Elif Eralp und Kristin Brinker stehen nebeneinander – doch damit ist die Nähe zwischen der Spitzenkandidatin der Linken und ihrer AfD-Kontrahentin bereits ausgeschöpft. Auf der Bühne bleibt man demonstrativ auf Abstand, verbal dafür umso weniger: spitze Blicke, bissige Zwischenrufe, offene Vorwürfe. Zeitweise gerät die Live-Wahlarena zum persönlichen Schlagabtausch der beiden. Und selbst das ist noch nicht der ungewöhnlichste Moment dieses Abends.
Vier Tage vor der Abgeordnetenhauswahl hat der RBB sechs Spitzenkandidaten eingeladen: Stefan Evers (CDU), Steffen Krach (SPD), Werner Graf (Grüne), Elif Eralp (Linke), Kristin Brinker (AfD) und Michael Lüders (BSW). 105 Minuten lang geht es um Kitas, Wohnen, Verkehr, Sicherheit, Verwaltung und die Frage, wie das alles bezahlt werden soll. Der RBB will dabei vor allem die Berliner zu Wort kommen lassen. Rund 90 sitzen im Studio, darunter Mitglieder des Bürgerrats „Die 12“.
Das Publikum ist nicht dem Zufall überlassen. Vor Beginn erklärt die Sendungsleitung der Berliner Zeitung, bei der Auswahl seien auch politische Sympathien abgefragt worden. Nur einen AfD-Anhänger habe die Redaktion nach eigener Aussage nicht ausfindig machen können.
Wie ein Kind vor dem Schaufenster
Die Fragen aus dem Publikum sind häufig konkreter als die Antworten der Bürgermeisterkandidaten. Ein Vater aus Weißensee erzählt, dass er für zwei Zimmer 1100 Euro warm zahlt. Das Wohnzimmer ist zugleich sein Schlafzimmer, das eigentliche Schlafzimmer gehört dem Kind. Eine größere Wohnung in der Nähe der Schule? Nicht unter 1995 Euro – obwohl er als Berater nach eigener Aussage „sehr gut“ verdient.
Vor den Wohnungsanzeigen fühle er sich „wie früher als Kind am Schaufenster“: Man sieht, was man gern hätte – und weiß, dass man es sich nicht leisten kann.
Wenig später beschreibt eine Frau die andere Seite derselben Misere. Viele ältere Berliner lebten dank günstiger Altverträge allein in großen Wohnungen und würden sich gern verkleinern. Doch sie bleiben, weil eine kleinere Wohnung inzwischen teurer sein kann. Gleichzeitig suchen Familien verzweifelt genau den Platz, der dort frei werden könnte. „Wir haben eigentlich gar kein Wohnungsproblem an sich. Wir haben ein Verteilungsproblem“, fasst sie die Gespräche zusammen.
Die Antworten der Spitzenkandidaten führen rasch zu den bekannten Rezepten: Neubau, Mieterschutz, Umwandlung leer stehender Büros – und natürlich Vergesellschaftung. Eralp will den Volksentscheid umsetzen, Krach widerspricht. Die Versprechen der Linken gehen dem SPD-Spitzenkandidaten zu weit.
„Ich will nicht, dass wir hier im Wahlkampf allen alles versprechen“, sagt Krach. Der Letzte, der das versucht habe, sei Friedrich Merz gewesen. Dann dreht er sich zu Eralp: „Sie sind der Friedrich Merz des Berliner Wahlkampfs.“ Eralp lächelt – demonstrativ unbeeindruckt.
Eine Schulklasse stellt die Sicherheitsfrage
Von der Verkehrspolitik – S-Bahn-Ausfällen, Baustellen, Spandau, Straßenbahn und Magnetschwebebahn – führt die Debatte schließlich zur inneren Sicherheit. Und ausgerechnet eine Schulklasse stellt eine der differenziertesten Fragen des Abends: Ist es wirklich sinnvoll, jugendliche Intensivstraftäter „wegzusperren“? Oder verstärkt Haft ihre soziale Ausgrenzung – und damit womöglich die Gefahr, dass sie anschließend erneut straffällig werden?
Die Schüler fallen auch im Publikum auf. Sie sind die einzige größere Gruppe, zu der augenscheinlich mehrere Jugendliche mit Migrationsgeschichte gehören. Was sie von den Antworten halten, zeigen zumindest ihre Reaktionen: Sie hören konzentriert zu, tauschen sich leise aus, nicken an einigen Stellen.
Brinker hält einen Warnschussarrest im Einzelfall für ein geeignetes Mittel. Ein Jugendlicher müsse auch einmal begreifen: Bis hierhin und nicht weiter. Eralp widerspricht entschieden. Sie habe während ihrer juristischen Ausbildung selbst eine Verwaltungsstation im Strafvollzug absolviert, darunter in einer Jugendhaftanstalt. „Der Warnschussarrest ist genau das falsche Signal“, sagt sie. Ihr Gegenentwurf lautet Prävention statt Abschreckung, Sozialarbeit statt Zelle: „Die beste Kriminalpolitik ist eine gute Sozialpolitik.“
Der politische Gegensatz ist klar.
Der kleine Zickenkrieg nebenan
Eralp verliert für wenige Sekunden die Fassung und wirft Brinker vor, aus deren Partei heraus regelmäßig rassistisch beleidigt zu werden. Brinker weist das zurück. Immer wieder reagieren beide aufeinander, auch wenn gerade jemand anderes spricht. Mal ein Blick, mal eine Bemerkung.
