„Wir werden enorme Reichtümer aus dem Boden holen“, tönte Donald Trump Anfang Januar, unmittelbar nachdem er die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seiner Frau Cilia Flores angeordnet hatte. Acht Monate später ist klar: Der US-Präsident hat die Ankündigung ernst gemeint. Als direkte Folge jener Aggression steht nun ein Öl-Deal zwischen Washington und der Übergangsregierung in Caracas, der von der einen Seite als „historisch“ gefeiert und von der anderen als neokoloniale „Plünderung“ gebrandmarkt wird.
Die Verkündung erfolgte auf die für Trump typische Weise. Am 30. August pries er auf Truth Social „den größten Öl-Deal der Weltgeschichte“, den er mit der „hochgeschätzten Interimspräsidentin“ Delcy Rodríguez ausgehandelt habe. Er sichere den USA die Kontrolle über 65 Milliarden Barrel nachgewiesener venezolanischer Ölreserven, verteilt auf 17 Förderfelder – für 100 Jahre. Tags darauf nannte Trump das Öl, immerhin rund ein Fünftel der venezolanischen Gesamtreserven, „ein Geschenk Venezuelas an das Volk der USA“. Das südamerikanische Land verfügt mit geschätzt 303 Milliarden Barrel über die größten nachgewiesenen Vorkommen der Welt.
Kontrolle statt Partnerschaft
Am Montag benannte das Weiße Haus das Unternehmen, über das der Deal laufen soll. North American Blue Energy Partners (Nabep), zweitgrößter privater Ölproduzent Venezuelas. Kontrolliert wird es vom venezolanischen Millionär Alejandro Betancourt, gegen den in der Schweiz und in Spanien wegen Geldwäsche ermittelt wird. Betancourt steht Rodríguez nahe und fungierte zudem als Mittelsmann für Mauricio Claver-Carone, der bis vor kurzem für das US-Außenministerium in Venezuela tätig war.
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Von einer Partnerschaft unter Gleichen kann nicht die Rede sein, vielmehr riecht der Deal nach totaler Kontrolle. Washington wird Miteigentümer, Vorzugskunde und Aufsichtsorgan zugleich. So erhält das US-Kriegsministerium eine Beteiligung von 35 Prozent an der Nabep-Muttergesellschaft. Das Außenministerium sichert sich das Recht, 20 Prozent der Produktion zum Selbstkostenpreis abzunehmen – für die übrigen 80 Prozent bleibt ein Vorkaufsrecht. Der Vorstand muss mehrheitlich aus US-Bürgern bestehen, bei Personalentscheidungen behält Washington ein Vetorecht.
Am vergangenen Dienstagabend landete US-Energieminister Chris Wright in Caracas und unterzeichnete den Deal tags darauf. Man erlebe „einen absolut historischen Wandel sowohl in Venezuela als auch in den Beziehungen zwischen Venezuela und den USA“, erklärte Wright. Dieser sei Ausdruck von Trumps „groß angelegtem Plan, Konflikte durch Handel zu ersetzen“. Bereits am Vortag hatte die venezolanische Nationalversammlung das Abkommen gebilligt. Parlamentschef Jorge Rodríguez, Bruder der Interimspräsidentin, verteidigte die Zustimmung mit der rhetorischen Frage, wem das Öl unter der Erde denn nütze, wenn es dort bleibe. Delcy Rodríguez selbst sprach, Trumps Wortwahl aufgreifend, von einem „historischen“ Abkommen, das eine neue Phase von Erholung, Wachstum und Wohlstand für ihr Volk einleiten werde.
Souveränität nur auf dem Papier
Dem Einwand, die venezolanische Verfassung erkläre alle Bodenschätze zu Staatseigentum, begegnete Rodríguez mit der Versicherung, Venezuela behalte die „volle Souveränität“ über seine Rohstoffe. Rodríguez führt die Regierung erst, seit die USA Maduro verschleppt haben; zuvor war sie über viele Jahre Teil des innersten Machtzirkels im Land. Die Fäden im Hintergrund zieht allerdings Washington. Anfang Juli bezeichnete die New York Times US-Außenminister Marco Rubio als „De-facto-Vizekönig Venezuelas“, der auch die Übergangspräsidentin kontrolliere.
Wie eng diese Kontrolle ist, zeigt sich am Umgang mit den Öleinnahmen selbst. Seit der US-Militärintervention fließen sämtliche Erlöse aus venezolanischen Erdölverkäufen auf ein Konto in New York, das direkt dem US-Finanzministerium untersteht. Um überhaupt Zugriff auf das Geld zu erhalten, muss Caracas monatliche Haushaltsanträge in Washington stellen – ohne Garantie, dass diese bewilligt werden. Von 13 Milliarden US-Dollar, die laut Financial Times bis Ende Juli auf dem Konto eingegangen waren, kamen gerade einmal 300 Millionen Dollar in Venezuela an.
