Interview

Merz fordert mehr Arbeit: Berliner KI-Unternehmer verrät, was Deutschland stattdessen braucht

Kann KI Deutschlands Arbeitsproblem lösen? Florian Dohmann vom Berliner KI-Unternehmen Birds on Mars spricht im Interview über Produktivität und Deutschlands Rückstand.

11 Min
Florian Dohmann, Gründer von Birds on Mars, kritisiert die KI-Politik der Merz-Regierung – und fordert Investitionen in Milliardenhöhe.

Florian Dohmann, Gründer von Birds on Mars, kritisiert die KI-Politik der Merz-Regierung – und fordert Investitionen in Milliardenhöhe.

© Thomas Meyer/Ostkreuz

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) fordert, dass in Deutschland mehr gearbeitet wird. Gleichzeitig hält Künstliche Intelligenz Einzug in immer mehr Unternehmen und verspricht, Aufgaben in kürzerer Zeit zu erledigen. Daraus ergibt sich eine Frage für die Arbeitswelt: Müssen Beschäftigte tatsächlich länger arbeiten – oder liegt ein Teil der Antwort darin, ihre Arbeit mit KI produktiver zu machen? Und was geschieht mit den Jobs, wenn Unternehmen die Technologie vor allem zum Sparen nutzen? 

Florian Dohmann ist Gründer und Geschäftsführer des Berliner KI-Unternehmens Birds on Mars, das Organisationen bei der Einführung Künstlicher Intelligenz begleitet. Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt er, warum er Merz’ Forderung für zu pauschal hält, wie KI Beschäftigte entlasten kann und wo sie neue Probleme schafft. Außerdem spricht er über die Angst vor Jobverlusten und seine Forderung nach einem KI-Sonderpaket.

KI-Gründer über Merz: „Macht sich sehr viele Feinde“

Herr Dohmann, Bundeskanzler Merz fordert die Deutschen auf, mehr zu arbeiten. Was halten Sie davon?

Ich halte von solchen Pauschalaussagen nicht viel. Aus meiner Sicht muss man da viel differenzierter sein. Vielleicht gilt das für manche Berufsgruppen. Aber man macht sich damit auch sehr viele Feinde in einer Zeit, in der es eher darum gehen sollte, Zusammenhalt zu fördern. Ich glaube nicht, dass wir unsere wirtschaftliche Situation, unsere Innovationsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit pauschal damit verbessern, indem man einfach sagt: Wir müssen jetzt alle mehr arbeiten. Das löst für mich die aktuellen Probleme nicht.

Zur Person
Thomas Meyer/Ostkreuz

Zur Person

Florian Dohmann ist gebürtiger Ostwestfale, studierter Wirtschaftsinformatiker und lebt seit mehr als 15 Jahren in Berlin. 2017 gründete er Birds on Mars, eine Berliner KI-Beratung für verantwortungsvollen und nutzenstiftenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz, die inzwischen mehr als 40 Personen beschäftigt. Seit 2026 ist Birds on Mars Teil der [at] Group, einer der größten KI-Beratungen Europas. Dohmann beschäftigt sich mit der Verbindung von Künstlicher Intelligenz, gesellschaftlichem Wandel und strategischer Innovation. Als Gastdozent lehrt er an der Schnittstelle von KI und Kreativität – an der UdK Berlin, der HfG Karlsruhe und der Filmakademie Baden-Württemberg.

Deutschland fehlen Fachkräfte, zugleich wächst die Produktivität nur schwach. Welchen Beitrag kann KI leisten?

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Im Idealfall ist KI ein Teamplay von Mensch und Maschine. Es gibt bestimmte Berufsgruppen, in denen Künstliche Intelligenz wahnsinnig stark helfen und viele nervige Aufgaben übernehmen kann.

Wir haben das selbst in der Hand. Natürlich kann KI auch dazu führen, Dinge wegzurationalisieren, bei denen man sich gewünscht hätte, dass Menschen sie weiterhin machen. Das ist eine massive Veränderung, die wir ernst nehmen müssen. Gleichzeitig sehe ich eine Chance für Organisationen, die vom demografischen Wandel besonders betroffen sind. Wo wir KI einsetzen, entscheidet nicht die KI. Diese Entscheidung treffen Menschen.

Viele Unternehmen testen KI, doch häufig bleibt es bei Pilotprojekten. Woran scheitert der Schritt in den Arbeitsalltag?

