Nuklearmaterial

Mehrere Tonnen Uran in Syrien entdeckt – wie gefährlich ist der Fund?

Syriens neue Regierung machte die Atomaufsicht selbst auf den Fund aufmerksam. Das Material ist nicht unmittelbar waffenfähig – seine Herkunft wirft Fragen zum Assad-Regime auf.

4 Min
IAEA-Chef Rafael Grossi bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Damaskus.

IAEA-Chef Rafael Grossi bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Damaskus.

© Izz Aldien Alqasem/imago

Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA hat an einem bislang nicht deklarierten Ort in Syrien mehrere Tonnen Uranmaterial bestätigt. IAEA-Chef Rafael Grossi sprach am Dienstag von „mehreren Tonnen metallischem Natururan“. Syriens neue Regierung hatte die UN-Atomaufsicht selbst auf das Material aufmerksam gemacht und ihr Zugang zu dem Standort gewährt.

Der Fund ist Teil einer weitreichenden Untersuchung der früheren syrischen Atomaktivitäten unter Baschar al-Assad. Die IAEA erklärte nach einem zweitägigen Besuch Grossis, die jüngsten Inspektionen seien der bislang bedeutendste Fortschritt bei der Aufklärung der nicht deklarierten nuklearen Aktivitäten des früheren Regimes. Grossi besuchte neben dem neuen Fundort auch die frühere Anlage bei Deir ez-Zor im Osten Syriens.

Was bedeuten mehrere Tonnen Natururan?

Die Menge klingt zunächst alarmierend. Bei dem gefundenen Material handelt es sich nach Grossis Angaben jedoch um Natururan und nicht um hoch angereichertes Uran für Atomwaffen. Natürlich vorkommendes Uran enthält lediglich rund 0,7 Prozent des spaltbaren Isotops Uran-235. Für Kernwaffen wird Uran in erheblich höherer Konzentration benötigt.

Harmlos im sicherheitspolitischen Sinne ist der Fund dennoch nicht. Natururan kann in bestimmten Reaktortypen als Brennstoff eingesetzt werden. Die IAEA weist etwa bei gasgekühlten, graphitmoderierten Reaktoren auf die Verwendung von Natururan hin. Grossi erklärte in Damaskus laut AP, mehrere Tonnen Nuklearmaterial könnten bei fehlender Kontrolle missbräuchlich verwendet werden. Deshalb müsse die gesamte Menge erfasst und in das internationale Kontrollsystem aufgenommen werden.

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Syriens Außenminister Asaad al-Schaibani erklärte dagegen nach einer ersten technischen Bewertung, von dem Material gehe keine Gefahr aus. Es werde in syrischer Verwahrung bleiben und künftig den Sicherungsmaßnahmen der IAEA unterliegen. Syrien behalte sich zugleich das Recht vor, Nuklearmaterial für zivile und friedliche Zwecke einzusetzen.

Syrien meldete bislang unbekanntes Uran selbst

Bemerkenswert ist, dass die neue syrische Führung den Fund nach Angaben der IAEA aus eigener Initiative meldete. Am 17. Juli informierte sie die Behörde über Nuklearmaterial an einem zuvor nicht deklarierten Standort. Anschließend erhielt die IAEA Informationen und Zugang zu dem Gelände. Wo genau sich das Lager befindet und woher das Uran stammt, teilte die Behörde bislang nicht mit.

Die Atominspektoren haben zunächst mit der Überprüfung des Materials begonnen. Die vollständige Verifikation läuft noch. Nach ihrem Abschluss will Grossi dem Gouverneursrat der IAEA Bericht erstatten.

Der Vorgang unterscheidet sich damit deutlich von der jahrelangen Blockade unter Assad. Über Jahre hatte die IAEA offene Fragen zu Syriens früherem Atomprogramm nicht klären können. Nach dem Sturz Assads Ende 2024 sagte die neue Regierung unter Präsident Ahmed al-Scharaa dagegen umfassende Zusammenarbeit zu.

Israel zerstörte 2007 mutmaßlichen Atomreaktor

Im Zentrum der alten Vorwürfe steht eine Anlage bei Deir ez-Zor. Israel bombardierte das Gebäude im September 2007 und bestätigte den Angriff Jahre später offiziell. Die IAEA kam 2011 nach Auswertung der verfügbaren Informationen zu dem Schluss, dass es sich bei dem zerstörten Gebäude „sehr wahrscheinlich“ um einen Kernreaktor gehandelt habe, den Syrien der Behörde hätte melden müssen.

Nach den der IAEA damals vorliegenden Informationen soll es sich um einen gasgekühlten und graphitmoderierten Reaktor gehandelt haben, der mit nordkoreanischer Unterstützung errichtet worden sein könnte. Die Anlage war demnach nicht zur Stromerzeugung ausgelegt. Syrien bestritt unter Assad sowohl ein geheimes Atomprogramm als auch eine nukleare Zusammenarbeit mit Nordkorea.

Der IAEA-Gouverneursrat stellte 2011 fest, dass Syrien mit dem nicht deklarierten Bau des mutmaßlichen Reaktors gegen seine Verpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag verstoßen habe. Zahlreiche Fragen blieben anschließend über mehr als ein Jahrzehnt offen.

IAEA lässt in Deir ez-Zor graben

Nun wird auch an der zerstörten Anlage wieder untersucht. Grossi erklärte bei seinem Besuch, syrische Teams führten dort umfangreiche Ausgrabungen durch. Die IAEA wolle anhand der freigelegten Strukturen genauer nachvollziehen, welche nuklearen Aktivitäten früher an dem Standort stattgefunden hätten.

Einen direkten Zusammenhang zwischen den nun gefundenen mehreren Tonnen Natururan und dem früheren Reaktor in Deir ez-Zor hat die IAEA bislang nicht bestätigt. Genau diese Unterscheidung ist wichtig. Die Behörde ordnet den Fund aber ausdrücklich in ihre Bemühungen ein, die offenen Fragen aus den nicht deklarierten Atomaktivitäten des Assad-Regimes zu klären.

Für die IAEA ist die Entwicklung deshalb vor allem aus einem anderen Grund bedeutsam: Erstmals erhält sie weitreichenden Zugang zu Material und Orten, über die Syrien unter Assad jahrelang kaum Auskunft gegeben hatte. Die Inspektoren können nun feststellen, welche Mengen tatsächlich vorhanden sind, woher sie stammen und ob sämtliche Nuklearmaterialien des Landes künftig unter internationaler Kontrolle stehen.

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