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Und die Schüler? Sie zeigen sich nach der Sendung vor allem darüber erstaunt, wie konsequent es einigen Spitzenkandidaten gelungen sei, an den Fragen vorbeizureden.
Ein Zuschauer will Davidsterne verteilen
Dann spricht ein Zuschauer über die Angst jüdischer Menschen in Berlin – und erhebt sich plötzlich von seinem Platz. Er hat Davidsterne mitgebracht, die er an die Kandidaten verteilen will. Doch die Moderation stoppt die Aktion und sammelt die Sterne wieder ein: Politische Inszenierungen seien in der Sendung nicht erwünscht.
Kurze Zeit später ist Antisemitismus wieder Thema. Evers erinnert daran, dass Berlin die Stadt sei, „aus der der Holocaust organisiert wurde“. Jüdische Menschen müssten sich überall und jederzeit sicher fühlen können.
Dann nimmt Evers Eralp ins Visier. Er glaube ihr persönlich, dass sie keine antisemitischen Überzeugungen vertrete, sagt er – und setzt zum Aber an: Ihrer Partei fehle die Kraft, gegen antisemitische Äußerungen in den eigenen Reihen durchzugreifen. Eralp hält dagegen. Sie wolle jüdische, muslimische und palästinensische Berliner schützen und eine „umarmende Politik“ betreiben.
„Ersatzspieler“ Evers und „Krachmacher“ Krach
Ein anderer Zuschauer hat das klassische Frage-Antwort-Spiel zu diesem Zeitpunkt längst in eine kleine Spottrede verwandelt. Evers nennt er den „Ersatzspieler“ – offenbar eine Anspielung darauf, dass er für Kai Wegner ins Rennen geht. Krach wird zum „Krachmacher“, wohl mit Blick auf dessen auffälligen Wahlkampfbus. Und bei Eralp sei er froh, dass sie „nicht nach Danzig gefahren“ sei. Gemeint ist eine peinliche Bilderpanne in einem Instagram-Kurzvideo: Dort hatte ihr Team nicht das Rote Rathaus in Berlin eingeblendet, sondern das ähnlich aussehende Rathaus der polnischen Stadt Danzig.
Die Moderation versucht mehrfach, aus dem Vortrag doch noch eine Frage herauszufiltern – vergeblich. Nach der Danzig-Pointe ist Schluss, dem Mann wird kurzerhand das Mikrofon entzogen. Es ist einer der skurrilsten Momente eines Abends, an dem die Fragen der Berliner ihrem Alltag oft deutlich näher kommen als die Antworten der Politiker.
Und dann bekommt der Zickenkrieg ein Nachspiel
Nach 105 Minuten ist Schluss – zumindest für die Kameras. Mehrere Kandidaten bleiben im Studio, sprechen mit Zuschauern und Journalisten. Doch zwischen Brinker und Eralp endet der Schlagabtausch nicht mit der Sendezeit. Der Abstand zwischen beiden war an diesem Abend weit mehr als eine Frage der Sitzordnung. Wie tief der Konflikt sitzt, bekommen kurz darauf auch die Journalisten zu spüren.
Als die Berliner Zeitung wenig später wissen will, was den offenen Zwist ausgelöst hat, wendet sich Eralp zunächst demonstrativ den Zuschauern zu. Für Fragen ist sie nicht zu erreichen. Kurz darauf verlässt sie das Gebäude mit schnellen Schritten. Es sei spät, sagt sie – bleibt dann aber doch noch für zwei Antworten stehen. Die Sendung habe sie „ganz spannend“ gefunden. Neben Kristin Brinker zu stehen, sei allerdings unangenehm gewesen. Das habe sie „schon öfter erlebt“, sagt Eralp – und lächelt zum Abschied doch noch einmal.
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Kristin Brinker wiederum nennt die Runde „schwierig“ – auch weil nicht alle Kandidaten zu jedem Thema zu Wort gekommen seien. Neben Eralp zu stehen, habe sich für sie „furchtbar“ angefühlt. Die Aufstellung habe sich jedoch nach der Stärke der Fraktionen im Abgeordnetenhaus gerichtet. Brinker bestätigt, dass Eralp sie wegen „angeblicher Beleidigungen“ aus den Reihen der AfD zur Rede gestellt habe. Die Vorwürfe selbst weist sie zurück.
Michael Lüders: „Das ist ein freundliches Geplauder“
Michael Lüders fällt an diesem Abend aus dem Rahmen. Der BSW-Politiker nimmt schon während der Sendung auffällig oft den Umweg über die Weltpolitik, um bei Berliner Problemen anzukommen. Selbst in der Kita-Debatte landet er bei Deutschlands „Kriegstüchtigkeit“.
Warum er in einer Berliner Wahlarena immer wieder die große Geopolitik bemühe, will die Berliner Zeitung wissen. „Weil beides zusammenhängt“, sagt Lüders. Internationale Konflikte trieben die Energiepreise – und träfen damit die Berliner unmittelbar. Über Obdachlosigkeit lasse sich leicht referieren und aufzählen, was getan werden müsse. Einige Parteien auf dem Podium trügen jedoch seit Jahren Verantwortung und hätten längst handeln können.
Mit dem Format selbst fremdelt Lüders sichtbar. „Das ist ein freundliches Geplauder“, sagt er zunächst. Dann fällt sein Urteil unfreundlicher aus: Säße er als Zuschauer vor einer solchen Sendung, würde er sich „ehrlich gesagt verarscht“ fühlen.
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