Gewalt

„Das kann nur der Anfang sein“: So reagieren die Berliner auf Alkoholverbote an Bahnhöfen

Im Berliner Hauptbahnhof und im Bahnhof Gesundbrunnen ist jetzt der Konsum von Alkohol verboten. Hilft das gegen Gewalt und Verwahrlosung? Die Berliner Zeitung hat sich dort umgesehen.

Andreas Kopietz Matthias Zachel Alexandra Gretschichin
6 Min
Am Berliner Hauptbahnhof gilt seit Dienstagmorgen ein Alkoholverbot.

Am Berliner Hauptbahnhof gilt seit Dienstagmorgen ein Alkoholverbot.

© Britta Pedersen/dpa

Weniger Müll, weniger Gewalt, weniger Konflikte unter Alkoholeinfluss. Das ist die Hoffnung der Deutschen Bahn, die das im Mai begonnene Alkoholkonsumverbot auf Bahnhöfen zum 1. September ausgeweitet hat. Seit Dienstag ist es an vier weiteren Stationen in Kraft: am Berliner Hauptbahnhof, am Bahnhof Gesundbrunnen, in Kiel und in Braunschweig.

Bis zum 15. Oktober soll das Verbot schrittweise auf alle rund 5400 DB-Bahnhöfe ausgeweitet werden. An mehr als 30 Stationen, unter anderem in den Hauptbahnhöfen Köln, Frankfurt, Hamburg, München, Dortmund, Düsseldorf, Bonn, Bremen, galt eine solche Regel schon vorher. Sie ist gestützt auf das Hausrecht der Bahn. In Berlin waren bislang der Bahnhof Zoologischer Garten und Ostbahnhof enthalten.

Brutale Angriffe

Betroffen ist nur der offene Alkoholkonsum außerhalb der Gastronomie – auf Bahnsteigen und in Empfangshallen. In Restaurants, Cafés und Bars im Bahnhof bleibt Trinken erlaubt, auch wer Alkohol im Gepäck transportiert, muss nichts befürchten. Für Fernverkehrszüge ist ebenfalls kein Verbot geplant, da die Bahn dort selbst Alkohol verkauft.

„Wir greifen durch: Wir verbannen das Alkoholtrinken aus unseren Bahnhöfen“, erklärt DB-Chefin Evelyn Palla. „Zu oft mussten wir feststellen, dass dort, wo zu viel Alkohol fließt, auch die Gewalt zunimmt.“

Sie bezieht sich dabei auf mehrere brutale Angriffe auf Zugpersonal. Im März verprügelte ein Fahrgast im Vollrausch im ICE Berlin–München einen Schaffner mit einer Krücke. Im April wurde ein Zugbegleiter in Würzburg mit einer Bierflasche attackiert. Im Juni wurde in Sachsen-Anhalt eine Zugbegleiterin von einem Betrunkenen geschlagen und schwer verletzt. Nach Angaben der Bundesregierung wurden im vergangenen Jahr rund 2690 Angriffe auf Bahn-Beschäftigte registriert. Das sind rund elf Prozent mehr als im Jahr davor.

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Alkohol in der Gesellschaft normalisiert

„Grundsätzlich finde ich es schwierig, wenn es zu viele Verbote gibt, die die Freiheit einschränken“, sagt Sebastian H. Er sitzt am Bahnhof Gesundbrunnen und wartet auf seine Freundin. Er habe hier lange gewohnt, sei aber nun in die Schweiz gezogen, erzählt er der Berliner Zeitung. „Generell ist Alkohol in der Gesellschaft normalisiert“, meint er. Also gebe es Nebenwirkungen, die man mittragen müsse.

Für Einschränkungen ist er nur, wenn eine Mehrheit beeinträchtigt würde: „Niemand soll Bahnhöfe aus Angst meiden müssen.“

Die Passagiere Frank W. und Cornelia S. haben eine klarere Meinung: Sie befürworten das Alkoholverbot klar. Weniger Prügeleien, weniger öffentliches Urinieren, weniger Flaschen, die herumstehen. Das ließe sich damit reduzieren. Entsprechend sind sie für mehr Personal und härteres Eingreifen – auch, wenn beispielsweise bei Fußballspielen viele Fans in der Stadt und in den Zügen sind.

