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Ich dachte immer, es ging damals im Krieg nach Osten, immer weiter nach Osten, in ein östliches Niemandsland. Der Zug aber, so lese ich bei meinen Recherchen, als ich es endlich aushalte, es zu lesen, fuhr die Elbe entlang nach Süden.
Es ist September und ich fahre gerade selbst die Elbe entlang, um mich mit meinen Töchtern im Elbsandsteingebirge zu treffen. Ich blicke auf den Fluss, so wie Frau Müller vor über 80 Jahren. Sah sie damals das gleiche gleißend goldene Herbstlicht? Das gleiche schimmernde Grün der Auen? Die Sonne war noch nicht aufgegangen bei ihrer Abfahrt. Ich dagegen erreiche meinen Zug jetzt am späten Vormittag gerade noch so durch das Labyrinth im Hauptbahnhof. Mit welcher Erleichterung ich mich in einen der bequemen Sitze fallen lasse!
Frau Müller, die Professorenwitwe, saß im September vor über 80 Jahren auch in einem Zug nach Prag. Die alte Dame hatte sich nicht abgehetzt, sie war gehetzt worden. Aber nur bis zur Straßenbahn, denn man wollte kein Aufsehen erregen unter den Hunderten von Reisenden am Anhalter Bahnhof, dem größten Reisebahnhof Europas.
Ziemlich sicher war Frau Müller im Morgengrauen, im Grauen des Morgens, angetrieben worden, aus dem riesigen Gebäude der ehemaligen jüdischen Knabenschule heraus, die Große Hamburger Straße hinunter, ein Stück nach rechts, zum Monbijouplatz am Monbijoupark. Dort, wo heute Menschen aus aller Welt sich auf dem Rasen vom Trubel im magnetischen Berlin ausruhen, sobald die Sonne die Stadt nur ein bisschen erwärmt.
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Zur „Einschleusung“ in die ehemalige Knabenschule
Damals aber ist es noch vor fünf Uhr morgens und nur die Helfer vom Deutschen Jungvolk und vom Jüdischen Verein sind jung. In der Reisekolonne aber sind alle alt. Frau Müller ist im März 1942 72 Jahre alt geworden. Wahrscheinlich in Zweierreihen wurden sie zum Monbijouplatz gehetzt, dort wartete schon ein Straßenbahnwagen extra für sie, die Türen standen offen, schnell, schnell hinein, um 5.00 Uhr pünktlich ist Abfahrt, für 100 Personen.
Am Tag vorher, auch morgens um fünf, stand ein Lastwagen in Schöneberg, vor der Heilbronner Straße 22, einem sogenannten Judenhaus, Frau Müllers letzter Adresse seit einem Jahr, stand dort murrend und qualmend neben der Heilbronner Kirche, einem dunklen, gewaltigen Klotz, und kein heilender Brunnen in Sicht, und fuhr sie und die anderen zur Großen Hamburger Straße, nachdem er in ganz Berlin die 100 Menschen aus ihren Judenwohnungen aufgesammelt hatte, zur „Einschleusung“ in der ehemaligen Knabenschule. Dort erfolgte dann eine Revision. Re-Vision: noch mal nachsehen, noch mal durchsuchen, noch mal Koffer- und Leibesvisitationen. Noch mal Wertsachen konfiszieren, noch mal alte Menschen berauben.
Die Transportteilnehmer wurden mit ihren Transportnummern auf die ehemaligen Klassenzimmer verteilt, in denen es keine Schüler mehr gab, dicht an dicht standen Doppelstockbetten. Musste Frau Müller nach oben klettern in ihrer letzten Nacht in Berlin? Viel zu tragen hatte sie auf dem Weg zum Bahnhof nicht, vielleicht nur ihren Übergangsmantel und ein wenig Brot und Wäsche. Ihr Gepäck war vorher eingesammelt worden, damit es sicher ankommt, hieß es. Die Straßenbahnfenster zeigten ein schwer beschädigtes Berlin im Morgengrauen.
Frau Müller war nicht in einen Viehwaggon verfrachtet worden und nicht nach Osten gefahren worden, nein, sie hatte einen von der Reichsbahn reservierten und bezahlten Sitzplatz nach Süden, vier Pfennig pro Kilometer, Kinder unter zwölf die Hälfte. Aber hier war kein einziges Kind.
