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„Ich bin aus Ostdeutschland“: Eine Generation findet ihr Selbstbewusstsein

Über die Erfahrungen ostdeutscher Arbeitnehmer nach der Wende, verlorene berufliche Anerkennung und ein neues Selbstverständnis.

Gisela Binde
7 Min
Stand auf der Ostpro-Messe in Berlin-Karlshorst

Stand auf der Ostpro-Messe in Berlin-Karlshorst

© Ipon/Imago

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„Ich bin aus Sachsen“, sagte ich früher, wenn man mich nach meiner Herkunft fragte, die eigentlich schon überdeutlich hörbar ist in meiner Aussprache – dem „Verwechseln“ harter und weicher Konsonanten. Ich hätte im Westen, wo ich nach der Wende 18 Jahre lang arbeitete und wohnte, das Hochdeutsche mehr üben sollen. Aber ich schaffte das nicht. So muss ich immer wieder Farbe bekennen, wenn die Herkunftsfrage gestellt wird.

Inzwischen aber, wenn man mich nach meiner Herkunft fragt, antworte ich: „Ich bin aus Ostdeutschland.“ Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das Wort Sachsen durch Ostdeutschland ersetzte. Doch eines Tages wurde ich mit der Nase darauf gestoßen durch einen meiner westdeutschen Kollegen. Er wollte wissen, warum ich bei der Frage nach meiner Herkunft nicht einfach meinen Geburtsort nenne wie die jüngeren Ostdeutschen. Ihm war immer wieder aufgefallen, dass meine Generation der älteren Ostdeutschen diese Frage auch so beantworten würde, wie ich, während Jüngere sagten, sie seien aus Dresden, Leipzig oder einem anderen Ort.

Ehrfurcht vor dem mausgesteuerten Computer

Ich war überrascht und fragte den Kollegen, ob es ihn stören würde, wenn wir Älteren auf diese Art unsere Herkunft benennen und warum ihm das aufgefallen sei. Der Satz würde Neidgefühle bei Westdeutschen entfachen, antwortete er mir offen und ehrlich. Ich war platt. Das hatte ich nicht erwartet, denn bisher kannte ich nur das Gegenteil – den Neid der Ost- auf die Westdeutschen. Dass es plötzlich umgedreht sein sollte, war mir neu.

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Warum schien sich der kleine Satz „Ich bin aus Ostdeutschland“ ins Gegenteil verkehrt zu haben? Ostdeutschland war im Westen nicht beliebter geworden – wegen des hohen Altersüberhangs, der angeblichen Engstirnigkeit und des uns angehängten Rassismus. Mit schönen Landschaften allein und der Freundlichkeit der Einheimischen war kein Profit zu machen. Manche Altbundesbürger reisten inzwischen gern in die preiswerteren ostdeutschen Lande; für andere war dies „Dunkeldeutschland“, und die immer noch kursierenden gehässigen Beiträge in manchen Medien über den Osten taten ihr Übriges.

Hatte sich vielleicht der Tonfall des Satzes geändert? Früher offenbar ein Eingeständnis eines Makels, von „drüben“ zu sein, schwang darin heute vielleicht unbewusst etwas Selbstbewusstsein mit? Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr gestand ich mir ein, dass wohl von allem ein bisschen richtig ist. Ich gestand mir auch ein, nach mehr als anderthalb Jahrzehnten des Arbeitens und Wohnens in den alten Bundesländern selbst ein wenig Stolz in diesen Satz zu legen: Seht her, ich bin zwar aus Ostdeutschland, habe es aber trotzdem geschafft, mich in eurer Gesellschaft bis heute zu behaupten!

Ich erinnere mich, wie wir damals in der wendezeitlichen DDR auf Arbeit über unsere zukünftige Stellung in der Bundesrepublik diskutierten. Ich erinnere mich an Befürchtungen und an ein Sich-selbst-Kleinmachen, nachdem erste Kollegen Blicke auf bundesdeutsche Arbeitswelten geworfen hatten bei dortigen Besuchen. Ich denke an unsere Ehrfurcht vor dem ersten mausgesteuerten Computer mit aktiver Bedienoberfläche in unserem Institut – das Geschenk einer westdeutschen Forschungseinrichtung. „Für einfache Präparationen werden unsere Kenntnisse vielleicht reichen“, meinte damals ein anderer promovierter Kollege zu mir. Ich erinnere mich auch an unsere Unsicherheit gegenüber den ersten bundesdeutschen Kollegen, die bei uns auftauchten und auch an westdeutsche Gönnerhaftigkeit, die wir manchmal verspürten.

War nie um einen Spruch verlegen: Norbert Blüm. Der hier geht beispielsweise auf seine Kappe: „Die Arbeitsplätze ziehen weg, ziehen sie mit.“

War nie um einen Spruch verlegen: Norbert Blüm. Der hier geht beispielsweise auf seine Kappe: „Die Arbeitsplätze ziehen weg, ziehen sie mit.“

© Fabian Strauch/Imago

Russischlehrer lernten Englisch

Für uns alle brach 1990 eine Welt zusammen. Viele Ostdeutsche übten plötzlich einen Beruf aus, dessen Namen man in der BRD nicht einmal kannte. Und so wie die Betriebe zusammenbrachen, taten es gleichsam die Berufsaussichten vieler von uns.

