Volksbühne

Die New York Times erklärt mit dem Volksbad das veränderte Berlin

Am Freitag verwies der Volksbühnen-Intendant auf das internationale Echo. Die Irish Times rechnet nach, der Guardian ordnet ein, die NYT spricht von Kulturkampf.

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Früher durfte man in Berlin machen, was man wollte, sagt der Volksbühnen-Intendant der New York Times.

Früher durfte man in Berlin machen, was man wollte, sagt der Volksbühnen-Intendant der New York Times.

© IMAGO/Hans Scherhaufer

Als am Freitag bekannt wurde, dass das Volksbad, also der Swimming-Pool vor der Volksbühne nicht 300.000, sondern 410.000 Euro gekostet hat, sagte der Intendant Matthias Lilienthal, das sei zwar sehr viel Geld, doch bereite dieses Schwimmbecken der Stadt nach wie vor große Freude.

„Und es hat den Blickwinkel vieler Menschen auf Berlin verändert – auch international.“ Die Volksbühne sei in der New York Times und  anderen ausländischen Medien Thema gewesen. Und das stimmt, das Medienecho auf das Theaterbad war groß.

Ein paar Tage nach der Eröffnung schrieb etwa der Berlin-Korrespondent der Irish Times über das Volksbad, doch  ihn interessierte weniger der Pool als Kunstprojekt, er machte eine Rechnung auf.

Irish Times sieht schwache Argumente

Auf die Frage nach dem Geld hatte Lilienthal auf eine neue Autobahnbrücke verwiesen, die Berlin 27 Millionen Euro kostet – dagegen sei sein Becken nichts. Der Autor der Irish Times argumentiert, die Brücke ersetze ein Bauwerk, das fünfzig Jahre hielt und täglich fast 200.000 Fahrzeuge trug. Das Volksbad sei dagegen an fünf Tagen der Woche acht Stunden geöffnet und werde am 1. Oktober abgebaut.

Auch Lilienthals zweite Verteidigungslinie hält die Irish Times für schwach: das Becken als Protest gegen die Kürzungen im Kulturhaushalt. Die Volksbühne gehöre neben den Opern- und Konzerthäusern zu den am stärksten geförderten. Im vergangenen Jahr sei sie auf rund 124.000 Besucher bei einer durchschnittlichen Auslastung von 64 Prozent gekommen. Der Zuschuss je Besucher habe sich auf 192,40 Euro belaufen.

Ein von der Irish Times als führender Berliner Theaterkritiker bezeichneter Mann, der anonym bleiben wollte, sagte der Zeitung, er wünsche sich bei manchem Abend an diesem Haus, die Kassiererin hätte ihm stattdessen das Subventionsgeld in die Hand gedrückt.

Und er halte es für wenig glaubwürdig, wenn ein Intendant mit sechsstelligem Gehalt erst 300.000 Euro für acht Wochen Schwimmbad ausgebe und dann über eine drohende Kürzung von 500.000 Euro klage. Dass Lilienthal ein sechsstelliges Gehalt bezieht, ist eine Zuschreibung des anonymen Kritikers.

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Der Guardian ordnet ein

Am 24. August berichtete die britische Zeitung Guardian über die Absage des für die Schwarze Community reservierten Badetags. Sie benennt die Stimmen, die den Vorgang eskalieren ließen. Die CDU-Kommunalpolitikerin Aileen Weibeler, die am 11. August in sozialen Netzwerken sagte: „Ich darf nicht ins Freibad, weil ich weiß bin“, und von einem „super seltsamen und diskriminierenden Gefühl“, nicht in das Schwimmbad gehen zu dürfen spricht. Er nennt die AfD-Chefin Alice Weidel, die von Apartheid sprach.

Die in London ansässige Zeitung ordnet die Auseinandersetzung in einer Reihe rassistischer Poolvorfälle ein. Sie nennt einen Badestrand in Halle, der in diesem Sommer Gäste abwies, die nicht genügend Deutsch sprachen. In den Niederlanden habe das Menschenrechtsinstitut gegen ein Schwimmbad, das ein Schwarzes Kind zur Ausweiskontrolle herausgegriffen hatte, entschieden. Die Schweizer Gemeinde Bremgarten schränkte bereits 2013 den Zugang für Asylsuchende ein, ein rumänisches Bad wurde 2022 zu einer Geldstrafe verurteilt, weil es Roma-Kindern den Eintritt verweigert hatte.

Der Guardian zitiert den Historiker Jeff Wiltse, der die Geschichte amerikanischer Schwimmbäder erforscht hat: Bäder seien visuell, körperlich und sozial intime Räume, und genau das rühre an soziale Ängste. Das scheint der rassistisch eskalierte Streit um das Volksbad zu bestätigen.

Die New York Times sucht die verschwundenen Arbeiter

Die New York Times kam zuletzt, am 27. August, und ihr Autor beschreibt das Volksbad als Brennpunkt in einem Kulturkampf, er sieht das Becken als Fenster in ein Land, in dem rechte Onlinemedien an Einfluss gewinnen, möglicherweise bezieht er sich hier auf das Nachrichtenportal Nius, das als erstes Medium über die Pool-Stunden nur für Mitglieder der Schwarzen Community berichtet hatte.

Deutschland ist für den New-York-Times Autor ein Land, in dem darüber gestritten wird, wer sich im öffentlichen Raum abkühlen darf, und in dem sich jene Arbeiterschaft verändert hat, die dieses Theater vor über hundert Jahren mit ihren „Arbeitergroschen“ gebaut hat.

Die AfD habe tief in der deutschen Arbeiterklasse Fuß gefasst, schreibt die Zeitung. Und sie lässt Lilienthal Berlin erklären. Er fragt, ob die ablehnende Reaktion auf den Pool am Arbeitertheater diesen Wandel in der Einstellung der Arbeiterklasse widerspiegele. Er sagt, Berlin sei zu einer Stadt der Regierung und der Start-ups geworden, mit einer Innenstadt, die zu „einem Drittel aus Influencern“ bestehe, während die Schwerindustrie ausgehöhlt sei. „Berlin hat also keine Arbeiter mehr.“

Lilienthal ist sogar ein wenig selbstkritisch, wenn er sagt: „Es war in gewisser Weise naiv.“ Noch in den 2000er- und 2010er-Jahren habe in der Stadt die Stimmung geherrscht, dass jeder tun könne, was er oder sie will. Und das sei heute nicht mehr der Fall. Das klingt fast so, als sei der Kulturkampf schon verloren.

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