Mecklenburg-Vorpommern

Erstes TV-Duell: Schwesig zeigt ihre Erfahrung, Holm hält ihr die offenen Rechnungen vor

Schwesig setzte auf Stabilität, Holm auf Protest. Am Ende gab es keinen klaren Sieger, aber einen Gewinner des Duells - den politischen Zweikampf selbst.

5 Min
Schlagabtausch bei ntv: Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und AfD-Herausforderer Leif-Erik Holm trafen im Schweriner Schloss am Mittwoch zum ersten TV-Duell aufeinander.

Schlagabtausch bei ntv: Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und AfD-Herausforderer Leif-Erik Holm trafen im Schweriner Schloss am Mittwoch zum ersten TV-Duell aufeinander.

© Jens Büttner/dpa

Es war das erste TV-Duell von SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und AfD-Ministerpräsidenten-Anwärter Leif-Erik Holm vor der Landtagswahl. Ausgestrahlt vom Nachrichtensender ntv im Zusammenspiel mit der Ostseewelle am Mittwochabend direkt aus dem Schweriner Schloss. Und schnell verfestigte sich der Eindruck, dass die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern auf Schwesig gegen Holm hinausläuft - Amtsmacht gegen Fundamentalopposition. Oder, ganz nach SPD-Lesart: Stabilität gegen Blau.

Schwesig und Holm bekamen mit Fernsehen, Radio und landesweiter Aufmerksamkeit eine Bühne, die größer kaum sein konnte. Linke und CDU als dritt- und viertstärkste Kraft laut Umfragen durften dagegen nur zuschauen. Übrig blieb, was Wahlkampfstrategen derzeit nahelegen. Es ist ein Zweikampf zwischen der Ministerpräsidentin, die es wieder werden will, und dem AfD-Herausforderer, der sie nach dem 20. September beerben möchte. Wer allein mit der Amtsinhaberin debattiert, ist nicht mehr bloß Oppositionspolitiker. Er wird automatisch zur Alternative zur Regierung.

Schwesigs stärkste Karte: die Erfahrung

Die SPD-Spitzenkandidatin versuchte deshalb von Beginn an, die Rollen festzulegen. Sie sprach über Wirtschaft, Arbeitsplätze, Kita-Beitragsfreiheit, Investitionen, Werften und Rechenzentren. Ihre Botschaft war unmissverständlich: „Ich regiere, liefere, kenne dieses Land. Und ich weiß, was zu tun ist, wenn es schwierig wird.“

Und das ist ihre stärkste Karte, die sie am Mittwoch ausspielte. Schwesig beherrscht die Sprache der Verantwortung. Doch sie verfiel auch immer wieder in ein bekanntes Muster. Sie verteidigte nicht nur ihre Politik, sie verteidigte sich gegen die Zumutung, dass nach Jahren an der Regierungsspitze noch immer Fragen offen sind.

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Niedrige Löhne, Lehrermangel, lange Wartezeiten auf Arzttermine, abgehängte Regionen und hohe Pendlerkosten sind keine Erfindungen der AfD. Es sind offene Rechnungen der Landespolitik. Holm musste sie nur hochhalten.

Holms Rezept: Missstände nennen, Lösungen offenlassen

Das tat er routiniert, bisweilen fast zu routiniert. „28 Jahre SPD sind genug“, warf er seiner Kontrahenten zu. Im gleichen Moment setzte er auf die bekannten AfD-Themen Bildung, Sicherheit, Energiepreise und Bürokratie und verpackte sie in das Versprechen vom „frischen Wind“.

Seine stärkste Passage hatte er bei der Bildung. Unterrichtsausfall, fehlende Lehrer, überforderte Schulen: Hier braucht es keine komplizierte politische Theorie, sagte er. Wenn Mathe ausfalle, falle Mathe aus. Wenn ein Arzttermin fehle, helfe auch kein Verweis auf Zuständigkeiten in Berlin. Was man ihm vorwerfen kann, ist, dass Holm Missstände oft zwar präzise beschreibt, aber Lösungen dagegen meist nur in groben Umrissen benennt.

So klingt „400 Lehrer aus Behörden zurück an die Schulen“ nach einer schnellen Lösung, wirft aber sofort die nächste Frage auf. Welche Stellen fallen dann in den Behörden weg? Und wer übernimmt deren Aufgaben? Auch handyfreie Schulen kann man fordern, aber daraus wird noch keine Bildungspolitik. Bürokratie abbauen, Steuern senken und Energie billiger machen, all das klingt ebenfalls gut - allerdings zunächst eher nach Wunschzettel als nach einem durchgerechneten Landesplan.

Bei Atomkraftwerk wird Holm konkret

Besonders deutlich wurde das beim Thema Energie und Atomkraft. Schwesig war hier in ihrem Element. Sie machte aus einer abstrakten Machbarkeitsstudie ein konkretes Bild. Wo soll das Atomkraftwerk stehen? Und wer will es vor der eigenen Haustür? Es fiel das Wort „Atomklo“, das seine politische Wirkung nicht verfehlte.

Holm geriet hier in die Defensive, weil er erklären musste, dass die AfD Kernenergie zwar wieder prüfen, aber eben nicht zwingend ein Atomkraftwerk bauen wolle. Darin zeigte sich eine grundsätzliche Schwäche seiner Argumentation. Maximaler Entschlossenheit bei den Forderungen steht häufig eine erstaunliche Unschärfe bei der Umsetzung gegenüber.

Auch beim Benzinpreis prallten zwei politische Reflexe aufeinander. Schwesig setzt auf Eingriffe des Staates, wie etwa Preisdeckel, Übergewinnsteuer und Entlastungen. Holm will dagegen den Staat zurückdrängen und Steuern sowie Abgaben senken. Wer die Rechnung am Ende bezahlt, haben beide nicht beantwortet.

Migration: Hier wird aus dem Duell ein Kulturkampf

Die schärfste Auseinandersetzung war erwartbar die über Migration und das AfD-Personal. Schwesig versuchte, Holm nicht nur als politischen Konkurrenten, sondern als Gesicht einer aus ihrer Sicht gefährlichen Partei zu markieren. Sie sprach über die Ängste von Beschäftigten mit Migrationsgeschichte, über Extremisten im Umfeld der AfD, über Respekt und demokratische Stabilität.

Holm hielt dagegen. Die SPD betreibe „Hass und Hetze“, wenn sie die AfD mit Rechtsextremismus in Verbindung bringe. Er bemühte sich, die AfD als normale konservative Kraft erscheinen zu lassen und nicht als das, was die SPD in ihr sieht - als eine Gefahr für die Demokratie.

Keiner gewinnt, aber beide profitieren

Am Ende gab es keinen eindeutigen Sieger, aber zwei klare Effekte. Schwesig zeigte, warum sie Ministerpräsidentin ist. Sie kennt Akten, Projekte, Fördertöpfe und die Mechanik des Regierens. Holm zeigte, warum die AfD so stark werden konnte und noch stärker werden kann. Er muss zunächst nicht beweisen, dass er in der Lage ist zu regieren. Es reicht, wenn genügend Menschen glauben, dass es so wie bisher nicht weitergehen darf.

Das Duell war deshalb weniger eine Sternstunde politischer Debatte als ein Symptom dieses Wahlkampfs. Schwesig will die Wahl zur Entscheidung „mit mir oder mit der AfD“ machen. Holm nimmt die Einladung dankend an. Beide profitieren vom Zweikampf, die übrigen Parteien bleiben Statisten.

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