Ein Punktwert steht in Überschrift und Grafik, daneben allenfalls ein Hinweis auf die Fehlertoleranz. Was zwischen Rohdaten und veröffentlichten Umfragen passiert, bleibt für Außenstehende unsichtbar. Dabei zeigt ein Arbeitspapier von Forschern der Universitäten Potsdam und Wien, dass Umfragewerte selbst Wahlentscheidungen beeinflussen können – besonders bei Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde.
Wie weit Punktwerte vom späteren Wahlergebnis entfernt liegen können, zeigte zuletzt Sachsen-Anhalt. Das BSW lag im letzten Umfragetrend bei vier Prozent und zog am Ende mit 5,3 Prozent in den Landtag ein. Die CDU lag bei 22,6 Prozent und erreichte nur 17,2 Prozent. Eine Differenz von mehr als fünf Punkten – mehr als die übliche statistische Schwankungsbreite von zwei bis drei Prozentpunkten.
Umfragen sind eine „Blackbox“, sagt ein Statistiker des BSW, der für die Partei eine Berliner Umfrage ausgewertet hat. Diese stammt aus der zweiten Augusthälfte. Nun konnte diese Zeitung die Zahlen mit ihm besprechen. Die Ergebnisse: Linke 22,3 Prozent, AfD 21,1, Grüne 15,4, CDU 13,5, SPD 11,8, BSW 5,5 und FDP 4,2 Prozent.
Wird Stefan Evers' CDU überschätzt?
Für das BSW ist das Anlass zur Freude. Die Partei liegt demnach über der Fünf-Prozent-Hürde. Aber auch bei anderen Umfragen, die das BSW bei drei oder vier Prozent sehen, liegt ein Einzug im Bereich des Möglichen. Auffällig ist das schlechte Ergebnis der CDU. Befragt wurde vom 21. bis 26. August. Erhebungen aus dem Zeitraum sahen die Christdemokraten deutlich stärker: Forsa kam auf 18 Prozent, Insa auf 20 Prozent und Infratest dimap auf 21 Prozent.
„Irrsinn“, nennt der Statistiker des BSW Werte um 20 Prozent für die Berliner CDU. Er halte sie für kaum plausibel und blicke dabei auf Sachsen-Anhalt, wo die CDU zu stark und die AfD zu schwach ausgewiesen wurden. Doch auch die eigene Berliner Erhebung liefert keine sichere Vorhersage. Für die Partei von Stefan Evers rechne er eher 16 oder 17 Prozent. Aber die Zahlen geben das nicht her, sagt er, während er die Methodik mit dieser Zeitung bespricht.
BSW fordert mehr Transparenz der Institute
Denn aus den 1091 Antworten wird das Ergebnis nicht einfach zusammengezählt. In Reinickendorf habe es etwa kaum Teilnehmer gegeben, in Neukölln dagegen vergleichsweise viele, sagt der Statistiker. Solche Unterschiede müssten ausgeglichen werden. Dasselbe gilt für Alter, Geschlecht, vorherige Wahlentscheidung oder Bildungsabschluss. In der Stichprobe hatten 56,1 Prozent einen hohen Bildungsabschluss, nur 9,3 Prozent gehörten zur niedrigsten Bildungsgruppe. Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss nähmen an solchen Befragungen seltener teil, sagt der Statistiker. Ihre Antworten erhalten deshalb mehr Gewicht.
Umfrage in Sachsen-Anhalt: Warum der Kampf um die Fünfprozenthürde entscheidend ist
Das BSW fordert deshalb mehr Transparenz bei den Demoskopen. Es müsse nachvollziehbar werden, nach welchen Methoden eine Stichprobe gewichtet wird und wie daraus die veröffentlichten Prozentwerte entstehen.
Dass das BSW in der eigenen Berechnung um fünf Prozent lag, stimmt die Partei nach dem überraschenden Einzug in Sachsen-Anhalt zuversichtlich für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September. Eine Garantie ist das nicht.
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