„Diplomatie mit Waffengewalt“
Ehemalige Weggefährten kritisierten Rodríguez für den Deal. Rafael Ramírez, einst Erdölminister und Chef des staatlichen Ölunternehmens PDVSA, nannte das Abkommen gegenüber El Nacional eine „Plünderung, die weder angemessen noch akzeptabel ist“. Der Ökonom Francisco Rodríguez erklärte bei Democracy Now, keine venezolanische Regierung hätte je ein solches Abkommen unterschrieben, „wäre das Land nicht zuvor Opfer einer Invasion geworden, und wären seine Behörden nicht mit Waffengewalt unter Druck gesetzt worden“; er sprach von „Diplomatie mit Waffengewalt“.
Bemerkenswert ist, dass der Vorwurf des Neokolonialismus keineswegs nur von links kommt. Elliott Abrams, der früher selbst als Trumps Sonderbeauftragter für Venezuela und Iran tätig war, nannte das Abkommen schlicht „furchtbar“. Er glaube, Übergangspräsidentin Rodríguez erfülle „lediglich die Forderungen, die aus Washington gestellt werden“. Die Konditionen seien derart einseitig, dass der Deal einem „Fiebertraum von Kolonialismus“ gleichkomme.
Blick auf die Raffinerie Ana María Campos am Maracaibo-See im venezolanischen Bundesstaat Zulia. Nach dem neuen Öl-Abkommen mit den USA laufen die Verladeoperationen weiter.
© Jose Isaac Bula/imago
Auch wenn Trump bei der Ankündigung des Deals behauptete, dieser werde „den Amerikanern“ zugutekommen: Profiteure werden in erster Linie private Akteure wie Betancourt, aber auch US-Ölkonzerne sein, die künftig bevorzugten Zugang zu venezolanischem Rohöl erhalten sollen. Das Wall Street Journal nannte zunächst zwei Namen: den Ölkonzern Chevron, den einzigen US-Konzern, der Venezuela nie ganz verlassen hatte, sowie den Dienstleister rund um die Ölförderung Halliburton. Passend dazu kündigte Chevron am Dienstag an, seine Produktion in Venezuela in den kommenden fünf Jahren auf 600.000 Barrel täglich mehr als verdoppeln zu wollen. Dafür sollten mehr als sieben Milliarden US-Dollar investiert werden.
Baustein der „Donroe-Doktrin“
Der US-Regierung geht es darum, sich unabhängig vom Nahen Osten zu machen, indem sie versucht, das geopolitische Zentrum der globalen Energiemärkte zurück in den Westen zu holen. Damit agiert sie gemäß der Ende 2025 veröffentlichten nationalen Sicherheitsstrategie, in der der eigene Einflussbereich auf die westliche Hemisphäre konzentriert wird. Lateinamerika und insbesondere der Teil, den die Trump-Regierung als „Groß-Nordamerika“ bezeichnet, kommt dabei eine zentrale Rolle zu.
Doch der Deal zielt nicht allein auf Energiesicherheit, sondern ausdrücklich auch auf die Verdrängung chinesischen und russischen Einflusses aus der Region. Ein an den Verhandlungen beteiligter US-Beamter formulierte das gegenüber Reuters unverblümt. Der Deal eröffne nicht nur lukrative Gewinnmöglichkeiten für US-Ölkonzerne, sondern mache die USA zugleich zum Absatzmarkt für Öl, das zuvor nach China geflossen sei.
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Von den 17 Feldern, die an Nabep übergehen sollen, wurden laut Reuters fünf zuvor von chinesischen Unternehmen betrieben, darunter die staatliche CNPC und die in Hongkong registrierte China Concord Petroleum. Ein weiteres Feld lag in einem Joint Venture zwischen der staatlichen PDVSA und einem russischen Unternehmen. Aufgrund des langjährigen US-Embargos waren es gerade chinesische und russische Firmen, die in den vergangenen Jahren eine wichtige Rolle im venezolanischen Energiesektor gespielt hatten.
Hatte sich Peking nach der US-Intervention im Januar noch auffallend zurückgehalten, reagierte es nun deutlich schärfer. Außenamtssprecher Guo Jiakun betonte, Chinas Aktivitäten in Venezuela seien „durch das Völkerrecht und die Gesetze beider Länder geschützt“, und forderte, Chinas „legitime Rechte und Interessen in Venezuela“ müssten gewahrt bleiben.
Wie explizit die geopolitische Stoßrichtung gemeint ist, macht ein „Fact Sheet“ des Weißen Hauses deutlich. Darin heißt es, der Deal solle die „Energievorherrschaft der USA für das nächste Jahrhundert“ sichern und „böswilligen ausländischen Einfluss aus unserem Hinterhof verbannen“ – indem China und Russland von den Ölfeldern des Landes mit den weltweit größten nachgewiesenen Reserven ausgeschlossen werden. Der Deal sei Teil der Bemühungen, die „Monroe-Doktrin wieder durchzusetzen“. Das Nachsehen haben die Länder Lateinamerikas.
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