Was gerne vergessen wird: KI wird erst wirksam, wenn sie tatsächlich genutzt wird. Oft werden die späteren Nutzer:innen nicht von Anfang an mit einbezogen. Man müsste zuerst fragen: Welches Problem wollen wir eigentlich lösen? Und was würde es bringen, wenn uns das gelingt? Stattdessen wird teilweise KI für Dinge eingesetzt, für die sie gar nicht relevant ist. Es muss nicht immer KI sein – und das sagt jemand, der ein KI-Unternehmen hat.

Oft stimmen auch die Prozesse oder die Datenlage nicht. Eine KI kann nur dann Nutzen schaffen, wenn sie auf relevante Daten zugreifen kann. Viel wichtiger ist der Kontext: Die KI muss überhaupt genügend wissen. Dafür braucht es Daten und Schnittstellen zu den Systemen im Unternehmen. Und die Mitarbeitenden müssen mitgenommen werden. Selten ist die Technologie das Problem. Es geht vielmehr um das Umfeld, das man gestalten muss.

Unterlagen, Kabel, Geräte – und davor: eine Dartsscheibe: Ein Hauch von Start-up-Kultur weht durch die Räumlichkeiten von Birds on Mars in der Marienstraße in Berlin-Mitte.

Unterlagen, Kabel, Geräte – und davor: eine Dartsscheibe: Ein Hauch von Start-up-Kultur weht durch die Räumlichkeiten von Birds on Mars in der Marienstraße in Berlin-Mitte.

© Thomas Meyer/Ostkreuz

ZDF, Charité und Recycling: So arbeitet Birds on Mars

Birds on Mars begleitet große Unternehmen wie die Deutsche Bahn und das ZDF sowie öffentliche Einrichtungen wie die Charité. Was machen Sie dort konkret?

Wir begleiten Organisationen bei ihrer KI-Transformation. Dabei geht es um Strategie, um Veränderungen in der Organisation, um Daten und um Responsible AI, also um Regeln, Vorgaben und die Frage, wie KI verantwortungsvoll eingesetzt wird. Außerdem entwickeln wir gemeinsam mit unseren Kunden KI-Lösungen. Wir sehen uns als Befähiger:innen: Die Organisationen sollen zunehmend selbst in der Lage sein, damit zu arbeiten.

Wo zeigt sich im Alltag, was KI leisten kann?

Bei der BSR-Tochter Berlin Recycling haben wir ein Müll-ABC entwickelt. Man fotografiert einen Gegenstand und bekommt eine Empfehlung, wie er entsorgt werden soll. Batterien werden beispielsweise immer noch falsch weggeworfen, was zu Bränden führen kann. Die Anwendung macht es den Menschen leichter, das Richtige zu tun.

Ein anderes Berliner Projekt haben wir mit dem CityLAB entwickelt. Wir haben Informationen aus dem Baumkataster, Daten von Sensoren und Satellitendaten genutzt, um den Wasserbedarf von Stadtbäumen einzuschätzen. So lässt sich die Bewässerung auf die Bäume konzentrieren, die am meisten Wasser benötigen. Solche Beispiele zeigen, dass KI deutlich mehr sein kann als das Naheliegende.

Wo kann die Technologie Arbeitsabläufe unmittelbar beschleunigen?

Im Bau- und Infrastrukturbereich haben wir daran gearbeitet, umfangreiche Anträge vorzuprüfen. Solche Unterlagen umfassen manchmal Hunderte oder Tausende Seiten. Dann steht auf Seite acht etwas anderes als auf Seite 80, der Antrag geht zurück und das Bauprojekt verzögert sich. Wenn KI mögliche Fehler vorher findet, lässt sich dieses Hin und Her mit den Ämtern verkürzen. Gerade im öffentlichen Sektor fehlen an solchen Stellen oft Sachbearbeiter:innen.

Ein weiterer Bereich ist das Wissensmanagement. Wir nennen das manchmal das „Second Brain“ einer Organisation. Wenn erfahrene Mitarbeiter:innen in Rente gehen, verschwindet häufig Wissen mit ihnen. Man kann es etwa in Gesprächen aufnehmen und so aufbereiten, dass neue Mitarbeiter:innen mithilfe einer KI Fragen dazu stellen können – auch wenn sie ihre früheren Kollegen nie kennengelernt haben.

Darum könnte KI die Bürokratie sogar noch vergrößern

Die Verwaltung gilt als langsam und personalintensiv. Wo wäre dort der größte Hebel?

In der Bearbeitung von Anträgen. Da ist wahnsinnig viel bürokratischer Aufwand entstanden. Man darf aber nicht den Fehler machen, jeden schlechten Prozess mit KI optimieren zu wollen. Im Endeffekt bleibt es dann immer noch ein schlechter Prozess. Wenn 17 Leute an einer Entscheidung beteiligt sind und sich wegen Urlaubsabhängigkeiten alles um Monate verzögert, sollte man den Prozess selbst anfassen.