Genau 100 alte Menschen wurden in zwei Waggons der Holzklasse verfrachtet. Drei hatten sich noch umgebracht, oder weshalb hatte man sie auf der Transportliste gestrichen? Zwei Neue wurden aufgenommen, eine davon noch arbeitsfähig. Wohin wurden eigentlich die, die ihren Ahnungen und erhaschten Informationsfetzen trauten und sich vorher erhängten, vergifteten, aus dem Fenster sprangen, eigentlich gebracht, wo beerdigt und wer war dabei?
Alle waren das Hungern schon gewohnt
Wie lange hat man sich eigentlich bemüht, auf dem Bahnhof einen harmlosen, unauffälligen Eindruck zu erzeugen, damit die Transportteilnehmer sich ruhig in den Zug begeben und nicht in Panik geraten, weinen oder womöglich weglaufen und eingefangen werden müssen oder sonst eine Unordnung erzeugen? Gab man ihnen vorher länger nichts zu essen, damit sie für Panik und Unruhe zu schwach waren und weil es sich zudem nicht mehr lohnte?
Alle waren das Hungern schon gewohnt, seit sie über ein Jahr vorher ihre eigentlichen Wohnungen hatten verlassen müssen und man sie zu mehreren, möglichst nicht miteinander Verwandten oder Bekannten, in ein Zimmer und zu vielen in eine Wohnung gepfercht hatte. Ihre Wohnungen wurden schon mal frei für ausgebombte Volksdeutsche, zu denen Frau Müller nun nicht mehr gehörte.
Im November 1989, einige Wochen nach dem Mauerfall, klingelt es an unserer Tür in einem hochherrschaftlichen Altbau. Eine alte Dame mit schlecht gefärbter Dauerwelle steht vor der Tür: „Entschuldigung“, sächselt sie, „Entschuldigung, dass ich Sie störe, aber ich wollte so gern a mal gucken, wie es jetzt hier aussieht, ich war hier nämlich a mal Dienstmädschen!“
Waschbecken an die unmöglichsten Stellen montiert
Ihr flinker Blick streift Zimmer, Wände, Stuck und Türen, als ich sie hereinbitte, strahlend ruft sie: „Es ist ja noch alles so wie früher!“ Das ist aber erst seit ein, zwei Jahren wieder „so wie früher“, lache ich, denn vorher klebten hier überall olle, angerissene Tapeten, der Stuck war kaum noch zu erkennen unter den vielen groben Farbschichten, Parkett und Dielen waren völlig verdunkelt oder zugemalt, Pappwände eingezogen, Waschbecken an den unmöglichsten Stellen montiert, mit entsprechenden Wasserschäden. Hier hatte nämlich die Hausbesitzerin nach dem Krieg jedes einzelne Zimmer untervermietet, bevor ihr das Ganze über den Kopf wuchs und sie sich in die zweite riesige Wohnung auf der Etage zurückzog. So kamen in den Sechzigerjahren auch langsam die jungen Studenten in das Viertel.
„Hier habe ich als Mädchen gedient, ab 1937, jetzt bin ich ja schon 70, aber damals war ich ganz jung, und meine Dienstherrin hat mich genommen, weil ich genauso hieß wie sie, war das nicht ein komischer Zufall?!“ Sie nennt ihren Vornamen und ihren früheren Nachnamen: Müller. „Ja, hier war mein Zimmer“, zeigt sie auf eine für Berliner Verhältnisse großzügige Kammer neben der Küche, „und hier direkt daneben Frau Müllers Schlafzimmer“, zeigt sie auf unser Schlafzimmer. „Und in den Zimmern dahinten schliefen ihre beiden Brüder, das waren ja Junggesellen, die hatten vorne das Kontor für ihre Kommanditgesellschaft. Sie selbst war Witwe, ihr Mann war Professor gewesen. Ach, und wie schön das alles aussieht!“ Sie strahlt noch immer, als wolle sie gleich ihren Mantel ablegen und weiter hier im Haushalt werkeln.
Etwa 140.000 Menschen wurden zwischen 1941 und 1945 nach Theresienstadt deportiert.
