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Vom Krieg ins Klassenzimmer: Das Cassinga-Massaker und wie wir darauf reagierten

Die Älteren in Namibia haben nicht vergessen, wer ihnen nach dem Massaker von Cassinga zur Seite stand. Es waren Menschen aus Ostdeutschland.

Jürgen Leskien
9 Min
Dezember 1982 – Sicherungsposten im UNHCR-Camp der Swapo, Kwanza Sul / Angola – eine Insel des Friedens inmitten des Bürgerkrieges in Angola, hier lebten 40.000 namibische Flüchtlinge, Frauen und Kinder vor allem.

Dezember 1982 – Sicherungsposten im UNHCR-Camp der Swapo, Kwanza Sul / Angola – eine Insel des Friedens inmitten des Bürgerkrieges in Angola, hier lebten 40.000 namibische Flüchtlinge, Frauen und Kinder vor allem.

© Gudrun Ott

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Am vierten Mai 1978 griffen südafrikanische Streitkräfte, aus Namibia kommend, das Camp der Swapo (South-West Africa People’s Organisation) in Cassinga an. Die 2500 Bewohner des Lagers hatten sich, 260 Kilometer nördlich der angolanischen/namibischen Grenze, in einer aufgelassenen Bergbausiedlung inmitten des Trockenwaldes eingerichtet.

Die „Operation Reindeer“, begann zu Schulbeginn, zu Beginn eines gewöhnlichen Arbeitstages um 8.02 Uhr mit Angriffen durch Canberra Bomber, die Streubomben einsetzten und durch Buccaneers-Jagdbomber, mit 450 Kilogramm Sprengbomben. Ihnen folgten 370 Fallschirmjäger der 44. Parachute Brigade, abgesetzt von Transportflugzeugen aus 180 Metern Höhe.

Die Südafrikaner begründeten den Angriff: Cassinga sei eines der Hauptquartiere des bewaffneten Arms der Swapo, der People's Liberation Army of Namibia (Plan), von denen Terrorangriffe ausgingen. Nach dem Ende der Apartheid in Südafrika stellte die „Südafrikanische Versöhnungskommission“ 1998 fest: „Es gab zwar eine militärische Komponente mit Befestigungen, aber das beweist nicht, dass es eine reine Militärbasis war. Im Bürgerkrieg Angolas war die Verteidigung des Swapo-Lagers üblich.“

Auf Initiative des Solidaritätskomitees der DDR

Als am Nachmittag die Fallschirmjäger mit Hubschraubern ausgeflogen wurden, blieben im abgebrannten Camp 624 Tote zurück. Angolanische Sanitäter identifizierten 122 Leichen von Kindern, 167 Frauen starben, mehr als tausend Campbewohner wurden verletzt.

Das Militär zog am Abend eine erste Bilanz: 159 Swapo-Kämpfer getötet, vier Mann Eigenverlust. Drei Fallschirmjäger in Swapo-Gefangenschaft. Der Swapo schwere materielle, logistische Schäden zugefügt.

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Zwei Tage später, am 6. Mai, holte auf Initiative des Solidaritätskomitees der DDR, eine IL-18 der Interflug von Luanda die ersten Verwundeten nach Berlin-Schönefeld. Sie wurden im Klinikum Berlin-Buch, vor allem im Haus 109 „Intensivmedizin“ und im Haus 121 „Plastische und Ästhetische Chirurgie“, behandelt. Im Haus 121 arbeiteten die Fachärzte für Verbrennungen. Ein weiterer Transport mit 20 Schwerverletzten erreichte Berlin am 18. Mai.

Einige der Kinder blieben angesichts ihres Zustandes bis zu neun Monate in der Klinik, lebten danach im Kinderheim der Swapo, in Bellin bei Güstrow, oder besuchten die „Schule der Freundschaft“ in Staßfurt, um dort bis zur zehnten Klasse unterrichtet zu werden.

Zur Abwicklung gedrängt

Bereits 1973 hatte die DDR im Namibiarat der Vereinten Nationen die Swapo als legitime Vertreterin des namibischen Volkes anerkannt. 1977 gab es erste politische Kontakte der DDR-Regierung zur Swapo, nach dem Angriff auf Cassinga wurde die Zusammenarbeit intensiviert. Die Swapo-Vertretung bezog ihr Quartier im Diplomatenviertel Berlin-Pankow. Bis März 1990.

Die direkte Hilfe für die Volksbefreiungsorganisation, die sichtbar am 6. Mai 1978 begann, wurde ab August 1989 bis zur Auflösung der DDR im Oktober 1990 als kalkuliertes SED-Projekt diffamiert und zur Abwicklung gedrängt. Und so war mit dem Ausgang des Sommers 1989 das Schicksal der im Lande lebenden namibischen Kinder in aller Munde.

