Theaterpremiere

Magdeburger Theater fragt: Was ist Liebe mit Künstlicher Intelligenz?

Die Regisseurin Martina Gredler verlegt am Magdeburger Theater Mozarts „Così fan tutte“ ins Zeitalter der KI-Beziehungen. Was bleibt von der Liebe, wenn unser Gegenüber ein Chatbot ist?

9 Min
Liebe in Zeiten des Algorithmus: Martina Gredlers Inszenierung von „Così fan tutt*e“ eröffnet die neue Spielzeit am Theater Magdeburg.

Liebe in Zeiten des Algorithmus: Martina Gredlers Inszenierung von „Così fan tutt*e“ eröffnet die neue Spielzeit am Theater Magdeburg.

© Nilz Böhme

Was esse ich heute Abend? Welche Sportroutine passt am besten zu meiner körperlichen Zielvorstellung und wie viel Wasser braucht eigentlich diese Pflanze? Fragen über Fragen, die im alltäglichen Leben auftauchen und bei denen mittlerweile oft und schon fast instinktiv zum Telefon gegriffen wird. Zu den kleinen Helfern in jeglichen Lebenslagen – ChatGPT, Gemini, Siri und Co.

Doch die Nutzung von Künstlichen Intelligenzen übersteigt heutzutage oft das Maß kleiner Tipps im Alltag. ChatGPT ist mittlerweile nicht nur Alltagshelfer, sondern auch Therapeut, Freund oder Freundin und in extremen Fällen sogar Sexualpartner. „Was ist Liebe, wenn Menschen zunehmend Beziehungen mit einem Algorithmus führen?“, fragt sich auch Martina Gredler, Gastregisseurin am Theater Magdeburg. Mit ihrer Inszenierung von Mozarts und Da Pontes „Così fan tutte“ geht sie genau dieser und noch sehr viel mehr Fragen nach, wenngleich auch sie keine Antworten liefern kann.

Die untreue Frau

Doch wie schlägt man die Brücke von einer 235 Jahre alten Oper in die heutige Zeit der ChatGPT-Beziehungen? „Così fan tutte“ wurde 1790, mitten in den Umbrüchen der Französischen Revolution, uraufgeführt. Mozarts Musik begeisterte das Publikum, Da Pontes Geschichte über die vermeintliche Untreue von Frauen sorgte dagegen für Irritation. Denn die Handlung stellte eine gesellschaftliche Vorstellung infrage, die gerade erst an Bedeutung gewann.

Zwei verlobte Männer und eine ziemlich gewagte Wette: Ferrando und Guglielmo sind überzeugt, dass ihre Frauen ihnen niemals untreu werden könnten. Don Alfonso, ein älterer Philosoph und ausgewiesener Skeptiker in Liebesdingen, hält dagegen. Seine These: Keine Frau bleibt treu, wenn die Versuchung nur groß genug ist. Die Männer verkleiden sich, täuschen ihre Abreise vor und versuchen, jeweils die Verlobte des anderen zu verführen.

Zur Person
Reinhard Maximilian Werner

Zur Person

Martina Gredler, geboren in Österreich, studierte Regie am Mozarteum Salzburg. Die freischaffende Regisseurin arbeitete u.a. am Burgtheater Wien, am Staatstheater Nürnberg und an der Komischen Oper Berlin; ihre Produktion „Böhm“ war 2018 für den Nestroy-Theaterpreis nominiert. Mit „Così fan tutt*e“ eröffnet sie die neue Spielzeit des Theaters Magdeburg.
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Ein Angriff aufs Selbstbild

„Diese bürgerliche Identität baut auf der Jungfräulichkeit der Frauen auf“, erklärt Gredler. Das Bürgertum sei gerade dabei gewesen, sich über Tugend und Moral vom Adel abzugrenzen, der es mit der ehelichen Treue am Hof nicht immer ganz so genau nahm. Da Pontes Libretto kratzt an diesem moralischen Selbstbild: Auch die vermeintlich tugendhaften bürgerlichen Frauen, so seine provokante These, können innerhalb kürzester Zeit schwach werden.

Genau diese politische Sprengkraft löste das Interesse bei Regisseurin Gredler aus. „Heute erleben wir alle diesen Paradigmenwechsel mit Künstlicher Intelligenz“, zieht Gredler die Verbindung ins Heute: „War es bei Mozart und Da Ponte die Fragestellung: Was ist Liebe zwischen Menschen?, ist es jetzt auch: Was ist der Mensch? Und was ist menschliche Liebe?“ Damals wackelte die bürgerliche Identität – heute wackelt unser Bild von Liebe und Menschen in Zeiten Künstlicher Intelligenz.

