Abgeordnetenhauswahl

„Es grummelt an jeder Ecke“: So blickt Berlin am Wahltag auf seine Politik

Berlin wählt – und rechnet ab. Vor den Wahllokalen zeigt sich: Das Vertrauen in die Politik ist vielfach aufgebraucht. Ein Stimmungsbericht.

Anne-Kattrin Palmer Alexandra Gretschichin Annamarie Heller
8 Min
Abstimmung über das neue Abgeordnetenhaus in Berlin mit rund 2,49 Millionen Wahlberechtigten

Abstimmung über das neue Abgeordnetenhaus in Berlin mit rund 2,49 Millionen Wahlberechtigten

© Bernd von Jutrczenka/dpa

Der Wahltag in Marzahn beginnt mit Kartons. An der Wilhelm-Busch-Grundschule steht am Sonntagmorgen zunächst eine Tür im Weg: Das Gebäude ist noch nicht aufgeschlossen. Die Wahlhelfer improvisieren. Sie stellen geschlossene Urnen ins Freie und bauen aus Kartons Sichtschutzkabinen, damit niemand die Kreuze der anderen sehen kann. Während draußen bereits gewählt werden kann, wird drinnen alles vorbereitet.

Dann folgt das nächste Problem. Das Wahllokal verteilt sich auf zwei Gebäude, die Wahlunterlagen liegen zunächst jedoch nur in einem davon. Im zweiten Gebäude können deshalb vorübergehend keine Stimmen abgegeben werden. Einige Wartende reagieren ungehalten und werfen den dortigen Wahlhelfern sogar Wahlbetrug vor – ohne jeden Beleg. Die Unterlagen werden hinübergebracht, wenig später läuft die Wahl regulär.

An der Wilhelm-Busch-Grundschule in Marzahn gab es kleine Panne.

An der Wilhelm-Busch-Grundschule in Marzahn gab es kleine Panne.

© Alexandra Gretschichin/Berliner Zeitung

Es begegnen sich zwei politische Welten

Vor dem Wahllokal begegnen sich zwei politische Welten. Eine 40-jährige Wählerin, die anonym bleiben möchte, hat sich schon lange entschieden: Sie wählt die AfD. Ihre wichtigsten Themen sind bessere Schulen, eine stärkere Förderung von Kindern, auskömmliche Renten und funktionierende Krankenhäuser. Beamte sollten ebenfalls in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Auch die langen Wartezeiten auf Arzttermine für Kinder und ältere Menschen kritisiert sie. Nun seien alle gespannt, „was daraus wird“.

Eine 64-Jährige ließ sich dagegen noch umstimmen. Eine Freundin habe sie auf eine Partei aufmerksam gemacht, die sich stärker für Tiere einsetze. Welche Partei sie schließlich gewählt hat, verrät sie nicht. Wichtig sind ihr bezahlbare Mieten und mehr Tierschutz. Vor einem Wahlerfolg der AfD habe sie Angst: „Ohne Ausländer hätten wir keine Lebensmittelindustrie mehr.“ Die schlechte Stimmung in Berlin erklärt sie mit der Wut vieler Menschen auf die bisherige Politik – und dem daraus entstehenden Zulauf für die AfD.

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Rund 2,49 Millionen Wahlberechtigte entscheiden an diesem Sonntag über die künftigen Mehrheiten im Abgeordnetenhaus. Selten war so offen, welche Partei am Abend vorn liegen würde. Eine kurz vor der Wahl veröffentlichte Insa-Umfrage sah die Linke bei 21 und die CDU bei 20 Prozent. Ein Prozentpunkt Unterschied – weniger ein Vorsprung als ein Wimpernschlag.

Rathaus Weißensee: Vor der Tür wird abgerechnet

Im Rathaus Weißensee verläuft die Abstimmung am Vormittag friedlich. Es kämen viele Menschen, berichtet eine etwa 30 Jahre alte Wahlhelferin, Probleme gebe es keine. Draußen allerdings wird abgerechnet – mit Parteien, Preisen und einer Stadt, die nach Ansicht vieler nicht mehr richtig funktioniert.

Das Wahllokal am Rathaus Weißensee

Das Wahllokal am Rathaus Weißensee

© Annamaria Heller/Berliner Zeitung

Ein 60-Jähriger erzählt, seine Entscheidung habe längst festgestanden. Wahlplakate hätten daran nichts geändert. Das Papier, sagt er, hätte man sich sparen können. Politisch solle es „mal wieder weiter von links“ gehen. Zugleich empfindet er die Stimmung als so gespalten wie noch nie. Und neben allen großen politischen Fragen beschäftigt ihn etwas sehr Berlinerisches: Die Stadt müsse endlich sauberer werden.

