Wenn deutsche Unternehmen über die wachsende Konkurrenz aus China klagen, fallen schnell die immer gleichen Begriffe: staatliche Subventionen, Dumpingpreise, unfairer Wettbewerb. Tatsächlich wächst inzwischen auch in der deutschen Industrie der Ruf nach einem härteren Vorgehen gegen Peking.
Doch ausgerechnet der Chef eines der größten deutschen Industriekonzerne hält diese Erklärung für zu bequem. Siemens-Vorstandschef Roland Busch warnt davor, Chinas Erfolg pauschal auf staatliche Hilfe zurückzuführen – und benennt einen für Deutschland wesentlich unangenehmeren Grund.
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Siemens-Vorstand lobt Chinas „starke Ingenieure und engagierte Teams“
„Die Wahrheit ist vielmehr, dass wir es in China mit sehr leistungsfähigen Wettbewerbern zu tun haben“, sagte Busch der Welt am Sonntag. Er verweist auf „starke Ingenieure und engagierte Teams“, die innovative Produkte entwickelten und neue Technologien einschließlich Künstlicher Intelligenz schnell übernähmen.
Mit anderen Worten: China verkauft nicht nur deshalb immer mehr Industrieprodukte, weil der Staat Unternehmen unterstützt. Chinesische Konkurrenten sind in vielen Bereichen schlicht gut geworden.
Siemens-Chef warnt: Zölle können eigene Schwächen verdecken
Deshalb hält Busch auch wenig davon, den europäischen Markt nun flächendeckend mit neuen Zöllen abzuschotten. Für einzelne, gezielte Maßnahmen könne es Gründe geben. Europa müsse jedoch „äußerst vorsichtig“ sein, mit Handelsbarrieren die eigene mangelnde Wettbewerbsfähigkeit zu schützen. „Denn das rächt sich“, warnt der Siemens-Chef.
Teile der deutschen Industrie schlagen gegenüber China inzwischen deutlich härtere Töne an als noch vor wenigen Jahren. Nach einem Reuters-Bericht drängen Wirtschaftsverbände Bundeskanzler Friedrich Merz zunehmend zu einem entschlosseneren Vorgehen gegen chinesische Konkurrenz.
Es werde sich rächen, wenn Europa seine eigene mangelnde Wettbewerbsfähigkeit nur mit Zöllen schütze, warnt Roland Busch.
© DeeCee Carter/IMAGO
Der Hintergrund ist handfest: Deutschlands Handelsdefizit mit China wuchs 2025 um rund 22 Milliarden auf 89,3 Milliarden Euro. Die deutschen Importe aus China legten um 8,8 Prozent zu, während die Exporte dorthin um 9,7 Prozent sanken.
Besonders sichtbar wird die Verschiebung in der Autoindustrie. Deutsche Hersteller haben in China Marktanteile an heimische Marken wie BYD verloren. Gleichzeitig wachsen chinesische Hersteller inzwischen auch in Europa kräftig.
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Deutsche Industrie: China kann 30 bis 40 Prozent billiger anbieten
Ganz von der Hand weisen lässt sich der Subventionsvorwurf allerdings nicht. Eine im Juni veröffentlichte OECD-Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass chinesische Hersteller gemessen am Umsatz drei- bis achtmal so viel staatliche Unterstützung erhalten wie Konkurrenten aus OECD-Staaten. Subventionen hätten demnach erheblich zu den chinesischen Weltmarktanteilsgewinnen beigetragen.
Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht erhebliche Wettbewerbsverzerrungen. Staatliche Hilfen und ein nach Berechnungen von Deutsche-Bank-Analysten gegenüber dem Euro um etwa 15 Prozent unterbewerteter Yuan ermöglichten chinesischen Unternehmen laut BDI Preisvorteile von 30 bis 40 Prozent.
China weist den Vorwurf zurück, seine Industrie unfair zu subventionieren oder seine Währung für Exportvorteile gezielt niedrig zu halten.
Busch bestreitet ebenfalls gar nicht, dass es unfaire Praktiken geben kann. „Es mag Gründe für wenige, gezielte Zölle geben“, sagt er. Was er ablehnt, ist eine andere Schlussfolgerung: dass praktisch jedes Problem mit chinesischen Importen durch Subventionen erklärt werden könne.
KI-Modelle entwickeln sich „sechs- oder achtmal“ weiter, während die EU noch regelt
Besonders deutlich wird Busch bei Künstlicher Intelligenz. Während chinesische Unternehmen neue Technologien schnell übernehmen, sieht er Europa mit langwieriger Regulierung beschäftigt.
Bis ein AI Act oder Data Act verabschiedet sei, könnten zwei Jahre vergehen, rechnet Busch vor. In dieser Zeit könnten sich KI-Modelle bereits „sechs- oder achtmal weiterentwickelt“ haben. Wenn die europäischen Regeln schließlich greifen, habe sich die Technologie womöglich längst in eine andere Richtung bewegt. Sein Urteil fällt entsprechend knapp aus: „Wir hinken stets hinterher.“
Genau darin steckt der unbequemere Teil seiner China-Diagnose. Gegen staatliche Subventionen kann Europa mit Zöllen, Anti-Dumping-Verfahren oder anderen Handelsinstrumenten vorgehen. Gegen schnellere Innovation, gute Ingenieure und Unternehmen, die neue Technologien früher einsetzen, helfen Zölle dagegen wenig.
Busch fordert deshalb von der EU vor allem mehr Tempo bei der Zulassung neuer KI-Technologien. Regulierung dürfe deren Entwicklung nicht ausbremsen.
VW und Siemens Energy fordern dagegen härteren China-Kurs
Damit setzt Busch innerhalb der deutschen Industrie einen anderen Akzent. Siemens-Energy-Chef Christian Bruch hatte bereits im Juni gefordert, chinesische Importe nicht einfach wie europäische Produkte zu behandeln. Er brachte neue Regeln und Vorgaben für einen bestimmten Anteil lokaler Wertschöpfung ins Spiel.
Auch Volkswagen-Chef Oliver Blume fordert ein „Level Playing Field“. Europa müsse unter anderem darauf reagieren, dass chinesische Plug-in-Hybride bislang nicht denselben Zöllen unterliegen wie reine Elektroautos aus China. Zudem plädiert er für „Made in Europe“-Regeln, die einen größeren europäischen Anteil an Fahrzeugen sichern sollen.
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Selbst der Verband der Automobilindustrie, der sich 2024 noch gegen die EU-Zölle auf chinesische Elektroautos gestellt hatte, überprüft inzwischen seine Haltung.
Die Sorge ist nachvollziehbar: Chinesische Hersteller greifen deutsche Unternehmen inzwischen nicht mehr nur auf ihrem Heimatmarkt an. BYD, Chery und Leapmotor verkauften im Juni in Europa drei- bis sechsmal so viele Fahrzeuge wie ein Jahr zuvor; auch SAIC und Geely legten zu.
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