Energiekrise

Deutsche Gasspeicher brechen Negativrekord: Jetzt reagieren die Betreiber

Deutschlands Gasspeicher sind historisch leer, die Zeit bis zum Winter wird knapp. EWE und VNG erklären, warum die Befüllung stockt – und was jetzt noch helfen kann.

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Deutschlands Gasspeicher sind so niedrig gefüllt wie nie. Die Betreiber fordern stärkere Anreize für die Befüllung.

Deutschlands Gasspeicher sind so niedrig gefüllt wie nie. Die Betreiber fordern stärkere Anreize für die Befüllung.

© Hauke-Christian Dittrich/dpa

Deutschlands Gasspeicher sind für diese Jahreszeit so leer wie noch nie. Nach Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE) liegt der Füllstand derzeit bei rund 51 Prozent. Seit Beginn der Datenerfassung im Jahr 2011 waren die deutschen Speicher zu diesem Zeitpunkt im August noch nie schlechter gefüllt. Eine Auswertung der GIE-Daten durch die Berliner Zeitung zeigt: Im Durchschnitt der Jahre 2011 bis 2025 lag der Füllstand zu diesem Zeitpunkt rund 30 Prozentpunkte höher.

Der Speicherbetreiber EWE warnt vor schwindenden Reserven für die Heizperiode. „Die heute niedrigen Speicherstände sind ernst zu nehmen und bedeuten einen geringeren Puffer im Vergleich zu vorangegangenen Wintern“, teilt das Unternehmen auf Anfrage der Berliner Zeitung mit. Zugleich räumt EWE ein, wegen der schwierigen Marktlage selbst einen geringeren Anteil seiner Gasmenge in Erdgasspeichern vorzuhalten. Technisch sei das Speicherziel von 80 Prozent bis zum 1. November noch machbar. Doch solange sich das Einlagern von Gas nicht lohnt, wächst mit jedem weiteren Tag das Risiko, dass Deutschland mit zu kleinen Reserven in den Winter geht.

Warum sich das Einspeichern von Gas kaum lohnt

Hinter der schleppenden Befüllung steckt eine ungewöhnliche Preisentwicklung. Normalerweise kaufen Händler Gas im Sommer günstig ein, speichern es und verkaufen oder nutzen es während der Heizperiode zu höheren Preisen. Doch dieser Sommer-Winter-Spread ist nach Angaben von EWE derzeit nicht ausreichend vorhanden. Hinzu kämen geopolitische Unsicherheiten, die kurzfristig verfügbares Gas verteuern.

EWE stellt seinen Kunden als Betreiber lediglich die Speicherkapazitäten zur Verfügung. Ob und wann sie tatsächlich genutzt werden, entscheiden Händler und Versorger. Selbst gebuchte Plätze müssen daher nicht befüllt werden. Bleibt die Einspeicherung wirtschaftlich unattraktiv, kann EWE die Kunden nicht zwingen, mehr Gas einzulagern.

Auch die VNG führt die niedrigen Einspeicherungen vor allem auf die hohen Sommerpreise zurück. Der Konflikt um die Straße von Hormus und die dadurch fehlenden Lieferungen aus Katar hätten die Marktlage verschärft, teilt der Leipziger Energieversorger auf Anfrage mit. „Gleichzeitig werden derzeit viele LNG-Ladungen nach Asien umgeleitet“, sagt eine Sprecherin. Dort locken höhere Preise Tanker an, die andernfalls auch europäische Terminals anlaufen könnten.

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Europa benötigt nach einer Analyse der Energieplattform Montel News bis Ende Oktober mehr als 420 LNG-Ladungen, um seine Speicher bis Anfang November wenigstens zu 80 Prozent zu füllen – die Berliner Zeitung berichtete. Laut Montel müsste der europäische Gaspreis über 60 Euro je Megawattstunde liegen, um genügend LNG aus Asien abzuziehen.

Laut einer Analyse der Energieplattform Montel News braucht Europa bis Ende Oktober 420 zusätzliche LNG-Ladungen, um seine Gasspeicher für den Winter ausreichend zu befüllen.

Laut einer Analyse der Energieplattform Montel News braucht Europa bis Ende Oktober 420 zusätzliche LNG-Ladungen, um seine Gasspeicher für den Winter ausreichend zu befüllen.

© Pond5 Images/imago

VNG sieht trotz Negativrekord kein Marktversagen

Die Speicher der VNG-Tochter VNG Gasspeicher stehen etwas besser da. Die Standorte in Mitteldeutschland seien zu rund 55 Prozent gefüllt, erklärt das sächsische Unternehmen. Durch ihre hohen Ein- und Ausspeicherleistungen könnten sie flexibel auf die weitere Marktentwicklung reagieren.