Kann KI die Bürokratie sogar noch vergrößern?

Ja, das höre ich inzwischen häufiger aus dem öffentlichen Sektor. Anträge werden mit KI schnell geschrieben, 50 oder 100 Seiten. Die Leute auf der anderen Seite können diese Flut dann teilweise nur noch mit KI bewältigen. Derjenige, der den Antrag erstellt, ist schneller fertig, verschiebt den Aufwand aber an die Stelle, die ihn prüfen muss. Das ist oft nur eine Pseudoeffizienz. Dieser Effekt hat bereits einen Namen und nennt sich „Workslop“.

Gleichzeitig brauchen Verwaltungen eine Infrastruktur, damit ihre Beschäftigten KI sicher einsetzen können. Sie können nicht einfach jedes beliebige Modell verwenden, ohne Fragen zum Umgang mit Daten zu klären. Die Mitarbeiter:innen müssen außerdem geschult werden. Man kann ihnen nicht sagen, sie sollen sich abends nebenher noch mit großen Sprachmodellen beschäftigen. Dafür brauchen öffentliche Einrichtungen Zeit, Geld und Unterstützung.

Volle Konzentration: Während die Berliner Zeitung Geschäftsführer Dohmann interviewt, arbeiten die Mitarbeiter – betriebsintern auch „Birds“ genannt – an ihren KI-Projekten.

Volle Konzentration: Während die Berliner Zeitung Geschäftsführer Dohmann interviewt, arbeiten die Mitarbeiter – betriebsintern auch „Birds“ genannt – an ihren KI-Projekten.

© Thomas Meyer/Ostkreuz

Wenn KI die Leistung pro Arbeitsstunde erhöht: Müssten die Produktivitätsgewinne dann nicht langfristig auch kürzere Arbeitszeiten ermöglichen?

Aus meiner Sicht im Idealfall ja. Aber dieses Problem wird KI nicht für uns lösen. Das müssen wir als Gesellschaft schaffen. Die Chance ist da, mehr Effizienz und Automatisierung für uns zu nutzen. Im Moment führt das aber meistens nicht dazu, dass wir alle nur noch zwei Tage die Woche arbeiten müssen. Wir haben es auch in der Vergangenheit nicht immer geschafft, Effizienzgewinne so zu nutzen, dass Menschen sie spüren – etwa durch höhere Gehälter in Berufen, die einen großen gesellschaftlichen Beitrag leisten.

Haben Friseure mehr Zukunft als Anwälte und Ärzte?

Viele Beschäftigte fürchten, durch KI überflüssig zu werden. Rechnen Sie unter dem Strich mit Jobverlusten?

Ich kann nicht in die Glaskugel schauen und sagen, ob am Ende ein Plus oder ein Minus steht. Dafür müsste man sich die Studien genau ansehen. Klar ist: Viele Berufe verändern sich, auch solche, die lange als sicher galten. Als ich aus der Schule kam, galten Jura und Medizin als sichere Wege. Handwerk und Ausbildungsberufe standen eher in der zweiten Reihe. „Studier’ Informatik und dann ist alles safe“ – darauf würde ich mich heute nicht verlassen. Ich finde es durchaus empfehlenswert, über eine Ausbildung in einer Zimmerei nachzudenken.

Welche Berufe könnten durch KI an Wertschätzung gewinnen?

Zum Beispiel der Friseurberuf. Ich bin optimistisch, dass solche Tätigkeiten wieder eine andere Wertschätzung erfahren. Anderswo ist der Wandel hart: Werbeagenturen beispielsweise verändern sich schon jetzt, weil sich vieles automatisieren lässt. Daran hängen natürlich persönliche Schicksale. Zugleich finde ich es nicht schlimm, wenn nicht mehr zehn Leute nach Südafrika fliegen müssen, um für sehr viel Geld und Flugstunden ein paar Sekunden Werbung für eine Dose zu produzieren. Auch Menschen, die den ganzen Tag PowerPoint-Präsentationen, Exceltabellen oder Worddokumente erstellen, werden Veränderungen erleben – ebenso Unternehmensberatungen.

Was brauchen Beschäftigte, um bei diesem Wandel nicht den Anschluss zu verlieren?

