Über 400 namibische Kinder und Jugendliche wuchsen in der DDR auf, die meisten von ihnen in Staßfurt bei Magdeburg. Im August 1990 wurden sie nach Namibia ausgeflogen – in ein Heimatland, das viele von ihnen vergessen hatten und dessen Sprache sie kaum sprachen. Manche hatten elf Jahre lang in der DDR gelebt.
Zwei Dokumentarfilme erzählen davon. Das Berliner Kino Krokodil zeigt am Montag, 21. September, „Inside – Outside“ (30 Minuten) und „Staßfurt – Windhoek“ (52 Minuten) von Lilly Grote und Julia Kunert, wie die Defa-Stiftung mitteilt.
Die Geschichte beginnt Ende der 1970er-Jahre. Nach einem Massaker im Flüchtlingslager Cassinga im Jahr 1978 wandte sich die SWAPO mit der Bitte um Hilfe an die SED. Namibische Kinder aus Flüchtlingslagern kommen daraufhin in die DDR, zunächst in ein Kinderheim in Bellin in Mecklenburg. Sie sind unterernährt, krank und von traumatischen Kriegserinnerungen aus den Flüchtlingslagern belastet.
Kurz vor der Abreise: Koffer in einer Turnhalle
© Defa-Stiftung/Lilly Grote, Julia Kunert
Zur Begrüßung ein Bild von Honecker
Die älteren wechselten später nach Staßfurt an die „Schule der Freundschaft“, ein Prestigeprojekt der DDR, an dem zuvor schon mosambikanische Jugendliche ausgebildet worden waren. Zur Begrüßung bekommen die Neuankömmlinge ein Bild von Erich Honecker.
Lilly Grote und Julia Kunert drehten 1989 für das DDR-Fernsehen. „Inside – Outside“ zeigt den Alltag der Kinder und zugleich, wie die Stadt auf sie reagiert, teilweise mit Ablehnung.
Dann kommt das Jahr 1990. Namibia wird im März unabhängig, die DDR löst sich auf, und für die Kinder in Staßfurt endet ihr damaliges Leben von einem Monat auf den anderen.
Der zweite Film setzt kurz vor dem Abflug ein und begleitet sie nach Namibia. Binnen einer einzigen Woche im August 1990 müssen alle noch in der DDR lebenden namibischen Kinder ausreisen, in ein Land im Aufbruch, gezeichnet vom Bürgerkrieg, mit wenig Platz für Jugendliche, die Bratkartoffeln gewohnt waren.
Eine Geschichte von Entwurzelung
Lilly Grote und Julia Kunert sind nicht die Einzigen, die sich künstlerisch mit dem Thema beschäftigt haben. Die inzwischen verstorbene Autorin Lucia Egombe hat ihre Kindheit in der DDR – wohin sie im Alter von sieben Jahren kam – und ihre Rückkehr mit 18 Jahren zu der ihr fremd gebliebenen Frau, die ihre Mutter war, in einem Buch verarbeitet: „Kind Nr. 95. Meine Jugend zwischen Namibia und der DDR“. Es ist eine Geschichte von Entwurzelung und der Suche nach Identität, wie sie auch die beiden Filme erzählen.
Defa-Stiftung präsentiert: „Inside – Outside“ & „Staßfurt – Windhoek“, 19 Uhr im Kino Krokodil. Im Anschluss an die Filmvorführung: Gespräch mit der Regisseurin Lilly Grote. Karten gibt es beim Kino Krokodil.
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