© Vit Simanek/Imago
Abrupt in die Gegenwart gezogen
„Bis wann haben Sie denn hier gearbeitet?“ Plötzlich verschattet sich ihr Blick: „Äh, das war 1941 … Ich habe geheiratet und bin nach Leipzig zurückgegangen“, antwortet sie knapp. „Sie haben nicht zufällig Arbeit für meinen Sohn?“, zieht sie mich abrupt in die Gegenwart.
Ich habe mich damals abschrecken lassen von dieser plötzlichen Veränderung im Blick, die mir auch von anderen alten Leuten vertraut war, zum Beispiel meiner Oma. Damals war die Welt noch voll von älteren Menschen, deren Blick harte Grenzen setzte, falls man zu nahe gekommen war an das zu Beschweigende, das zu Schmerzhafte, zu Schambesetzte. Und weil ich noch gefangen war in der Furcht, anderen in ihrer Furcht zu nahe zu treten, noch nicht genug festen Boden mit Wissen unter den Füßen hatte, noch fürchtete, dass die alte Dame ins Stolpern käme und ich damit in Verlegenheit, fragte ich nicht weiter.
Sonst hätte noch mehr festhalten werden können von diesem letzten Zipfel einer Lebensgeschichte, denn diese alte Leipzigerin mit dem devot freundlichen Blick war 1989 vielleicht die letzte Zeugin des Lebens ihrer Namensvetterin und Dienstherrin, Frau Müller. Vielleicht durfte damals Frau Müller wegen ihrer Ehe mit einem Arier noch ein deutsches Dienstmädchen halten, oder weil sie ein weiblicher Haushaltsvorstand war und so keine „Rassenschande“ drohte.
Um 6.30 Uhr, 23 Minuten nach Abfahrt, ging die Sonne am 4. September 1942 auf, da fuhr der Zug vielleicht gerade in Lichterfelde, Station Botanischer Garten, vorbei.
Jetzt, wo ich in meinem Zug nach Bad Schandau längst mein Brot und ein Stück Schokolade ausgepackt habe, frage ich mich: Hatte Frau Müller überhaupt schon etwas gegessen an diesem Tag? Und gab es in der dritten Klasse überhaupt Toiletten?
Ich würde gleich meine Töchter sehen können. Frau Müller hatte auch mindestens eine Tochter, deren kleine Holzschachtel mit Wachsstiften ich beim Auszug im Keller fand, mit der Aufschrift: L. Müller, zweite Klasse. Sie wird auf die gleiche Schule gegangen sein wie meine Tochter, in einen dieser wuchtigen Prachtbauten aus der Gründerzeit, als Charlottenburg die reichste Gemeinde Deutschlands war und die Professorenfamilie hier ihre gute Zukunft sah.
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Ihr Tod ist in Yad Vashem dokumentiert
Die Züge fuhren langsamer damals und jede Schwelle war zu spüren, verdammt, verdammt, verdammt. Nach einigen Stunden, vielleicht zwei oder drei, fuhren sie in die große, gewölbte Halle des Dresdner Bahnhofs. Zuversichtliche Menschen strömten den freien Abteilen entgegen zu ihrer Reise nach Prag und irgendwie hielt man sie davon ab, die letzten Waggons zu betreten.
100 Menschen saßen darin und blickten in die versprochene Zukunft in einem schönen Ort in Tschechien, blickten aus dem Fenster, wo inzwischen die hügeligen Felder und Flussauen vorbeizogen, das Elbsandsteingebirge, an einem frühen Herbstmorgen, zur schönsten Reisezeit, wenn die Sonne nicht mehr so brennt. Ich schweife ab, immer wieder schweife ich ab, von Frau Müllers Fahrt nach Theresienstadt.
Das, wovor ich mich damals so lange gescheut habe, es zu recherchieren, ist in der Gedenkstätte Yad Vashem dokumentiert: ihr Tod wegen Krankheit im Januar 1943.
Ute Novieku ist Berlinerin in vierter Generation, stammt aus einer multikulturellen Familie und wurde an der Freien Universität Berlin in Psychologie promoviert. Mit der Geschichte und Gegenwart ihrer Herzensstadt beschäftigt sie sich in Texten und auch Zeichnungen, besonders mit der Zeit und den kollektiven und individuellen Folgen des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart.
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