Gipfel-Drama

Österreich trägt Berggipfel ab: Dieser Dreitausender ist jetzt namenlos und einen Meter niedriger

Pillewizer in den Hohen Tauern: Warum der Alpenverein Salzburg den Bergnamen streicht und die 3000-Meter-Marke aberkennt – alle Fakten im Überblick.

5 Min
Gerd Frühwirth (l) und Roland Kals (r) vom Österreichischen Alpenverein (ÖAV) entfernen die Gipfeltafel der Bergspitze, die bisher nach Wolfgang Pillewizer benannt war.

Gerd Frühwirth (l) und Roland Kals (r) vom Österreichischen Alpenverein (ÖAV) entfernen die Gipfeltafel der Bergspitze, die bisher nach Wolfgang Pillewizer benannt war.

© Sven Leitinger/ÖAV/dpa

Ein Berg in den österreichischen Alpen ist seit vergangenem Freitag wieder namenlos. Und einen Meter niedriger.

Der Österreichische Alpenverein hat in den Hohen Tauern die Gipfeltafel mit dem Namen „Pillewizer“ abmontiert. Benannt war die Erhebung nach dem Kartografen und Gletscherforscher Wolfgang Pillewizer (1911–1999) – NSDAP- und SA-Mitglied, später Professor in der DDR.

Winkelschleifer am Gipfelfels: Was am Freitag passierte

Ein Team der Sektion Salzburg stieg am Freitagmorgen von der vereinseigenen Kürsinger Hütte bei Neukirchen am Großvenediger auf. Mit dem Akku-Winkelschleifer trennten die Männer Gedenktafel und Gipfelbuch-Kassette aus dem Fels, wie salzburg.ORF.at berichtet.

Anschließend trugen sie einen Teil der aufgeschichteten Steine am höchsten Punkt ab.

„Der Name Pillewizer ist mit der weltoffenen Philosophie des heutigen Alpenvereins nicht vereinbar“, sagte Gerd Frühwirth, erster Vorsitzender der Sektion Salzburg, dem Sender. Der Verein folge damit auch einem Beschluss des Salzburger Landtags, alpine Flurnamen mit NS-Bezug systematisch zu überprüfen.

2999 Meter: Der erschummelte Dreitausender

Die Graterhebung liegt rund 2,5 Kilometer nördlich des 3657 Meter hohen Großvenedigers, dort wo Obersulzbach- und Untersulzbachkees zusammenfließen. Ihre natürliche Höhe: 2999 Meter.

Ein Meter fehlte also zur magischen Marke. Also schleppten Bergsteiger ab 1988 Steinplatten aus den Geröllfeldern der Umgebung hinauf.

In den amtlichen Karten stand fortan eine glatte 3000. Streng genommen lag der Punkt trotz der Nachhilfe weiterhin knapp darunter.

Die Historikerin und Alpenvereins-Vizepräsidentin Nicole Slupetzky hat die Vorgeschichte rekonstruiert: Pillewizer selbst wollte den Dreitausender. Die Salzburger Ortsnamenkommission äußerte sich damals kritisch – und ließ die Benennung trotzdem zu, wie aus der Mitteilung des Alpenvereins hervorgeht.

Bei der Feier im September 1988 spielte der Neukirchner Bürgermeister Klarinette, der spätere Landeshauptmann Hans Katschthaler gratulierte. Der Geehrte saß daneben. Die Salzburger Nachrichten notierten trocken: „Solches passiert gewöhnlich nur Verstorbenen.“

NSDAP seit 1932: Pillewizer war ein „Illegaler“

Pillewizer trat der NSDAP und der SA bereits 1932 bei. In Österreich waren beide Organisationen bis zum „Anschluss“ 1938 verboten – er gehörte damit zu den sogenannten Illegalen, die im Untergrund an der Destabilisierung der Republik arbeiteten.

„Wer so früh der NSDAP beigetreten ist, den kann man nicht als Mitläufer bezeichnen“, stellt Slupetzky gegenüber Salzburg24 klar.

Mitte der 1930er-Jahre fungierte er an seinem Studienort Graz als SA-Truppführer. 1937 ging er ins nationalsozialistische Deutschland, wurde Assistent für Kartografie in Hannover, nahm 1938 an der Deutschen Spitzbergen-Expedition teil.

Ab 1939 arbeitete er als Referatsleiter im Reichsamt für Landesaufnahme in Berlin. Im Krieg war er als Kartograf im „Sonderkommando Dora“ und in der „Forschungsstaffel z. b. V.“ tätig – in der besetzten Ukraine, in Lappland, auf dem Balkan.

Vom SA-Truppführer zum DDR-Professor in Dresden

Nach der US-Kriegsgefangenschaft leitete Pillewizer ab 1947 die kartografische Abteilung einer Münchner Privatfirma. 1958 folgte er einem Ruf an die Technische Hochschule Dresden und baute dort den Lehrstuhl für Kartografie auf.

In der DDR machte er eine zweite Karriere: erster Direktor des Instituts für Kartografie, Initiator des DDR-Spitzbergen-Programms, Leiter der ersten beiden Arktis-Expeditionen des Landes. Die Geographische Gesellschaft der DDR verlieh ihm die Hermann-Haack-Medaille.

1969 gab es Ärger – unter anderem soll es um die verschärfte Geheimhaltung topografischer Karten gegangen sein. Kurz darauf wechselte Pillewizer über Göttingen nach Wien, wo er bis zur Pensionierung einen Lehrstuhl hielt. Wie ihm der Sprung über den Eisernen Vorhang mitten im Kalten Krieg so reibungslos gelang, ist bis heute nicht geklärt.

Fragen nach seiner NS-Vergangenheit stellte in Wien offenbar niemand.

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„Absoluter Schwachsinn“: Kritik auf Facebook

Innerhalb des Alpenvereins gab es laut einer Sprecherin ausschließlich Zustimmung, wie die Deutsche Presse-Agentur meldet. Auf der Facebook-Seite des Vereins sah es anders aus. Dort fanden sich neben Lob auch verharmlosende Kommentare, einer schrieb: „Absoluter Schwachsinn, was Ihr da betreibt!“

Der Fall ist kein Einzelfall. Im Frühjahr 2025 hatte der Alpenverein Salzburg bereits die Dr.-Heinrich-Hackel-Hütte im Tennengebirge in Sölden-Hütte zurückbenannt – wegen Hackels antisemitischer Haltung.

Was jetzt mit Karten und Datenbanken passiert

Einen neuen Namen soll die Erhebung nicht bekommen. Über die amtliche Führung geografischer Namen entscheidet der Alpenverein allerdings nicht allein; er will die nötigen Schritte mit den zuständigen Stellen klären.

Auf Spitzbergen bleibt Pillewizer vorerst verewigt. Der Alpenverein nennt zwei nach ihm benannte Punkte, den Pillewizerfjellet aus der NS-Zeit und den Pillewizerknatten aus seinen DDR-Jahren. Die dpa berichtet unter Berufung auf Daten des Norwegischen Polarinstituts von drei Punkten.

Die Erinnerung an den Mann soll trotzdem nicht verschwinden. Nur eben nicht mehr als Ehrung auf einem Gipfelfels.

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