Was blieb uns übrig? Neuorientierung, Neuausrichtung, notfalls auch ein Umzug an den neuen Arbeitsort weit weg. Ostdeutsche Fachschulingenieure diplomierten nachträglich zum Diplomingenieur (FH), Russischlehrer lernten Englisch und aus den in der größer gewordenen BRD nicht mehr benötigten Ingenieur-Ökonomen und Pioniergruppenleitern wurden Finanzbeamte und Steuerberater. Familien wurden auseinandergerissen, weil die Partner plötzlich mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt arbeiten mussten, aber auch, weil ostdeutsche Frauen nicht einfach ihrem Mann nachziehen konnten, weil sie selbst arbeiteten und finanziell unabhängig bleiben wollten.

Den westdeutschen Politikern schien die Wende geglückt. Den ostdeutschen Menschen nicht immer, denn sie brachte große Brüche in vielen Lebenswegen hervor. Ein Klassenkamerad, promovierter Philosoph, leitete eine Krankenversicherung. Andere Hochqualifizierte wurden gar nicht mehr gebraucht oder mussten sich mit niedriger bezahlten Tätigkeiten durchschlagen. Eine meiner früheren Klassenkameradinnen, Diplom-Ingenieurin für Textiltechnik, wurde Stoffverkäuferin im Einzelhandel.

Ganz nach Norbert Blüms Motto

Unserer ostdeutschen Generation ist eines gemeinsam: Vieles, was wir einmal gelernt und im Leben geleistet hatten, war unter der neuen Sichtweise des Kapitalismus plötzlich wertlos geworden, genauso wie manche Diplom-Urkunden und Berufsabschlüsse. Einer ganzen Generation aktiv im Arbeitsleben stehender Ostdeutscher wurde mit dem Beitritt der DDR zur BRD das Selbstwertgefühl genommen.

Zur Wendezeit Mitte bis Ende dreißig lernten wir um, orientierten uns neu und zogen hunderte Kilometer westwärts an neue Arbeitsstellen im plötzlich groß gewordenen Deutschland, ganz nach dem Motto des damaligen Arbeitsministers Norbert Blüm: „Die Arbeitsplätze ziehen weg, ziehen sie mit.“ Wir konkurrierten mit Westdeutschen um deren Arbeitsstellen – zu jung fürs Altenteil aber auch schon zu alt für eine Karriere westdeutschen Zuschnitts und das mit Zeugnissen, deren Sprache im Westen keiner verstand.

Auch Ostler, die eigentlich nicht weggehen wollten, machten sich auf den Weg. Was sollten wir denn sonst tun? Wir mussten neu anfangen und uns durchbeißen, und wir bissen uns durch trotz unserer Ostzeugnisse. Wir waren damals dankbar, dass man uns überhaupt einstellte, und fragten nicht nach dem Gehalt, das auch für berufserfahrene Diplom-Ingenieure mit Arbeitserfahrung im Ausland oft auf Absolventenniveau lag.

Und nun das: Ein Altbundesbürger ist neidisch darauf, wenn ich sage: „Ich bin aus Ostdeutschland.“ Das hatte ich nicht erwartet. Es muss sich also etwas getan haben im Selbstbewusstsein und Selbstverständnis meiner Generation!

Eine siebenstellige Zahl ehemaliger DDR-Bürger arbeitet heute in den alten Bundesländern. Immer wieder traf ich Mitbürger aus der alten Heimat, die im Westen beruflich anerkannt sind. Ein positives Echo gab es auch auf meine Tätigkeit. So schlimm, wie 1990 befürchtet, konnte es also nicht stehen um die Fähigkeiten der Ostdeutschen. Und auch ihre Gehälter sind inzwischen nicht mehr auf Absolventenniveau.

Die Fremdheit im Umgang miteinander

Es scheint aber noch etwas zu sein, was uns inzwischen selbstbewusst sagen lässt: „Ich bin aus Ostdeutschland.“ Fast jeder von uns, den man im Westen trifft, erzählt von der Fremdheit, die er immer wieder wahrnimmt im Umgang miteinander. Meist erzählt er nicht direkt davon, sondern ergießt sich in Erinnerungen an das frühere soziale Miteinander in der DDR und an die menschliche Wärme untereinander, die so ganz anders war als das Ellbogen- und Profitdenken, das wir Ostdeutsche heute erleben.

Wir haben in zwei Systemen gelebt, dem östlichen, auf Gemeinsinn orientierten, und leben nun im westlichen, das sich nur dem Profit verpflichtet fühlt. Diese Lebenserfahrung hat ein Altbundesbürger nicht. Vielleicht macht ihn das nachdenklich und ein wenig neidisch auf uns?

Es gibt unzählige Bücher über die Vor- und Nachteile der beiden Gesellschaftssysteme, aber wir Ostdeutschen kennen beide aus dem Leben und nicht nur aus Büchern. Wir haben damit ein unwiederbringliches Stück Lebenserfahrung mehr als die Altbundesdeutschen. Darum können wir inzwischen auch auf gleicher Augenhöhe zu unseren westdeutschen Mitbürgern sagen: „Ich bin aus Ostdeutschland!“

Gisela Binde ist eine promovierte Geowissenschaftlerin im Ruhestand. Sie hat nach der Wende 18 Jahre lang in NRW gearbeitet. Seit vielen Jahren schreibt sie über gesellschaftliche Themen und ist heute Mitglied der ehrenamtlichen Redaktion des Regionalmagazins Treptow-Köpenick (ehemals Seniorenmagazin Treptow-Köpenick).

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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