Der Vatikan lässt bei Rom ein Kraftwerk bauen, das zehnmal so groß ist wie der Staat, den es versorgen soll.
Auf dem Gelände Santa Maria di Galeria am nordwestlichen Stadtrand entsteht in den kommenden zwei Jahren eine Photovoltaikanlage, die den kleinsten Staat der Welt komplett mit Strom versorgen soll. Die Aufträge werden nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters in den kommenden Wochen vergeben.
Vatikan-Solarpark: 200 Hektar, 90 Megawatt, 100 Millionen Euro
Die Zahlen stammen aus Projektkreisen, offiziell bestätigt hat sie der Heilige Stuhl nicht. Demnach soll die Anlage 80 bis 90 Megawatt leisten und rund 100 Millionen Euro kosten, die Module etwa 200 der 450 Hektar bedecken.
Es handelt sich um Agri-Photovoltaik: Die Paneele stehen auf Trägern in mehreren Metern Höhe, darunter wird weiter Landwirtschaft betrieben. Der Schatten senkt die Verdunstung. Das Abkommen mit Italien verpflichtet beide Seiten dazu, die Äcker zu erhalten. Bauzeit inklusive Genehmigungen: 18 bis 24 Monate.
Zehnmal größer als der Staat, den er versorgen soll
Die Vatikanstadt misst 44 Hektar und hat weniger als 900 Einwohner. Das Gelände bei Rom ist rund zehnmal so groß – inklusive Petersdom, Gärten und Sixtinischer Kapelle.
Überschlägig liefert eine 90-Megawatt-Anlage in Mittelitalien etwa 120 Gigawattstunden im Jahr, so viel wie 40.000 deutsche Haushalte verbrauchen. Der Vatikan käme großzügig gerechnet auf 350.
Der Papst baut also kein Kraftwerk für seinen Staat. Er baut ein Kraftwerk, neben dem sein Staat zufällig auch noch Platz findet.
Berlin schafft diese Menge in einem ganzen Jahr
In der Hauptstadt sind laut Marktstammdatenregister rund 516 Megawatt Photovoltaik installiert, auf mehr als 58.000 Anlagen. Zubau der vergangenen zwölf Monate: gut 91 Megawatt. Der Vatikan schafft das mit einem einzigen Projekt.
Auf allen landeseigenen Gebäuden Berlins – Schulen, Hochschulen, Betriebshöfe, 1245 Anlagen – waren Ende 2025 zusammen 84 Megawattpeak installiert. Weniger, als der Papst gerade auf einen Acker stellen lässt.
Motu proprio „Fratello Sole“: Wenn der Papst der Sonne schreibt
Angestoßen hat das Projekt Papst Franziskus. Im Juni 2024 unterzeichnete er das Motu proprio „Fratello Sole“, „Bruder Sonne“, nach dem Sonnengesang des Franz von Assisi. Darin ernannte er zwei Kurienchefs zu Kommissaren, die abweichend von geltenden Vorschriften und ohne weitere Genehmigung handeln dürfen.
Eine absolute Wahlmonarchie hat beim Baurecht ihre Vorzüge. Nur enden sie an der Staatsgrenze: Netzanschluss und Genehmigungen liegen bei Italiens Behörden.
Papst Leo XIV. hat das Erbe übernommen und im Juni 2026 eine Stiftung gegründet, die das Projekt verwaltet.
Strom für Italien – geschenkt
Der Rahmen ist ein Abkommen mit Italien, in Kraft seit Mai 2026. Es überträgt der Anlage den Sonderstatus der Sendeanlagen von Radio Vatikan: Immunität nach den Lateranverträgen, Steuerfreiheit, kein Enteignungsrisiko. Solarmodule mit Diplomatenpass.
Im Gegenzug schließt das Abkommen italienische Förderungen ausdrücklich aus. Der Vatikan darf entnehmen, was seine Liegenschaften brauchen, versorgt werden soll laut Reuters auch die Kinderklinik Bambino Gesù. Der Rest bleibt zur Verfügung des italienischen Staates.
Santa Maria di Galeria: Das Gelände hat eine Vergangenheit
Seit 1957 stehen dort die Kurzwellenantennen von Radio Vatikan. Jahrelang warfen Anwohner aus Cesano dem Sender vor, die Strahlungsgrenzwerte zu überschreiten.
2005 verurteilte ein römisches Gericht zwei Verantwortliche in erster Instanz zu je zehn Tagen Haft, 2007 folgte der Freispruch, 2008 dessen Aufhebung. Am Ende stellte die Justiz Verjährung fest, die zivilrechtlichen Ansprüche blieben bestehen. Der Sender bestritt jeden Zusammenhang mit Erkrankungen.
Der Vatikan hat sich schon einmal grün gerechnet
2007 nahm der Kirchenstaat das Geschenk eines amerikanisch-ungarischen Unternehmens an: einen „Klimawald“ in Ungarn, 125.000 Bäume gegen die eigenen Emissionen. Der Vatikan erklärte sich daraufhin zum ersten CO2-neutralen Staat der Welt. Gepflanzt wurde, wie der Christian Science Monitor recherchierte, kein einziger Baum.
Auch die 2.394 Module, die seit 2008 auf der Audienzhalle Paul VI. liegen, taugten vor allem zur schönen Rechnung: Der Osservatore Romano rechnete vor, der Vatikan produziere pro Kopf 200 Watt Solarstrom, Deutschland nur 80. Man muss dafür allerdings einen sehr kleinen Staat haben.
In Santa Maria di Galeria wird dieser Trick nicht mehr gebraucht.
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