Nachrichtensprecher brauchen Disziplin. Wir stellen die Frage zurück, wer sie in wessen Auftrag diszipliniert, und retten uns damit schnell aus den Sümpfen der Verschwörungstheorien an das Ufer der Empirie: Eine Studie des Leibniz-Instituts hat die Aussprache des „langen Ä“ untersucht, jenes Lautes, der in Wörtern wie Käse, Ähre oder Gewähr steckt und der nach der Bühnenaussprache-Norm von Theodor Siebs (1862–1941) offen klingen soll: [ɛː].
Das Ergebnis des „mikrodiachronen Vergleichs“ ist laut dem elfseitigen Report des Soziolinguisten, Phonologen, Onomastikers (usw.) Stefan Kleiner zwar uneindeutig, aber für den Laien ausreichend erschütternd in diesen Zeiten der ÖRR-Kritik.
Psychologische Erklärung der Äh-Phobie
Mit den Instrumenten der Formantanalyse und der Bark-Skala, was immer das ist, wurde ermittelt, dass die Bereitschaft der ÖRR-Sprecher, das Ä normgerecht auszusprechen, zwischen 17 und 94 Prozent schwankt. Der Rest bevorzugt die geschlossene, artikulatorisch anspruchslosere Variante [eː].
Nun unsere These: Erklären lässt sich dies eigentlich nur psychologisch, und zwar mit der sich steigernden Angst vor dem „Äh“. Nicht vor dem Ä-Laut selbst, sondern vor jenem kleinen vokalischen Füllsel „äh“, mit dem man zugleich überspielt und offenbart, dass man nach der Formulierung sucht – und also laut Kleist nach dem während des Formulierens zu verfertigenden, äh, Gedanken.
Höchstwerte für Constantin Schreiber
An der Spitze steht Constantin Schreiber: Bei ihm verzeichnet die Studie 94 Prozent Ä-Treue und Ä-Angstfreiheit. Nein, das lässt sich nicht mit seiner norddeutschen Herkunft erklären (Cuxhaven); seine Kollegen Susanne Holst (17 Prozent) und Wilhelm Wieben (21 Prozent) sind in Hamburg und im Dithmarschen geboren, während der Chefsprecher Jens Riewa (76 Prozent) und Susanne Daubner (72 Prozent) im Spreewald und in Halle zur Welt kamen – und als Kinder der DDR hohe Werte erzielen.
Der Ä-Aussprachemut Schreibers, in dem sich sein Selbstbewusstsein und wohl auch seine Sehnsucht nach dem eigenen Ausdruck Bahn brechen, führte zwangsläufig zu seinem Ausscheiden aus dem ÖRR-Sprecheramt. Nach Jahren, in denen er, wie er später selbst sagte, „keinen einzigen Satz selbst geschrieben“ hat, sondern nur Zettel verlas, gab er seinem sublimierten Drang nach und kehrte der „Tagesschau“ den Rücken.
Kritiker, die sich damit einmal mehr bestätigt sehen – von wegen: keine freie Rede im ÖRR –, sollten sich allerdings die Jobbeschreibung eines Nachrichtensprechers in Erinnerung rufen, der die Meldungen vom Teleprompter Silbe für Silbe abliest: Äh-Füllsel stehen schließlich nicht im Skript. Und wer macht schon gern Fähler?
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