Straßenverkehr

Unter den Linden: Der vergessene Tunnel vor der Staatsoper wird abgerissen

Auf dem Boulevard in Mitte klaffen ab Herbst Baugruben. Der marode Bau darunter trägt keine schweren Lasten mehr. Für Autos wird es eng. Dafür kehren Doppeldecker 2027 auf die Linie 100 zurück.

7 Min
Die neue Baustelle vor der Staatsoper Unter den Linden in Mitte. Kaum jemand weiß, dass sich hier der Lindentunnel verbirgt.

Die neue Baustelle vor der Staatsoper Unter den Linden in Mitte. Kaum jemand weiß, dass sich hier der Lindentunnel verbirgt.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Es ist ein sehr prominenter Ort für eine Baustelle. Vor der Staatsoper Unter den Linden und gegenüber ist das Pflaster aufgerissen. Die Absperrungen sind Vorboten für ein großes Projekt, das ab Herbst den Verkehr beeinträchtigen wird. Nicht mehr lange, dann werden dort Baugruben klaffen: erst vor der Staatsoper, dann vor der Neuen Wache.

Die gute Nachricht ist: Ab 2027 können wieder Doppeldeckerbusse die Prachtmeile in Mitte befahren. Doch damit das möglich ist, muss zuvor ein marodes Bauwerk, das sich im Untergrund verbirgt, verschwinden. Im Lindentunnel unterquerten einst Straßenbahnen den Boulevard. Jetzt wird der Abschnitt unter der Straße abgebrochen und verfüllt.

Die Senatsverkehrsverwaltung bestätigte, dass die Vorbereitungen bereits im Gange sind. Die derzeit sichtbaren Arbeiten finden im Auftrag des Fernwärmeversorgers Berliner Energie und Wärme statt, sagte Petra Nelken, Sprecherin von Senatorin Ute Bonde (CDU). Das Tunnel-Abbruchprojekt könnte im Oktober 2026 beginnen, kündigte sie an.

Lindentunnel: Bauwerk mit ungewöhnlicher Geschichte

Das sei der früheste Termin, teilte die Verwaltung mit. „Der Bauvertrag wurde Ende August 2026 vergeben“, so Nelken. „Aktuell werden bis zum Beginn der Arbeiten vor Ort noch zwingend notwendige Vorbereitungsleistungen und Genehmigungsverfahren, zum Beispiel für die Erteilung der verkehrsrechtlichen Anordnung, durchgeführt.“

Doch klar ist: Das Projekt ist nun ins Rollen gekommen. Und es betrifft eines der vielen ungenutzten Tunnelbauwerke, die im Berliner Untergrund vor sich hin dämmern. Ein Bauwerk mit einer ungewöhnlichen Geschichte. Denn es diente nur kurz dem Verkehr.

„Drunter durch, nicht drüber hinweg!“ So hat es Kaiser Wilhelm II. formuliert, berichtet der Verein Berliner Unterwelten. Die Straße Unter den Linden dürfe nicht für den Schienenverkehr genutzt werden, ordnete der Herrscher an. Paraden und andere offizielle Termine sollten schließlich nicht von schnöden Straßenbahnen gestört werden.

Die Absperrung vor der Staatsoper ist derzeit noch überschaubar. Auch gegenüber, vor der Humboldt-Universität und vor der Neuen Wache, wird der Tunnelabbruch vorbereitet.

Die Absperrung vor der Staatsoper ist derzeit noch überschaubar. Auch gegenüber, vor der Humboldt-Universität und vor der Neuen Wache, wird der Tunnelabbruch vorbereitet.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

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Zwar waren ab 1894 trotzdem auf einem Linden-Abschnitt Pferdebahnen unterwegs. Später wurde sogar eine elektrische Oberleitung montiert. Aber die Elektrische war nur geduldet. Bald kam die Idee auf, sie in einem Tunnel queren zu lassen.