Die größte Fähigkeit ist für mich die Bereitschaft zur Veränderung: Neues lernen, Altes verlernen, Dinge ausprobieren und auch mal scheitern. Man sollte nicht darauf warten, dass einem jemand die KI-Anwendungen in der Organisation auf dem Silbertablett serviert.

Manche Menschen arbeiten in Unternehmen, in denen sie kaum Freiraum haben oder gar kontrolliert werden. Deshalb ist mein Appell an Führungskräfte: Schafft euren Leuten diesen Freiraum. Gebt ihnen die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln.

Wie sollen Beschäftigte einer KI-Einführung vertrauen, wenn sie dahinter ein Sparprogramm vermuten?

Transparenz ist ganz wichtig. Mitarbeitende müssen von Anfang an eingebunden werden. Unternehmen sollten offen darüber sprechen, warum sie KI einführen. Bei manchen geht es tatsächlich um Kosten, weil sie sonst wirtschaftlich nicht überleben. Darum kann man nicht herumreden und das sollte man auch ernst nehmen. Aber man muss den Menschen erklären, was man vorhat und warum.

China und USA enteilen bei KI: „Der Rückstand ist groß“

Die USA und China liegen bei großen KI-Modellen, Rechenleistung und Investitionen vorn. Wo sollte Deutschland ansetzen?

Der Rückstand ist leider wirklich groß. Das hat viel mit fehlenden Investitionen zu tun. Unsere große Chance sehe ich auf der Anwendungsebene. Ich würde nicht unser ganzes Geld darauf setzen, drei neue große KI-Unternehmen (sogenannte Unicorns) aufzubauen, die dann mit den USA und China konkurrieren sollen. Lieber sollten wir die vielen tausend Unternehmen, die wir bereits haben, befähigen, KI für ihre Geschäftsmodelle zu nutzen und so noch erfolgreicher zu werden.

Wir nutzen schließlich auch Elektrizität, um unsere Unternehmen voranzubringen, statt ausschließlich der beste Stromnetzanbieter werden zu wollen. Ähnlich sollten wir mit KI umgehen: die Technologie nutzen und in unsere wirtschaftliche Stärke einbauen.

Dohmann warnt, dass Deutschland den USA und China bei KI hinterherhinkt. Über die Politik der Merz-Regierung sagt er: „Es passiert zu wenig.“

Dohmann warnt, dass Deutschland den USA und China bei KI hinterherhinkt. Über die Politik der Merz-Regierung sagt er: „Es passiert zu wenig.“

© Thomas Meyer/Ostkreuz

Merz hat angekündigt, Deutschland bei KI international wettbewerbsfähiger zu machen. Wie fällt Ihre bisherige Bilanz seiner Regierung aus?

Ich bin kein Politikexperte; das können andere im Detail besser beurteilen. Meine persönliche Sicht ist aber: Es passiert zu wenig. Förderung ist immer noch viel zu bürokratisch. Wenn eine soziale Einrichtung KI für mehr Barrierefreiheit einsetzen will, muss sie womöglich monatelang Anträge schreiben und dann lange warten. Bis dahin hat sich die Technologie schon mehrfach weiterentwickelt. Es fehlt an Geschwindigkeit und an Budget.

Es braucht ein Sonderpaket für KI. Nicht zehn oder 50 Millionen Euro, wahrscheinlich auch nicht 100 Millionen und auch nicht 500 Millionen, sondern noch besser viele Milliarden – dann kann man anfangen. Das Geld sollte in die Breite gehen, zu den Organisationen, die jetzt Hilfe bei ihrer KI-Transformation brauchen. Die Politik muss sich dafür Input von den Menschen holen, die jeden Tag mit KI arbeiten.

Was muss der neue Berliner Senat nach der Wahl tun, damit die Stadt als KI-Standort wächst?

Förderung einfacher machen, Prozesse erleichtern und dafür sorgen, dass auch kleinere Unternehmen Unterstützung bekommen. Einfach nur den nächsten Start-up-Campus zu eröffnen, wo man sich Installationen anschauen kann – damit gewinnt man keinen Blumentopf.

Viele Organisationen möchten verstehen, wie sie KI in ihren Arbeitsalltag einbauen können. Dafür brauchen sie manchmal externe Hilfe, können sie sich aber nicht leisten. Unterstützung kommt häufig eher bei großen Unternehmen an. Gerade für kleinere und mittelständische Firmen wäre es eine Chance, ihre Abläufe von Anfang an mit KI zu gestalten. Dafür braucht es unkomplizierte Förderung und Investitionen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Anmerkung der Redaktion: Der Autor legt Wert auf die Verwendung von Genderzeichen zur Sichtbarmachung aller Geschlechter.

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