Im Kinderheim Bellin wohnten 130 Kinder im Vorschulalter. In Staßfurt wurden 300 Kinder aus Namibia unterrichtet. Sie kamen aus Cassinga, aus dem Flüchtlingslager Kwanza Sul/Angola oder aus dem Exil in Sambia. Deutsche Erzieherinnen vermittelten den Kindern die deutsche Sprache, bereiteten sie auf den Besuch der Schule vor. Die namibischen Erzieherinnen wiederum waren die Verbindung zur Heimat.

Die Kinder sangen Lieder, die vom Willen zur Freiheit erzählten, sie wurden angehalten die Helden des Befreiungskampfes zu ehren. Im Spiel wurde das Interesse am Militärischen, am bewaffneten Kampf geweckt. So wünschte es die Führung der Swapo.

Die namibischen Frauen, am Anfang waren es fünfzehn, die als Erzieherin arbeiteten, absolvierten in dieser Zeit eine Ausbildung als Vorschullehrerin. Die Lehrkräfte kamen von der „Pädagogische(n) Fachschule Schwerin“ nach Bellin. Mit der Einschulung besuchten die Kinder dann die „Polytechnischen Oberschule Dr. Salvador Allende“ im vier Kilometer entfernten Dorf Zehna.

Aus Platzgründen zog 1984 ein Teil der namibischen Erzieherinnen mit 58 der Kinder nach Staßfurt um. Zwei Jahre zuvor war hier die „Schule der Freundschaft“ gegründet worden. Zunächst absolvierten Kinder und Jugendliche aus Mosambik in Staßfurt eine Schul- und Berufsausbildung, dann kamen die namibischen Kinder dazu.

Journalisten belagerten das Heim in Bellin

In Vorbereitung der Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung Namibias, November 1989, kehrte der größte Teil der namibischen Exilanten, auch aus der DDR, nach Namibia zurück. Da der Wahlausgang schwer einzuschätzen war, sollten Kinder zunächst im Exil bleiben und die aus den Flüchtlingscamps in sichere Verhältnisse gebracht werden. Auf diese Weise kamen noch im Sommer 1989 mehr als zweihundert namibische Kinder aus afrikanischen Camps in die DDR.

In den Medien hatte die Delegitimierung der DDR in diesen Monaten gehörig an Fahrt gewonnen. Landauf landab war von eingesperrten Kindern die Rede. Die SED versorge Kinder, um sich ihrer dann zu bemächtigt, um sie zu kommunistischen Militärs zu erziehen, hieß es. Und: Die Swapo-Guerilla habe den Dissidenten im Buschkrieg die Babys entrissen, mit Hilfe der SED verschleppt. Das ist der SED zuzutrauen, schrieb man. Den schwarzen Buschkriegern erst recht. Wieder ein Beweis, wie verrottet das DDR-Regime war und wie sich die Sache dort unten, im ehemaligen Deutsch-Südwest Afrika, unter den Kommunisten anließ …

Nach der Grenzöffnung am 9. November  belagerten Journalisten das Heim in Bellin, ebenso die „Schule der Freundschaft“ in Staßfurt. In Namibia beriefen Swapo-Dissidenten ein „Elternkomitee“, sprachen medienwirksam von „gekidnappten“ Kindern. Der Vorsitzende der namibischen Sektion der „International Society for Human Rights“ (ISHR) J. M. Gaomab besuchte in Begleitung seines westdeutschen Kollegen und eines Vertreters der „Befreite(n) Swapo-Gefangene(n)“, Bellin und Staßfurt. Am 3. Mai 1990 flog eine Vertretung des Namibischen Kirchenrates ein.

Auch sie recherchierte. Vor ihrer Rückreise stellte sie fest: „Die namibischen Kinder werden ohne Ausnahme gut betreut, sie sind gesund. Natürlich sind sie und auch ihre Erzieherinnen, durch die plötzlichen Veränderungen im Gastland beunruhigt. Es gibt keine Beweise dafür, dass die Kinder in die DDR verschleppt worden waren.“

Die DDR-Kinder von Namibia im Dorf Bellin

Die DDR-Kinder von Namibia im Dorf Bellin

© Roland Hartig/Imago

Die namibische Regierung orderte die Flüge

Am 28. Mai 1990 kam der Bildungsminister Namibias, Nahas Angula, nach Berlin, um mit dem DDR-Bildungsminister, Hans Joachim Meyer, über die Repatriierung zu verhandeln. Die Vorschulkinder könnten bis zum Ende des Jahres nach Namibia zurückkehren, schlug Angula vor, die ältesten Schüler in Staßfurt sollten wenigstens noch die zehnte Klasse abschließen. Die PDS-Fraktion unterstützte Nahas Angulas Bemühungen.