1916, mitten im Ersten Weltkrieg, begann in dem Betonbauwerk der Betrieb. Auf Plänen sieht das Bauwerk wie der Buchstabe Ypsilon aus. „Zwischen der Singakademie, heute Maxim-Gorki-Theater, und der Universität führte eine viergleisige Rampe in den Tunnel hinein, der sich unter der Straße verzweigte“, erläuterte der Unterwelten-Verein.

Der Lindentunnel und seine Zufahrtsrampen summierten sich anfangs auf eine Gesamtlänge von 556 Metern. Weil sich die Große Berliner Straßenbahn die Möglichkeit freihalten lassen wollte, Doppelstockzüge einzusetzen, war die Durchfahrt zudem bis zu 4,65 Meter hoch.

In DDR-Zeiten ein Schaltraum für Überwachungskameras

Doch schon 1923 kam das Ende des Betriebs im südwestlichen Ast des Tunnels. Ende der 1930er-Jahre wurde dort Beleuchtung getestet – für den Autobahntunnel, der im Tiergarten die heutige Straße des 17. Juni unterqueren sollte. Anfang September 1951 fanden die letzten Fahrten im südöstlichen Ast des Lindentunnels statt. Inzwischen verlaufen dort Fernheizungsrohre. Für Bahnen ist dort schon lange kein Platz mehr.

„Ende der 1960er-Jahre stellten dort Betriebskampfgruppen Fahrzeuge und Geräte ab. Später standen dort auch Mannschaftswagen der Volkspolizei bei Großveranstaltungen in Bereitschaft. Am Ende des westlichen Tunnelzweiges wurde ein Schaltraum für Überwachungskameras eingebaut“, so der Verein Berliner Unterwelten.

Von 1994 bis 1998 zeigte der Künstler Ben Wagin im Lindentunnel seine Werke. In einer Rampe erinnert die „Versunkene Bibliothek“ von Micha Ullman mit leeren weißen Regalen an die Bücherverbrennung, die die Nazis 1933 auf dem heutigen Bebelplatz inszenierten.

In kritischem Zustand: Rund 80 Pfeiler stützen den Lindentunnel in Mitte.

In kritischem Zustand: Rund 80 Pfeiler stützen den Lindentunnel in Mitte.

© Mathias Hiller

Neben dem 1995 eingeweihten Denkmal erstreckt sich eine Tiefgarage, von der eine Stahltür in den Tunnel führt. Gegenüber nutzt das Maxim-Gorki-Theater seit 2002 den nördlichen Lindentunnel auf 80 Metern als Kulissenlager. Ein Aufzug wurde ins Pflaster eingelassen. Dieser Bereich bleibt als einziger erhalten. Die beiden Tunneläste werden abgebrochen.

Als die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) die U-Bahn-Linie U5 zum Hauptbahnhof verlängerten, wurde erneut klar, in welch kritischem Zustand der einstige Straßenbahntunnel ist. „Damals hätte man den U-Bahn-Bau dazu nutzen müssen, ihn abzubrechen“, sagt Jens Wieseke, der frühere Sprecher des Berliner Fahrgastverbands IGEB.

Doch dazu kam es nicht. Inzwischen stützen rund 80 Pfeiler das Bauwerk, und eine Betonplatte soll die Belastungen verteilen. Trotzdem kann dieser Bereich der Straße Unter den Linden große Achslasten nicht mehr tragen. Seit 2022 dürfen dort nur noch Fahrzeuge bis 18 Tonnen fahren. Seitdem sind auf der Linie 100 keine Doppeldeckerbusse mehr unterwegs – sie sind einfach zu schwer für den Tunnel.

Autofahrer müssen mit Beeinträchtigungen rechnen

Jetzt zeichnet sich ab, dass die Großen Gelben auf die Touristenlinie der BVG zurückkehren werden. „Nach Abschluss der Arbeiten können die Lastbeschränkungen aufgehoben werden“, so Verwaltungssprecherin Petra Nelken. „Nach derzeitigen Informationen sollen nach der Baumaßnahme wieder Doppeldeckerbusse zum Einsatz kommen.“

Bis dahin ist allerdings einiges zu tun. Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger und alle anderen, die in diesem Teil der historischen Innenstadt unterwegs sind, müssen sich bis 2027 auf Verkehrsbeeinträchtigungen einstellen.

