Kaltes Wasser aus dem Kühlschrank in einen Nudelbecher kippen, Deckel drauf, fünf Minuten warten. Was dabei herauskommt, ist in Japan das meistdiskutierte Fertiggericht dieses Sommers.
Nissin brachte die „Hiyashi Cup Noodle“ am 20. Juli in den Handel. Die erste Charge sollte ein bis zwei Monate reichen und war nach sieben Tagen ausverkauft, wie der Konzern dem Finanzdienst Bloomberg bestätigte. Verkaufszahlen nennt das Unternehmen nicht, Nachschub ist bis heute knapp.
Kimchi und Zitronenhuhn: Was im Kaltwasser-Becher steckt
Es gibt zwei Sorten. Die scharfe Kimchi-Variante kommt mit Nissins legendärem Rätselfleisch, jenen kleinen Fleischwürfeln, über deren genaue Zusammensetzung die Marke seit Jahrzehnten schweigt, dazu Ei, Frühlingszwiebeln und Sesam.
Die zweite heißt Hühnchen-Salz-Zitrone. In der Brühe stecken Huhn, Bonito und getrocknete Sardinen, dazu Zitrone. Ein Becher kostet 307 Yen, umgerechnet knapp 1,80 Euro.
Der eigentliche Trick liegt in den Nudeln. Nissin hat fünf Jahre daran gearbeitet und sich das Verfahren patentieren lassen: Beim „Cold Rehydration“-Prozess quellen die Nudeln auch in kaltem Wasser auf, ohne pappig zu werden. Die japanische Redaktion von SoraNews24 hat den Becher am Verkaufstag getestet und bescheinigt ihm ordentlichen Biss.
Kein Dampf, keine Brühe über 60 Grad: die fertig aufgegossene Kaltwasser-Cup-Noodle mit Huhn, Ei und Zitronenbrühe.
© NISSIN FOODS HOLDINGS CO.
68 Jahre heißes Wasser: Warum das ein echter Bruch ist
Seit Momofuku Ando 1958 in einem Schuppen hinter seinem Haus die Instantnudel erfand, war kochendes Wasser gesetzt. Auch die kalten Sommervarianten, die es in Japan längst gibt, musste man erst heiß aufgießen und dann abschrecken.
Nissin hält in Japan fast die Hälfte des Instantnudel-Marktes und verteidigt diese Position gegen Toyo Suisan und Sanyo Foods seit Jahrzehnten mit Einfällen, die anderswo als Schnapsidee durchgingen. Es gab Cup Noodles mit Pizzageschmack und eine Ramen-Variante für die Raumfahrt. In diesem Jahr wird der Becher 55.
Hitzesommer in Japan: 41,8 Grad und ein neues Wort dafür
Das Timing saß, die Kaltsuppe kam pünktlich zum Ende der Regenzeit in die Regale.
Japan erlebt gerade den zweitheißesten Sommer seit Beginn vergleichbarer Statistiken. Bis zum 4. August meldeten die 914 Messstationen des Landes zusammengerechnet 4727 Mal mindestens 35 Grad, wie Nippon.com aufgeschlüsselt hat. Nur der Vorjahressommer lag höher.
Der Landesrekord steht bei 41,8 Grad, gemessen im August 2025 in Isesaki nördlich von Tokio. Im April hat die Wetterbehörde für Tage ab 40 Grad eigens ein neues Wort eingeführt: „Kokushobi“, Tag extremer Hitze. Ein Konzern, der fünf Jahre Ingenieursarbeit darauf verwendet, dass niemand mehr Wasser kochen muss, hat den Klimawandel nicht kommentiert. Er hat ihn eingepreist.
Sojamilch statt Wasser: Was Tiktok aus dem Becher macht
Auf Tiktok und Instagram füllen Influencer den Becher inzwischen mit allem auf, was kalt aus dem Kühlschrank kommt. Besonders oft zu sehen sind Sojamilch und kalter Tee.
Auch außerhalb Japans zieht das Produkt. In Hongkong bildeten sich bei einer eintägigen Verkaufsaktion Schlangen vor dem Laden.
Notfallnahrung ohne Strom: Das zweite Verkaufsargument
Nissin bewirbt die Kaltsuppe ausdrücklich für den Katastrophenfall. Sie lagert bei Zimmertemperatur und braucht keine Wärmequelle.
In einem Land, in dem nach schweren Beben regelmäßig tagelang der Strom ausfällt, ist das mehr als ein Marketingsatz. Ein Becher, den man mit Flaschenwasser zubereiten kann, gehört in jedes Notfallregal.
Deutschland auf Rang 24 der Instantnudel-Statistik
Die World Instant Noodles Association führt Deutschland für 2025 auf Rang 24, mit 455 Millionen Portionen. Das sind gut fünf Becher pro Kopf und Jahr.
In Japan sind es rund 48, in Vietnam etwa 80. Weltweit gingen im vergangenen Jahr 124,2 Milliarden Portionen über die Ladentheken, angeführt von China samt Hongkong mit 43,3 Milliarden.
Nissin verkauft seit 1993 in Europa und produziert dafür in Ungarn. Die Kaltwasser-Variante steht hier trotzdem in keinem Supermarktregal. Japanische Importshops verlangen für einen einzelnen Becher rund fünf Euro, wenn sie ihn überhaupt vorrätig haben.
Kalte Suppe kennt die deutsche Küche seit Generationen. Sie heißt Kaltschale, kommt mit Kirschen und hat es nie in einen Becher geschafft. Vielleicht, weil wir Hitze immer noch für eine Ausnahme halten.
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