Fahrgäste im Bahnhof Gesundbrunnen

Fahrgäste im Bahnhof Gesundbrunnen

© Alexandra Gretschichin/Berliner Zeitung

Die Frage der Durchsetzung

Durchgesetzt werden soll das Verbot des Konsums von Alkohol von der DB-Sicherheit über Platzverweise. Bei Wiederholung folgt ein Hausverbot. „Das ist eine reine Hausrechtsmaßnahme. Wir sind erst mit im Boot, wenn wir um Unterstützung gebeten werden“, begründet ein Sprecher der Bundespolizei, weshalb es am Dienstag keine stärkere Polizeipräsenz in Gesundbrunnen und im Hauptbahnhof gab.

Fraglich ist allerdings, ob die Wachleute der DB-Sicherheit und die Bundespolizei eine flächendeckende Kontrolle leisten können. An Spieltagen der Fußball-Bundesliga zum Beispiel sind Zehntausende Fans mit der Bahn unterwegs. Viele haben Bier dabei. „Um das Alkoholkonsumverbot an den Bahnhöfen durchzusetzen, gehen wir bei Großveranstaltungen wie Fußballspielen mit Augenmaß vor“, teilte die DB mit.

Caritas fordert konkrete Hilfe statt Verbote

„Die soziale Problemlage wird nicht verbessert, sondern verdrängt“, äußerte sich die Caritas nach dem 1. Mai zum unbefristeten Alkoholverbot am Bahnhof Zoologischer Garten und Ostbahnhof.

Die Caritas kann die Sorgen der Deutschen Bahn nachvollziehen, sieht darin aber ein anderes Problem, denn es betrifft überwiegend Menschen mit einer Suchterkrankung oder auch die Obdachlosen, die an solchen Bahnhöfen Zuflucht und Rückzug suchen.

Außerdem erschwert es der Caritas, ihrer Arbeit nachzugehen, da die Betroffenen in Seitenstraßen, Parks, Ladeneingängen oder sogar an die Spielplätze verdrängt werden. Die Sozialarbeiter und Hilfsangebote können dementsprechend die Betroffenen schwieriger erreichen.

So fordert sie stattdessen, die Mittel aus der Verbotskontrolle gezielt in soziale Arbeit zu investieren. Dies könnten mehr psychiatrische Hilfen und Streetwork-Teams sein, aber auch Angebote der Suchthilfe, die Drogenabhängige in Entgiftung und Therapie vermittelt. Auch bessere Aufenthaltsmöglichkeiten und Sanitäranlagen gehören dazu.

„Die Straße macht einen fertig“

Am Hauptbahnhof sitzt Kevin K. auf den Stufen neben dem Südeingang. Der 34-Jährige erzählt, dass er seit sechs Jahren obdachlos ist, die letzten anderthalb Jahre hält er sich in Berlin auf. Vom neuen Verbot hält er nichts. „Wir leben auf der Straße“, sagt er. „Ohne Alkohol hält man das nicht aus.“

Oft schlafe er im Hauptbahnhof oder im angrenzenden Parkhaus hinter den Autos. Doch auch dort sei er schon weggeschickt worden. So ist sein Verhältnis zur Polizei und dem Personal von DB Sicherheit gespalten: Manche von ihnen seien „echt korrekt“, für andere hat er nur Schimpfwörter übrig. „Uns drückt man ins Aus“, sagt ein anderer Obdachloser neben ihm, der anonym bleiben möchte. „Wir machen nichts, wir sprechen niemanden an.“

Schilder weisen auf das Alkoholverbot am Berliner Hauptbahnhof hin.

Schilder weisen auf das Alkoholverbot am Berliner Hauptbahnhof hin.

© Britta Pedersen/dpa

Das neue Verbot hat nicht nur Befürworter. Auf die Einsatzkräfte scheint eine anspruchsvolle Aufgabe zuzukommen.

„Nur der Anfang“

Thorsten Schleheider, der stellvertretende Berliner Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, bezeichnet den Start des Alkoholverbots im Hauptbahnhof sowie in Gesundbrunnen als richtigen Schritt. „Alkohol ist ein Brandbeschleuniger für Gewalt- und andere Straftaten“, sagt er. „Gerade Bahnhöfe bilden hier einen Hotspot, weil dort viele Menschen zusammenkommen, sich dort aufhalten und konsumieren, sodass die Kollegen jeden Tag zu diversen Funkwageneinsätzen auf Vorplätzen und unmittelbarer Umgebung herausrollen müssen.“

Schleheider hofft, dass die Deutsche Bahn das Verbot konsequent umsetzt „und es nicht wie so vieles in unserem Land auf Bundes- und Landespolizei abgewälzt wird“. Das alles könne nur der Anfang sein. Es brauche auch ein Alkoholverbot in Zügen.

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