Eine russische Drohne hat am Sonntagmorgen die Lokomotive des internationalen Passagierzugs von Kiew nach Warschau getroffen. Der Angriff ereignete sich in der ukrainischen Region Wolyn, rund zwei Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Mit dem Zug waren 206 Menschen unterwegs. Niemand wurde verletzt.
Der stellvertretende Leiter des Personenverkehrs der ukrainischen Staatsbahn, Oleksandr Schewtschenko, bestätigte den Treffer gegenüber dem ukrainischen Sender Suspilne. Eine Überwachungsgruppe der Bahn habe das Zugpersonal zuvor vor der herannahenden Drohne gewarnt.
Nach Angaben ukrainischer Behörden wurde der Zug daraufhin evakuiert. Die Lokomotive sei vor dem Einschlag von den Waggons abgekoppelt worden. So konnte offenbar verhindert werden, dass Menschen verletzt wurden.
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Zug erreicht Polen mit mehr als sechs Stunden Verspätung
PKP Intercity erklärte, der Angriff habe sich noch auf ukrainischem Gebiet ereignet, bevor der Zug an den polnischen Betreiber übergeben wurde. Insgesamt seien 206 Menschen mit dem Zug unterwegs gewesen. Polnische Staatsbürger hätten sich nicht unter ihnen befunden.
Der Zug erreichte den Grenzübergang Dorohusk nach Angaben des Unternehmens mit rund 370 Minuten Verspätung. Nach Abschluss der Kontrollen sollte er seine Fahrt nach Warschau fortsetzen, berichtete Wirtualna Polska.
Ukrainische Bahn spricht von systematischen Angriffen
Die ukrainische Staatsbahn ordnete den Treffer als Teil einer größeren Angriffskampagne ein. Russland setze seine „systematischen Angriffe auf die Eisenbahn in der gesamten Ukraine“ fort, erklärte Ukrsalisnyzja laut AFP. Einige Züge müssten deshalb aus Sicherheitsgründen erhebliche Verspätungen hinnehmen.
Die Zahlen stützen diese Einschätzung. Bis Anfang September wurde das ukrainische Bahnnetz nach Angaben des Unternehmens allein in diesem Jahr mehr als 1500 Mal angegriffen. Dabei wurden 249 Waggons und 492 Lokomotiven beschädigt. Seit Beginn der russischen Invasion wurden 58 Bahnmitarbeiter getötet und mindestens 318 verletzt, berichtete der Guardian.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Russland vor, die Lokomotive absichtlich angegriffen zu haben. Die russischen Streitkräfte hätten den Zug „gezielt“ attackiert und außerdem eine Tankstelle beschädigt, erklärte er. Unabhängig überprüfen lässt sich die behauptete Absicht bislang nicht.
Russland spricht von Militärtransporten
Das russische Verteidigungsministerium erklärte lediglich, bei der Angriffswelle seien Logistikzentren und Bahnanlagen im Westen der Ukraine getroffen worden, über die angeblich militärische Güter aus Europa transportiert würden. Der Passagierzug wurde in der russischen Mitteilung nicht erwähnt. Belege dafür, dass die getroffene Lokomotive oder die Tankstelle militärischen Zwecken dienten, legte Moskau nicht vor.
Auch große russische Medien griffen zunächst lediglich die allgemeine Darstellung des Verteidigungsministeriums auf. Über den Treffer auf den Passagierzug berichteten sie nicht.
Sonderzug mit Merz-Berater und Boris Johnson muss stoppen
Fast zeitgleich geriet ein weiterer Zug auf derselben Strecke in den Drohnenalarm. Nach Informationen des Spiegel, musste ein privat gecharterter Sonderzug unweit der Grenze stoppen. Ein Teil der Fahrgäste wurde vorübergehend aus dem Zug gebracht.
An Bord befanden sich demnach Günter Sautter, der außen- und sicherheitspolitische Berater von Bundeskanzler Friedrich Merz, sowie der frühere britische Premierminister Boris Johnson. Beide hatten zuvor an Beratungen in Kiew teilgenommen.
Auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Robin Wagener reiste nach eigenen Angaben mit dem Sonderzug. Manchmal entscheide der Zufall, „ob man sicher durchkommt“, schrieb er auf X. Russland sei eine „immense Gefahr für die Sicherheit Europas“.
Lastwagen brennen nahe dem Grenzübergang zu Polen
Bereits zuvor war bei derselben Angriffswelle eine Tankstelle nahe dem Grenzübergang Jagodyn-Dorohusk beschädigt worden. Mehrere dort abgestellte Lastwagen gerieten in Brand. Zwei Fahrer erlitten nach vorläufigen Angaben leichte Verletzungen, berichtete Suspilne.
Der Grenzübergang selbst wurde nicht getroffen. Die Abfertigung wurde während des Luftalarms vorübergehend unterbrochen und später wieder aufgenommen.
Polen ließ wegen der Angriffe F-16-Kampfjets, Hubschrauber und ein Aufklärungsflugzeug aufsteigen. In mehreren grenznahen Landkreisen heulten Warnsirenen. Nach Angaben des polnischen Verteidigungsministeriums drang keine der Drohnen in den polnischen Luftraum ein.
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha bezeichnete die Angriffe bei Jagodyn als „barbarisch“. Putins Terror klopfe damit unmittelbar an die Türen der EU und der Nato, erklärte er. Sybiha verlangte schärferе Sanktionen gegen Russland sowie zusätzliche Luft- und Raketenabwehrsysteme für die Ukraine.
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