Kommentar

Schluss mit dem VW-Theater: Die 40-Stunden-Woche wird den Konzern nicht retten

VW und IG Metall ringen um Werke, Jobs und längere Arbeitszeiten. Doch selbst eine Einigung würde die tiefe Krise des Konzerns nicht lösen. Ein Kommentar.

5 Min
Bei Volkswagen wird um Werke und Arbeitszeiten gerungen – die eigentliche Krise des Konzerns sitzt tiefer.

Bei Volkswagen wird um Werke und Arbeitszeiten gerungen – die eigentliche Krise des Konzerns sitzt tiefer.

© Julian Stratenschulte/dpa

Vier deutsche VW-Werke stehen auf der Kippe, Zehntausende Arbeitsplätze sind bedroht – und wieder beginnt das bekannte Schauspiel. Der Vorstand droht mit dem Aus von Standorten, die IG Metall stemmt sich dagegen, das Land Niedersachsen vermittelt. Dann wird über Arbeitszeiten, Lohnkosten und neue Fristen gefeilscht. Am Ende steht womöglich ein Kompromiss, mit dem alle Beteiligten irgendwie leben können.

Nur: Volkswagen kann so nicht weitermachen. Bei aller berechtigten Sorge um Beschäftigte in Zwickau, Emden, Hannover oder Neckarsulm sollte sich niemand der Illusion hingeben, dass sich die historische Krise des Konzerns einfach wegverhandeln lässt. Nicht jedes Werk wird auf Dauer zu retten sein. Nicht jede Produktionslinie kann in Deutschland bleiben. Und nicht jeder der heute noch vorhandenen Arbeitsplätze wird die Transformation überstehen. Diese Realität noch länger zu verdrängen, hilft weder den Beschäftigten noch VW.

Die 40-Stunden-Woche wird Volkswagen nicht retten

Die Debatte über längere Arbeitszeiten greift allerdings zu kurz. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer hält Zwickau noch für rettbar. Eine Möglichkeit wäre für ihn die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich.

Darüber kann man diskutieren. Wenn ein Werk dadurch wettbewerbsfähiger wird und Tausende Industriearbeitsplätze erhalten werden können, darf eine längere Arbeitszeit kein Tabu sein.

Zur Lösung der VW-Krise wird sie trotzdem nicht. Volkswagen kämpft nicht nur mit hohen Arbeitskosten. Der Konzern leidet unter schwach ausgelasteten Fabriken, hohen Fixkosten, komplexen Strukturen und jahrelangen Softwareproblemen. Hinzu kommen die Nachteile des Industriestandorts Deutschland: hohe Energie- und Arbeitskosten, Bürokratie und langsame Genehmigungsverfahren.

Während bei VW über 35 oder 40 Wochenstunden gestritten wird, verschieben chinesische Hersteller die Grenzen des Wettbewerbs bei Elektroautos, Software und automatisiertem Fahren. Die entscheidende Frage für Volkswagen lautet daher nicht, wie viele Stunden künftig in Zwickau gearbeitet wird. Sie lautet, womit der Konzern in zehn Jahren noch Geld verdienen will.

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Entscheidend für die Bewältigung der VW-Krise ist nicht, ob Mitarbeiter 40 statt 35 Stunden arbeiten können – sondern wie der Konzern in zehn Jahren Geld verdienen will.

Entscheidend für die Bewältigung der VW-Krise ist nicht, ob Mitarbeiter 40 statt 35 Stunden arbeiten können – sondern wie der Konzern in zehn Jahren Geld verdienen will.

© Teresa Kröger/imago

China wartet nicht auf die nächste VW-Verhandlungsrunde

Chinesische Hersteller haben Volkswagen dort getroffen, wo der Konzern jahrzehntelang besonders stark war. Sie entwickeln Elektroautos schnell, bringen neue Modelle in kurzen Abständen auf den Markt und haben bei Batterien, Software und digitalen Fahrzeugfunktionen enorme Kompetenzen aufgebaut.

Auch beim autonomen Fahren und der Integration Künstlicher Intelligenz ins Auto wird der Wettbewerb härter. Das Fahrzeug der Zukunft wird immer stärker über Software, Rechenleistung und digitale Dienste definiert. Dort müssen deutsche Hersteller beweisen, dass sie mehr können als hervorragenden Maschinenbau.