Von einem Marktversagen will VNG trotz der schleppenden Einspeicherung nicht sprechen. „Der Markt erfüllt weiterhin seine grundlegende Funktion: Gas ist verfügbar, die Versorgung ist gesichert und Marktteilnehmer treffen ihre Beschaffungsentscheidungen auf Basis wirtschaftlicher Signale“, erklärt das Unternehmen. Genau diese Signale sprechen derzeit jedoch gegen die Bevorratung.

Auch vor Alarmismus warnt VNG. „Einen bestimmten Speicherstand, ab dem die Lage automatisch kritisch wird, gibt es nicht“, betont die Sprecherin. Gefährlich würde es erst, wenn mehrere Belastungen zusammenkommen: ein außergewöhnlich kalter Winter, Einschränkungen bei LNG-Lieferungen und weitere Störungen auf den internationalen Energiemärkten.

Neue Vergütung soll Gas für Krisen sichern

Die von der Bundesregierung geplante strategische Gasreserve hilft in diesem Winter noch nicht. Sie soll rund 24 Terawattstunden und damit knapp zehn Prozent der deutschen Speicherkapazität umfassen. Die eigentliche Befüllung ist aber erst ab Sommer 2027 vorgesehen. Für die reguläre Wintervorsorge bleiben Händler und Versorger verantwortlich.

VNG fordert deshalb ein kurzfristigeres Instrument. Bei sogenannten Long Term Options würden sich Marktteilnehmer gegen eine Vergütung verpflichten, im Bedarfsfall festgelegte Gasmengen bereitzustellen. Der Staat müsste das Gas weder selbst kaufen noch einlagern, sondern lediglich die Absicherung für den Krisenfall bezahlen. „Entsprechende Instrumente sind weiterhin rechtzeitig umsetzbar und würden die öffentlichen Haushalte deutlich weniger belasten als direkte staatliche Markteingriffe“, so die VNG-Sprecherin.

Für die Finanzierung der staatlichen Reserve erwägt die Bundesregierung eine neue Gasumlage, Haushaltsmittel oder eine Kombination aus beidem. Die Kosten für Aufbau und Erstbefüllung der Gasreserve liegen Informationen von Reuters zufolge bei 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro. Mit den von der VNG vorgeschlagenen Long Term Options würde die Vorsorge weiter über private Anbieter organisiert, bekäme aber einen eigenen Preis.

Mit sogenannten Long Term Options will VNG die Gasvorsorge stärken: Unternehmen sollen gegen Vergütung feste Gasmengen für Krisen bereithalten.

Mit sogenannten Long Term Options will VNG die Gasvorsorge stärken: Unternehmen sollen gegen Vergütung feste Gasmengen für Krisen bereithalten.

© Torsten Proß/Jeibmann Photografik/VNG AG

Bundesregierung setzt weiterhin auf den Markt

Die Bundesregierung setzt darauf, dass die Unternehmen rechtzeitig genügend Gas beschaffen. Das Bundeswirtschaftsministerium verweist auf gebuchte Speicherkapazitäten und zusätzliche Liefermöglichkeiten über Pipelines und LNG-Terminals. Eine Buchung garantiert allerdings noch keine Befüllung.

Die Bundesnetzagentur sieht derzeit trotzdem keine akute Gefahr. Die Gasversorgung sei „stabil“ und die Versorgungssicherheit „gewährleistet“, teilt die Behörde auf ihrer Webseite mit. Angesichts der erhöhten Preise rät sie Haushalten dennoch zu einem „sparsamen“ Gasverbrauch.

Für Verbraucher bedeutet der Negativrekord noch keine drohende Gasmangellage. Der kleinere Puffer erhöht aber die Abhängigkeit von laufenden Importen. Müssen Händler kurz vor oder während der Heizperiode zusätzliche Mengen beschaffen, können internationale Preissprünge stärker durchschlagen. Private Haushalte spüren das meist verzögert, energieintensive Unternehmen häufig schneller. Das Vergleichsportal Verivox rechnet in einer aktuellen Analyse mit einem Anstieg der Heizkosten von „bis zu 20 Prozent“, falls das aktuelle Preisniveau bestehen bleibt.

Mit der Gaskrise 2022 sei die Situation nur bedingt vergleichbar, betont EWE. Deutschland könne inzwischen mehr LNG importieren und Gas über verschiedene Pipelines beziehen. Doch die zusätzlichen Importwege ersetzen den Winterpuffer nicht vollständig. Bleiben die Preise hoch, könnte sich Deutschlands Wette auf den Markt mitten im Winter teuer rächen.

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