Ein weiterer Mann, zwischen 60 und 70 Jahre alt, hat die Linke gewählt. Auch er wusste schon vor dem Wahlkampf, wo er sein Kreuz machen würde. Seine Priorität sind die gestiegenen Preise – beim Tanken, beim Wohnen, eigentlich überall. „Der Staat hat nur noch Dollarzeichen in den Augen“, sagt er.

Ähnlich klingt ein etwa 65 Jahre alter Rentner. Wahlprogramme hätten ihm bei der Entscheidung ein wenig geholfen, am Ende wählte auch er links. Vor allem Mietkosten und Wohnungsmarkt treiben ihn um. Mit seiner Rente komme er kaum noch hin. Die Stimmung sei „an der Grenze“, die CDU rede an den Menschen vorbei. Sein Fazit: „Besser wird’s nicht.“

Renter-Ehepaar: „Schreiben Sie AfD und weiter nichts“

Wenige Meter weiter zeigt sich, wie weit die Antworten auf dieselben Sorgen auseinanderliegen. Ein Ehepaar im Alter zwischen 50 und 60 Jahren will keine lange Begründung liefern. „Schreiben Sie AfD und weiter nichts“, sagt der Mann. Mehr möchten beide nicht erklären. Der Satz bleibt stehen – knapp, schroff und symptomatisch für einen Wahltag, an dem viele ihre Entscheidung längst getroffen haben und manche keine Lust mehr verspüren, sie zu rechtfertigen.

Ein 30- bis 35-Jähriger nutzte dagegen den Wahl-O-Mat. Normalerweise wähle er SPD oder Grüne. Die Stimmung empfindet er als pessimistisch, den Wohnungsmarkt als eines der drängendsten Probleme.

Ein anderer Mann, zwischen 30 und 40 Jahre alt, entschied sich diesmal für das BSW. Früher habe er CDU gewählt, doch gerade auf Landesebene sei das in diesem Jahr schwierig. Er fordert soziale Verbesserungen und eine engere Zusammenarbeit zwischen Politik und Unternehmen. Die Stimmung sei kritisch, unterscheide sich aber von Bezirk zu Bezirk: Am Stadtrand gehe es entspannter zu, in der Innenstadt verdichteten sich Baustellen, Verkehr und alltäglicher Stress.

Für eine etwa 30 bis 35 Jahre alte Wählerin stehen Kinder an erster Stelle. Sie fordert bessere Bildung, individuelle Förderung, mehr Geld für Gesundheit und Pflege sowie eine wirksamere Integrationspolitik. Großstädte könnten die Folgen der Migration nicht allein auffangen. Auch die Debatte über junge Frauen in der Bundeswehr sieht sie kritisch und richtet ihre Kritik dabei an Bundeskanzler Friedrich Merz. Ihr grundlegender Wunsch klingt einfach, ist politisch aber gewaltig: Niemand sollte um seine Existenz bangen müssen.

Ein Wahllokal in Lichtenberg: Zuversicht und Enttäuschung

Ein Wahllokal in Lichtenberg: Zuversicht und Enttäuschung

© Alexandra Gretschichin/Berliner Zeitung

Mieten, staatliche Unterstützung und Verkehrskosten

Auch in Lichtenberg begegnen sich Zuversicht und Enttäuschung, linke Hoffnungen und grundsätzlicher Parteienfrust. Vor dem Wahllokal in der Wartenberger Straße 24 erzählt Wahlhelfer Hendrik H. (76), dass seine Entscheidung von Anfang an feststand: Er wählte die Grünen. Für ihn gehören Klimaschutz, mehr Fahrradwege und der Schutz der Umwelt zu den entscheidenden Aufgaben. Die Stimmung beschreibt er als geteilt, aber überwiegend linksorientiert. Die demokratische Auseinandersetzung in Berlin empfinde er dennoch als positiv.