Vom Salon ins Silicon Valley

Eins zu eins ins Heute ziehen wollte Gredler die Handlung allerdings nicht. Daher spielt das Stück nicht in der Gegenwart: „Als Verfremdungsmittel verlagere ich die Handlung in die Mitte der 1980er-, Anfang der 90er-Jahre, ins Silicon Valley.“ Es ist die Zeit, in der Computer vom sperrigen Rechenapparat zu persönlichen Begleitern werden: 1984 bringt Apple den Macintosh auf den Markt, gleichzeitig entstehen mit E-Mail und dem World Wide Web die Grundlagen der digitalen Vernetzung.

Genau in dieser Welt bewegt sich Gredlers Inszenierung. „Don Alfonso ist ein IT-Unternehmer und hat zwei Angestellte, das sind Ferrando und Guglielmo“, erklärt Gredler. Die beiden entwickeln ein Computerspiel, in das man mit einem eigenen Avatar einsteigen kann – und in das sie ihre Partnerinnen Fiordiligi und Dorabella hineinlocken. Das Verkleidungsspiel wandert in den virtuellen Raum. Für Gredler ist das eine „schöne Doppelung“: Wo im Original die beiden Männer verkleidet zurückkehren, um ihre Frauen zu verführen, werden bei ihr die Frauen dazu animiert, das Computerspiel mit ihrem Avatar zu spielen, wo sie auf die Avatare ihrer Männer treffen sollen. „Da treten plötzlich zwei fremde Spieler auf und sie kapieren nicht, dass das ihre eigenen Partner sind.“ Dass Mozart und Da Ponte die Rahmenhandlung als Spiel im Spiel bereits angelegt haben, kommt der Regisseurin dabei entgegen.

Zugleich weicht die Inszenierung den problematischen Ausgangspunkt des Originals auf. Schon der Titel ist geändert – „Così fan tutte“ wird zu „Così fan tutt*e“ und im Spiel wählen die Frauen ihre Avatare frei: „Fiordiligi wählt zum Beispiel einen männlichen Charakter und Dorabella einen weiblichen Charakter“, so Gredler. „Da ist auch die Frage, dass Geschlechtsidentitäten wechseln“ – für sie ein weiterer Faden, der Mozarts Stoff „ins Aktuelle“ zieht.

Liebe, Betrug und Projektion

Kann man sich in einer virtuellen Welt in einen Avatar verlieben? Ist das ein echtes Gefühl? „Ich würde das nicht werten wollen“, sagt Gredler. „Es ist Fakt, dass Menschen sich verlieben.“ Neu und unheimlich sei, dass das Gegenüber antwortet „und dass wir nicht wissen, wie der Algorithmus reagieren wird“.

Damit verschiebt sich auch die alte Frage nach der Treue. „Darf ich eifersüchtig sein, wenn mein Partner, meine Partnerin mehr Zeit mit einem Chatbot verbringt?“, fragt die Regisseurin. Warum die Maschine so reizvoll ist, hat ihr eine Dozentin der Pariser Sorbonne erklärt, die zu genau diesem Thema forscht: Der Chatbot sei immer verfügbar, exklusiv, ohne Familie oder Freunde – und er lerne mit. Vor allem aber sei er nicht wertend. „Menschen haben weniger Hemmungen, ihre Fantasien, ihre Geheimnisse einer Maschine anzuvertrauen als einem Menschen.“

Doch etwas fehle der KI noch. „Ganz salopp gesagt: Was wir noch nicht haben, ist die Körperlichkeit“, sagt Gredler – wohl wissend, dass die Roboterentwicklung längst daran arbeitet. Entscheidender ist für sie ohnehin etwas anderes: „Menschen leben auch von der gegenseitigen Verletzlichkeit und brauchen das in einer Beziehung. Eine KI ist nicht verletzlich.“

Am Ende führt das zu einer Frage, die weit über die KI hinausreicht – und die schon Mozarts Figuren umtreibt: Kennen wir die Menschen, die wir lieben, überhaupt? „Wir kennen vor allem die Versionen von ihnen, die sie uns zeigen. Und auch ein bisschen die Version, die wir sehen wollen“, sagt Gredler. „Sehe ich mein Gegenüber, oder sehe ich nur meine Projektion im Gegenüber?“

Im Spiel treffen die Frauen auf die Avatare ihrer eigenen Partner – ohne es zu ahnen: Szene aus „Così fan tutt*e“ am Theater Magdeburg.

Im Spiel treffen die Frauen auf die Avatare ihrer eigenen Partner – ohne es zu ahnen: Szene aus „Così fan tutt*e“ am Theater Magdeburg.

© Nilz Böhme

Ist der Algorithmus der Gott der Gegenwart?

