Gegen einen Hells-Angels-Aussteiger gibt es Mordpläne. Kassra Zargaran, genannt „der Perser“, hat einen konkreten Verdacht, wer dahinterstecken könnte. Trotz der ständigen Gefahr zeigt er sich allerdings äußerst abgeklärt, da er die Kaltblütigkeit krimineller Strukturen aus eigener Erfahrung gut kennt.
2010 war Zargaran den Hells Angels Berlin City beigetreten. Die Gruppe unter dem Anführer Kadir Padir galt als besonders machthungrig, aggressiv und gewalttätig in der Berliner Unterwelt. Den Wendepunkt markierte der sogenannte Wettbüro-Mord im Januar 2014 in Reinickendorf: Zargaran war an der Tat beteiligt, drückte selbst aber nicht ab. 2014 musste er sich mit anderen verantworten und sagte dabei als Kronzeuge aus. Er saß zehn Jahre in Haft. Heute klärt er über die Unterwelt auf – und ihre Verbindungen in Justiz und Politik.
Nur durch Zufall war der frühere Hells Angel nun einem Mordkomplott entkommen. Die Polizei hatte Mitte August in Nordrhein-Westfalen einen Mann festgenommen. Dieser Mann, zu dem die Staatsanwaltschaft bislang keine Informationen preisgibt, soll mit einem anonymen Auftraggeber über einen Mord an Zargaran kommuniziert haben.
Der Auftraggeber nannte bei den zufällig entdeckten Chats offenbar auch den Aufenthaltsort Zargarans. Es gab auch Hinweise darauf, dass auch keine Rücksicht auf „Verluste“, also mutmaßlich auch nicht auf seine Familie, genommen werden sollte. Die Ausspähung und Vorbereitung waren bereits weit vorangeschritten. Ein genauer Anschlagsort war laut Zargaran festgelegt, Fluchtwege waren ausgekundschaftet und Fotos übermittelt worden.
„Perser“ schildert Tag, als Mordplan gegen ihn aufflog
Zargaran betreibt ein eigenes Podcast-Format. Eines Morgens, gegen 8.30 Uhr, schaltete er sein Mobiltelefon ein und stellte zahlreiche Anrufe in Abwesenheit fest. Kurz darauf meldete sich das Landeskriminalamt (LKA) Berlin direkt bei ihm und bei seinen Personenschützern. Das LKA forderte ihn auf, wegen Gefahr im Verzug unverzüglich zum Polizeipräsidium zu kommen. Vor Ort wurde ihm in einem Gefährdungsgespräch mitgeteilt, dass in Nordrhein-Westfalen (NRW) ein Auftragsmörder festgenommen worden war. So schildert der „Perser“ den Tag, an dem er von dem Mordkomplott gegen ihn erfuhr.
Kassra Zargaran war schwerstkriminell. Heute betreibt er einen Podcast und will junge Menschen über kriminelle Strukturen aufklären.
© Stephanie Steinkopf/Ostkreuz
Doch das Leben in der Unterwelt und zehn Jahre Gefängnis haben Zargaran hart gemacht. „Ich bin ein alter Straßenjunge und bin ziemlich abgeklärt in vielen Dingen. Von daher kann ich mit so was schon umgehen“, sagt der „Perser“. Er rechnet schon seit langem mit Aktionen gegen ihn: „Für mich war immer klar, es ist nur eine Frage der Zeit ist – nicht ob, sondern wann.“ Zargaran unverblümt: „Die können mich am Arsch lecken, muss ich ehrlich sagen. Ich lass mich da jetzt nicht unterkriegen.“
Wer der Killer ist, weiß Zargaran nicht. Die Staatsanwaltschaft hält sich bedeckt. Über die genaue Identität oder Herkunft des in NRW festgenommenen Schützen erhielt Kassra von den Ermittlungsbehörden keine Auskunft. Hinsichtlich der Auftraggeber ist er jedoch überzeugt, dass der Mordauftrag direkt aus den Strukturen der Hells Angels mit Verbindungen in die Türkei gesteuert wurde.
Aus Erfahrungen in der kriminellen Szene und aus Polizeikreisen weiß er um die Austauschbarkeit der Schützen: „Wenn der eine Topshooter wegfliegt, bestellt man einen neuen, weil der nicht aus der Struktur kommt. Das ist diese Wegwerftäter-Thematik“, so der Aussteiger. Wer die Auftraggeber seien, wüssten die Täter meist selbst nicht.
In Medienberichten tauchten in diesem Zusammenhang erstmals konkrete Namen aus dem Umfeld auf, allen voran Koray T. Kassra kennt Koray T. persönlich aus seiner eigenen Vergangenheit in der Szene. Koray T. war früher selbst ein Anwärter bei den Hells Angels und wurde 2016 wegen Totschlags verurteilt. Da Koray T. eng mit Mittätern aus Kassras damaliger Zeit verbunden ist, sieht Kassra in ihm das Bindeglied zu einem Netzwerk, über das die Ausführer rekrutiert und losgeschickt werden.
Die „Killerjungs“ selbst, die „ballern, schießen, töten“ zumeist unter Fake-Namen wie „Ali“ oder „Hussein“, erklärt Zargaran. Sie werden in Präparationswohnungen untergebracht, erhalten Schließfachschlüssel sowie Bargeld oder Kryptowährungen und kennen die wahren Köpfe hinter den Aufträgen in der Regel nicht.
„Die Straße vergisst nicht“: Zargaran arbeitet derzeit an einem neuen Buch.
© Stephanie Steinkopf/Ostkreuz
Neben der physischen Bedrohung sorgt sich der „Perser“ vor allem um das vermeintliche Ausmaß an Korruption innerhalb des Ermittlungsapparats. Ein eklatantes Beispiel sieht er im Fall von Yashar G., einem ehemaligen Staatsanwalt aus Berlin, der später nach Hannover wechselte und korrumpiert wurde. In abgefangenen EncroChat-Protokollen sprachen Beteiligte über Zargaran, woraufhin der Staatsanwalt ihn abwertend als „Petze“ bezeichnete.
Für Zargaran belegt dies, wie tief kriminelle Netzwerke in Behörden, Justiz und Medien hineinreichen können. Aus diesem Grund meidet er den direkten Austausch mit gewöhnlichen Polizeidienststellen und kritisiert starre bürokratische Dienstwege. Zargaran arbeitet derzeit an einem neuen Buch mit dem Titel „Die Straße vergisst nicht“, in dem er auch die jüngsten Ereignisse rund um den Mordplan transparent aufarbeiten will.
Er war Zuhälter, Schwerverbrecher und Hells Angel – und hatte einen „Liveticker“ in die Staatsanwaltschaft
Der „Perser“ und der Polizist: Wie ein früherer Hells Angel und ein Polizist Freunde wurden
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