Christopher H. (33), Friedhofsgärtner, hat die Linke gewählt. Ein Bekannter habe ihm einen Denkanstoß gegeben und ihn dazu gebracht, seine Entscheidung noch einmal zu überdenken. Dessen Argumente hätten zu seiner gegenwärtigen Lebenssituation gepasst. Für Christopher H. zählen vor allem Mieten, staatliche Unterstützung und Verkehrskosten. Er wünsche sich, „dass man etwas für unser Volk tut“ und der Fokus stärker auf den Menschen liege. Seine Erwartungen bleiben vorsichtig: „Ich kann nur meine Stimme abgeben und hoffen, dass sich etwas ändern wird.“

Zwei Frauen im Alter von 77 und 83 Jahren sehen großen Reformbedarf. Schulen fehlten Lehrkräfte, Kitas Plätze. Eine von ihnen hat den Eindruck, deutsche Eltern würden bei der Vergabe von Kitaplätzen benachteiligt. Auch die Renten empören sie: Frauen arbeiteten ihr ganzes Leben und müssten anschließend teilweise mit 900 Euro im Monat auskommen. Hinzu kämen steigende Mieten und Wohnungsgesellschaften, die sich kaum noch kümmerten, wenn etwas kaputtgehe.

Ihre Wahlentscheidung habe früh festgestanden. Welche Partei sie gewählt haben, sagen die Frauen nicht – nur die AfD sei es nicht gewesen. Zugleich glauben sie zu verstehen, warum gerade ältere Menschen zu dieser Partei wechselten: Andere Parteien hätten ihre Versprechen zu oft gebrochen. Die politische Stimmung sei „tief weit unten“.

Geld für Waffen und Krieg lehnen beide ab

Ein weiteres Paar, 77 und 82 Jahre alt, sagt: „Es muss ganz viel passieren.“ Bildung müsse für jeden erreichbar sein, Kriminalität besser kontrolliert werden. Doch das gegenwärtige Parteiensystem sei keine Lösung mehr. Die Parteien widersprächen sich, sicherten vor allem sich selbst ab, versprächen viel und täten wenig. Stattdessen müsse man sich zusammensetzen und „das Beste für unser Land machen“.

Geld für Waffen und Krieg lehnen beide ab, ebenso die AfD. Als diese größer geworden sei, sei ihnen klar gewesen, „dass mit denen alles in die Hose gehen wird“. Aber auch SPD und CDU überzeugen sie nicht. Im eigenen Wohngebiet beobachten sie soziale Probleme und häufige Polizeieinsätze – für sie das Ergebnis einer jahrelangen Fehlentwicklung. Die Stimmung? „Grummelig. Es grummelt an jeder Ecke.“ Dass sich nach der Wahl viel ändern wird, glauben beide trotzdem nicht.

Eine Frau Mitte 30 wollte ihre Entscheidung nicht von Plakaten und Versprechen abhängig machen. Mithilfe von ChatGPT recherchierte sie, wie die Fraktionen tatsächlich abgestimmt hatten, und verglich das mit ihren eigenen Wertvorstellungen. Entscheidend sei die Glaubwürdigkeit: Was fordert eine Partei – und was hat sie während der Legislaturperiode wirklich getan? Wen sie gewählt hat, verrät sie nicht. Die Parteien suchten nicht gemeinsam nach Lösungen, sagt sie. Stattdessen achteten sie vor allem darauf, nicht zusammenzuarbeiten.

Berliner (23): Wohnen muss bezahlbar sein

Dmitriy Nay (23) entschied sich für die Linke. Er wollte eine soziale Wahl treffen, obwohl ihn manche Probleme noch nicht unmittelbar betreffen. Bezahlbares Wohnen ist für ihn dennoch entscheidend. Wenn er eines Tages ausziehe, wolle er nicht 1500 Euro Warmmiete zahlen müssen. Menschenrechte und Menschenwürde dürften niemals infrage stehen. Neben dem Wohnungsmarkt sollten Klimapolitik und Elektromobilität Vorrang haben. Die Stimmung in Deutschland findet er schlecht, in Berlin erlebt er sie immerhin als etwas besser.

So unterschiedlich die Entscheidungen ausfallen, die Themen ähneln sich: Wohnen, Preise, Renten, Bildung, Migration, Sicherheit – und die Sorge, dass das eigene Leben immer teurer wird, während die Politik immer weniger erreicht. Die einen setzen deshalb auf Linke oder Grüne, andere auf BSW oder AfD. Manche nennen ihre Partei bewusst nicht. Fast alle aber sprechen von einer Stadt, in der das Vertrauen dünn geworden ist.

In den Wahllokalen bleibt es überwiegend ruhig. Draußen, vor den Türen, fällt die Bilanz härter aus. Berlin wählt friedlich – aber keineswegs zufrieden.

Verfolgen Sie die Entwicklung am Wahltag auch in unserem Liveblog der Berliner Zeitung

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