergeht: Festgenommen wurde niemand. Die sechs wurden identifiziert und der Staatsanwaltschaft gemeldet, im Italienischen „denunciati“ – angezeigt.
MSC Cruises widerspricht: „zu keinem Zeitpunkt gehackt“
Die Reederei bestätigt die unbefugte Durchsage, wehrt sich aber gegen die Hackerangriff-Erzählung. Die Schiffssysteme einschließlich der Computersysteme seien „zu keinem Zeitpunkt gehackt oder kompromittiert“ worden, teilte MSC Cruises mit.
Der Vorfall habe sich auf die Lautsprecheranlage beschränkt und sei nach der Entdeckung umgehend behoben worden. Die Beteiligten seien den Behörden gemeldet und des Schiffes verwiesen worden, bei den Gästen habe man sich entschuldigt.
Damit stehen zwei Beschreibungen desselben Vorgangs nebeneinander. Für die Reederei war es eine missbrauchte Lautsprecheranlage, für die italienischen Ermittler ein unbefugter Zugriff auf ein Computersystem. Wie der Sicherheitscode umgangen wurde, ist bis heute offen.
Bis zu drei Jahre Haft: Was den sechs Beschuldigten droht
Der unbefugte Zugriff auf ein Computersystem steht in Artikel 615 des italienischen Strafgesetzbuchs und ist mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bedroht.
Der Fehlalarm nach Artikel 658 fällt deutlich milder aus: Haft bis zu sechs Monaten oder Geldstrafe zwischen 10 und 516 Euro. Es handelt sich um eine Übertretung, im deutschen Recht am ehesten mit einer geringfügigen Straftat vergleichbar.
Ob überhaupt Anklage erhoben wird, ist offen. Die sechs sind Beschuldigte, entschieden hat bislang kein Gericht.
Dazu kommt eine Zuständigkeitsfrage mit Fernwirkung. Die „MSC Divina“ fährt unter der Flagge Panamas, deshalb gehen die Ermittlungsergebnisse am Ende auch an die dortigen Behörden. Ein Streich in Sichtweite des Vesuvs landet damit in einem Aktenordner in Panama-Stadt.
Warum die Bordsprechanlage besonders geschützt ist
Ein Kreuzfahrtschiff dieser Größe ist eine schwimmende Kleinstadt mit eigenem Netzwerk und eigener IT. Die Sprechanlage gehört dabei zur Sicherheitsausstattung: Über sie gibt die Brücke im Ernstfall durch, was gut 4000 Menschen als Nächstes tun sollen.
Deshalb ist der Zugang codegeschützt, und deshalb wiegt der Missbrauch schwerer als ein Scherz mit dem Megafon am Pooldeck. Wer diese Stimme kapert, kapert das Signal, dem an Bord im Notfall alle folgen.
Die „MSC Divina“ in Zahlen
Rund 139.000 BRZ, 333 Meter lang, 37 Meter breit, Höchstgeschwindigkeit 23 Knoten. In 1751 Kabinen finden bis zu 4345 Passagiere Platz, betreut von 1388 Crewmitgliedern.
Getauft wurde das Schiff 2012 von Sophia Loren, deren Beiname „La Divina“ ihm den Namen gab. Für ein paar Minuten Ende Juli hat es dann die Hauptrolle in einem Katastrophenfilm gespielt, den nie jemand gedreht hat.
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