Es geht um den südwestlichen und den südöstlichen Tunnelast. Beide kreuzen die Straße Unter den Linden im Untergrund. Zunächst sollen die Bauwerke auf 78 beziehungsweise 50 Meter abgebrochen werden, bis 2,50 Meter unter Fahrbahnniveau. Rund 30 Tonnen Schutt werden dabei entstehen, so der Senat. Dann werden 250 Kubikmeter Flüssigboden in den Boden gepumpt. Kosten: 5,4 Millionen Euro.

So sieht der Lastenaufzug ins Lager des Maxim-Gorki-Theaters ausgefahren aus.

So sieht der Lastenaufzug ins Lager des Maxim-Gorki-Theaters ausgefahren aus.

© Mathias Hiller

„Es wird eine Wand eingezogen, um den zu verfüllenden Bereich von dem künftig weiterhin vom Maxim-Gorki-Theater nutzbaren Tunnelteil zu trennen“, erläutert Mathias Hiller vom Verein Berliner Unterwelten. Dann werden Bohrungen in den Tunnel eingebracht und dieser wird verfüllt.

Tunnel-Fans aufgepasst: Berliner Unterwelten laden ein

Was wird man an der Oberfläche sehen? Zunächst entsteht eine 4110 Quadratmeter große Baustelle vor der Staatsoper. Wenn die Arbeiten in diesem Bereich beendet sind, wird vor der Neuen Wache gegenüber die zweite Teilbaustelle eingerichtet. Sie wird 4310 Quadratmeter umfassen.

Die Folgen für den Verkehr Unter den Linden: „In der ersten Bauphase wird die Fahrbahn in die westliche Fahrtrichtung zum Alexanderplatz gesperrt und der Kfz-Verkehr auf die andere Straßenseite umgeleitet. Für jede Fahrtrichtung steht während dieser Zeit jeweils ein Fahrstreifen zur Verfügung. Der Fuß- und Radverkehr wird im unmittelbaren Umfeld der Baustelle umgeleitet“, so die Verwaltung.

In der zweiten Bauphase wechselt die Baustelleneinrichtung auf die andere Seite. Im Herbst 2027 sollen die Arbeiten enden. So der Plan.

Der S-Bahnhof Nordbahnhof 1989. Die DDR ließ Eingänge zumauern. Teile der Anlage gehörten zum Grenzgebiet. Am Wochenende kann dort ein alter Tunnel besichtigt werden.

Der S-Bahnhof Nordbahnhof 1989. Die DDR ließ Eingänge zumauern. Teile der Anlage gehörten zum Grenzgebiet. Am Wochenende kann dort ein alter Tunnel besichtigt werden.

© Stiftung Berliner Mauer

Übrigens: Wer sich für Tunnel interessiert, sollte sich den 12. und 13. September vormerken. „Anlässlich des Tags des offenen Denkmals am kommenden Wochenende machen die Unterwelten den seit vergangenem Jahr unter Denkmalschutz stehenden Stettiner Tunnel wieder der Öffentlichkeit zugänglich“, kündigt Mathias Hiller an.

Der 180 Meter lange Tunnel wurde 1895 bis 1896 beim Umbau des Stettiner Fernbahnhofs (heute: Nordbahnhof) angelegt. Neun Jahre vor dem Bau der Mauer wurde das Bauwerk geschlossen und vermauert.

Wer an einem der 22 Rundgänge teilnehmen will, meldet sich auf der Website der Berliner Unterwelten an. „Ich werde an beiden Tagen als ‚Erklärbär‘ dort sein“, kündigt Hiller an. Gut möglich, dass das Interesse groß ist. Die Unterwelten faszinieren viele Menschen. Ein Tipp noch: Taschenlampe mitbringen. Das Handylicht genügt nicht.

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