Volkswagen hat wichtige Entwicklungen zu spät erkannt oder zu langsam umgesetzt. Die jahrelangen Probleme der Softwaretochter Cariad sind dafür nur das sichtbarste Beispiel.

Das lässt sich nicht mit einer zusätzlichen Arbeitsstunde am Band reparieren.

Auch die ewige Diskussion über einzelne Werke greift zu kurz. Natürlich muss entschieden werden, ob Zwickau, Emden, Hannover oder Neckarsulm eine Zukunft haben. Für die betroffenen Menschen und Regionen sind diese Entscheidungen existenziell.

Für Volkswagen steht aber noch mehr auf dem Spiel: Was soll dieser Konzern in zehn Jahren besser können als seine Wettbewerber?

Die alte deutsche Autowelt kommt nicht zurück

Die unbequeme Wahrheit lautet: Die deutsche Autoindustrie wird wahrscheinlich kleiner werden müssen, bevor sie wieder stärker werden kann.

Überkapazitäten lassen sich nicht dauerhaft durch politische Interventionen oder immer neue Standortgarantien konservieren. Fabriken brauchen Produkte, Produkte brauchen Kunden – und am Ende muss mit ihnen Geld verdient werden.

Das bedeutet nicht, industrielle Produktion leichtfertig aufzugeben. Deutschland sollte um jeden Standort kämpfen, der eine realistische wirtschaftliche Perspektive besitzt. Doch „kämpfen“ darf nicht bedeuten, den Status quo möglichst lange einzufrieren.

Die Bedingungen für industrielle Produktion in Deutschland müssen sich ändern. Energie muss wettbewerbsfähiger werden, die Belastung von Arbeit sinken, Genehmigungen müssen schneller werden und Bürokratie muss weg. Gleichzeitig müssen die Hersteller ihre Fabriken produktiver machen und massiv in Batterietechnik, Software, Künstliche Intelligenz, autonomes Fahren und neue Produktionsverfahren investieren.

Deutsche Hersteller sollten sich ohne Überheblichkeit anschauen, was ihre Wettbewerber besser machen. Warum entwickeln chinesische Unternehmen neue Modelle schneller? Warum gelingt es ihnen, Software und Fahrzeugentwicklung enger zu verzahnen? Warum können andere europäische Standorte deutlich günstiger produzieren?

Wer diese Fragen nicht beantworten kann, wird auch mit einer 40-Stunden-Woche keine Werke retten.

Deutsche Hersteller müssen endlich ihre Überheblichkeit ablegen – und sich anschauen, was chinesische Wettbewerber besser machen als sie.

Deutsche Hersteller müssen endlich ihre Überheblichkeit ablegen – und sich anschauen, was chinesische Wettbewerber besser machen als sie.

© Jörn Petring/dpa

VW braucht eine Vision statt immer neuer Drohkulissen

Der Streit bei Volkswagen dreht sich seit Monaten im Kreis.

Der Vorstand erhöht den Druck. Die Arbeitnehmerseite wehrt sich. Niedersachsen versucht zu vermitteln. Dann folgt die nächste Aufsichtsratssitzung, die nächste Frist, die nächste Drohung mit einem Produktionsende. Für Beschäftigte bedeutet das Monate der Unsicherheit. Für den Konzern bedeutet es verlorene Zeit.

Natürlich gehören harte Verhandlungen zu einer Sanierung. Eine Strategie für die nächste automobile Ära ersetzen sie nicht.

Volkswagen muss endlich beantworten, welche Werke dauerhaft wettbewerbsfähig produzieren können, welche Technologien der Konzern selbst beherrschen und wo VW chinesischen Herstellern wieder voraus sein will. Ebenso wichtig ist die Frage, unter welchen Bedingungen es sich auch 2035 noch lohnt, ein Auto in Deutschland zu bauen. Darüber müsste mindestens mit derselben Härte gestritten werden wie über Arbeitszeiten und Werksschließungen.

Vielleicht wird Zwickau gerettet. Vielleicht auch Emden oder Hannover. Andere Standorte könnten verschwinden. Der Erfolg der Transformation lässt sich aber nicht daran messen, wie viele schmerzhafte Einschnitte Volkswagen noch ein paar Jahre hinauszögern kann. Entscheidend ist, ob Volkswagen aus diesen Einschnitten als Konzern hervorgeht, der wieder weiß, wie er gewinnen will.

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