Gredler verzichtet in ihrem Alltag auf den Einsatz von KI in jeglicher Form. ChatGPT habe sie noch nie verwendet und sogar Google Maps vermeide sie. Doch gänzlich kann auch die 46-Jährige sich dem Fortschritt nicht entziehen. Zunehmend arbeitet sie mit jüngeren Schauspielern zusammen – hier wird der Wandel im Umgang mit KI spürbar. Jüngere Generationen hätten ein anderes Selbstbewusstsein, müssten alles hinterfragen, beschreibt sie. „Es gibt keinen Moment des Zweifelns mehr oder die Antwort in sich selbst zu finden und auch mal auszuhalten, dass man etwas nicht weiß.“

Besonders eine Szene ist ihr im Gedächtnis geblieben: Eine Schauspielerin habe ihr erzählt, wie sie ihre Wochenaufgaben einfach der KI diktiere und sich einen Zeitplan erstellen lasse. Für Gredler wird an solchen Momenten eine fast religiöse Dimension sichtbar. „Es ist, als wäre KI der Gott“, sagt sie – und genau darin liege das Unheimliche: „Gott antwortet.“ Früher sei ein Gebet im Grunde ein Selbstgespräch gewesen. „Ich stelle mir einen Gott vor, aber eigentlich ist es ein Selbstgespräch, und dadurch finde ich die Antworten in mir selbst.“ Jetzt aber gebe es etwas, das antworte – und das nach den Regeln eines Marktes agiere. „Es setzt sich etwas in unserem Hirn, in unserem Herz fest, was nicht wir sind, und der Ausgang ist noch ungewiss.“

„Wer das Medium hat, hat die Macht“

Die Premiere von Gredlers „Così fan tutt*e“ liegt sechs Tage nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Eine Wahl, die auch Einfluss auf ihre zukünftige Arbeit haben könnte. Was das Stück über die Liebe hinaus verhandelt, ist eine Welt, in der Wahrheit, Realität und Simulation immer schwerer auseinanderzuhalten sind. Wenn durch KI kaum noch zu unterscheiden ist, was real ist und was nicht, seien auch der Manipulation keine Grenzen mehr gesetzt. „Wer das Medium hat, hat die Macht“, sagt sie – vom Buchdruck über den Volksempfänger bis zu Social Media. Die nationale Politik hinke den internationalen Konzernen dabei hinterher. Es brauche globale und ethische Regeln, die es bislang nicht gebe.

Kunst versteht sie dezidiert politisch. „Ich empfinde Kunst politisch, ich kann gar nicht anders Kunst machen.“ Sie sei ständige Selbstreflexion einer Gesellschaft und lasse sich nicht wegsparen: „Wenn uns das gekürzt wird, dann verarmen wir geistig. Das sind immer die Vorboten von Diktaturen.“ Ihr Worst-Case-Szenario im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt formuliert sie unzensiert: „völkische Kultur“, das Ende der Diversität, die man sich an den Häusern aufgebaut habe. Die Haltung der Österreicherin ist sowohl gegenüber der Alternative für Deutschland (AfD) als auch der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) unmissverständlich: „Für die mache ich natürlich kein Theater, nur gegen sie.“

Fragen für den Heimweg

So drängend die politischen Fragen sind – am Ende findet Gredler zurück zum Kern ihrer Inszenierung, zu Mozart und Da Ponte. „Mozart macht sich nicht über die Menschen lustig“, betont sie. Auch wenn die Geschichte von verkleideten Männern komödiantisch wirkt, sei sie zutiefst ernst – und die Musik ganz pur. Genau so möchte sie auch ihr Thema verstanden wissen: Dass Menschen sich zunehmend in Chatbots verlieben, sei „total ernst zu nehmen“. Nicht als Kuriosität eines Einzelnen, sondern als Frage, die alle etwas angehe.

Antworten auf die vielen Fragen, die auch in Gredlers Kopf herumschwirren, wird es an diesem Abend keine geben – die Zuschauer sollen sie selbst finden. „Was ist Liebe? Und was macht KI mit unserer Liebe? Was ist der Mensch? Und was kann die KI nicht? Und was könnte die KI auch zerstören?“ Mit diesen Fragen im Gepäck, so ihr Wunsch, sollen die Menschen nach Hause gehen. Aber auch mit einem geschärften Blick auf die eigene Gegenwart: „Dass wir bewusster damit umgehen oder wacher sind. Bewusster, was mit uns gerade passiert. Dass es uns nicht manipuliert, sondern wir bewusst mitbekommen, was da passiert.“


Così fan tutt*e. Premiere am Samstag, 12. September, um 19.30 Uhr, Opernhaus, Universitätsplatz 9, 39104 Magdeburg

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