In Bellin hatten sich vier der deutschen Erzieherinnen bereiterklärt, die Betreuung ihrer Vorschulkinder auch in Namibia, wenigstens in den Wochen des Eingewöhnens, zu übernehmen. Dem Bildungsministerium galt das als politisches Ansinnen, das abgelehnt wurde.

Im persönlichen Gespräch resümierte Nahas Angula am Ende seines Aufenthaltes: „In der DDR haben unsere Freunde keine Kraft und keine Macht mehr.“ Die namibische Regierung stimmte einer „schnellstmöglichen Rückführung“ zu, orderte und bezahlte die Flüge.

In drei Gruppen – erster Flug am 26. August 1990 – kehrten 425 Kinder und 27 Erzieherinnen in ihre Heimat zurück. Am 31. August, 8.15 Uhr Ortszeit, trafen die letzten der Kinder Windhoek ein. An Bord zur „Begleitung und Übergabe der Kinder, die Vorsitzende des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit der DDR-Volkskammer, Frau Anne-Karin Glase und das Mitglied des Ausschusses Herr Jürgen Leskien“.

Im „Reception Centre“, eingerichtet in der „Peoples Primary School“ in Windhoek /Katutura, wurden die „DDR-Kinder“ wie man sie nannte, von Eltern oder Verwandten erwartet. 291 der Kinder mussten sich nun auf die Schule vorbereiten. Das neue Schuljahr begann im Januar, Unterricht in der Amtssprache, in Englisch. Das in der DDR erworbene Englisch wurde in einem dreimonatigen Intensivkurs vervollkommnet.

Ab Januar 1991 besuchten die „DDR-Kinder“ dann Schulen in Windhoek und in Swakopmund. Vierzig von ihnen wurden Schüler der „Deutsche Höhere Privatschule“ (Windhoek), eine von der Bundesrepublik finanziertes „Gymnasium“, das bis zum „Cambridge Abitur“ führte und bisher weißen Kindern vorbehalten war. Ermutigend war die Bereitschaft der weißen Bevölkerung, sich der „Schwarzen Ossis“, wie die Älteren unter den DDR-Kindern, nicht ohne Sarkasmus, sich selbst nannten, anzunehmen.

In Swakopmund empfing uns Bürgermeister Henrichsen. Seine Familie entschloss sich, zwei der Kinder aufzunehmen. In Oshakati/Ovamboland machten wir Bischof Dumeni unsere Aufwartung. Er versicherte, dass sich die Kirche auch im entlegensten Winkel um „unsere gemeinsamen Kinder“ kümmern werde.

Ein kaum beachteter Bericht

Wir trafen Vertreter des „Deutschen Entwicklungsdienstes“, wurden von der „Interessengemeinschaft deutschsprachiger Namibier“ eingeladen. Drei Tage vor unserer Ankunft, so erfuhren wir, hatte der Minister bei uns ausgebildete, namibische Facharbeiter auf dem Flughafen begrüßt: zehn Brunnenbauer aus Magdeburg, neun Instandhaltungsmechaniker aus Guben, fünfzehn Anlagemonteure aus Bitterfeld, vierzehn Betriebsschlosser aus Wittenberg. Wir konnten hinzufügen: Schon vor Jahreswechsel war eine Gruppe frisch gekürter namibischer Facharbeiter, in Windhoek gelandet. Lok-Schlosser (aus Stendal), Agraringenieure (aus Leipzig-Markkleeberg), Verkehrsingenieure (aus Dresden), Elektriker (aus Bohnsdorf), Verkäuferinnen (aus Magdeburg).

Am 7. September 1990 kehrten wir mit unserem Bericht nach Berlin zurück. Kaum beachtet, es gab keine Fragen. Wie hieß es später in einem Bericht des Auswärtigen Amtes, Referat 611. „Nach der Unabhängigkeit Namibias hat die DDR-Regierung im August 1990 die sofortige Rückführung aller Kinder nach Namibia angeordnet, unabhängig vom Stand der schulischen Ausbildung.“

Cassinga hat tiefe Spuren in der namibischen Gesellschaft hinterlassen. Und unter den Älteren ist nicht vergessen, wer in der Zeit des „Struggle“ auf welcher Seite stand. Am Nationalfeiertag, dem 4. Mai, erinnert sich seit 1990 das Land zwischen Kunene und Oranje, zwischen Kalahari und Ozean, an das Massaker von Cassinga.

Jürgen Leskien, Jahrgang 1939, Schriftsteller. Ab 1978 Arbeit als Schlosser, Projektleiter in Angola, Tansania, Namibia. Abgeordneter der letzten DDR-Volkskammer. Reportage, Romane, Drehbücher. Jüngste Arbeit „ORLOG*“, ein Bühnenstück, das den ungelösten Konflikt Namibia/Deutschland vor dem Hintergrund des Völkermordes an den Ovaherero, Nama, San thematisiert. Demnächst im Theater, in Windhoek.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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