Medienkolumne

Ein Orden für die ehemalige Dramaqueen der ARD: Annette Dittert bekommt das Bundesverdienstkreuz

Die Auszeichnung der Ex-London-Korrespondentin und anderer politisch korrekter Journalisten hat eindeutig ein Geschmäckle. Sie illustriert die ungute Nähe von Politik und Journalismus.

Alexander Teske
9 Min
Annette Dittert

Annette Dittert

© imago/Future Image/C.Hardt

Wenn ich Annette Dittert in der Planung der ARD-Tagesschau an der Strippe hatte, als ich selbst dort noch arbeitete, war das oft ein unangenehmes Erlebnis. Die langjährige Leiterin des Studios in London war oft launisch und latent aggressiv, ihre Grundhaltung: alle Versager in Hamburg! Der Medienjournalist Steffen Grimberg beschrieb sie einmal als „schrill und emotional“. So kann man es auch ausdrücken.

Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden, aber mein persönlicher Eindruck war immer: Dittert ging es in erster Linie um sich selbst, um möglichst viele Aufsager und Live-Schalten in der Sendung. Ihr bevorzugter Kniff: Sie behauptete, dass Kollege XY ihr gestern eine Schalte zugesagt habe. Dummerweise war XY gerade nicht da. Wenn man ihn dann Tage später fragen konnte, konnte sich Kollege XY daran  nicht erinnern und erwiderte meist: „Ich habe ihr nichts versprochen.“

Noch wichtiger als das Ich-Programm war Parteilichkeit

Trotzdem gelang es der London-Abgesandten sehr häufig, einen Auftritt auf der Mattscheibe zur besten Sendezeit zu erhalten. Aber auch in diesen Live-Schalten ging es Dittert in erster Linie um sich selbst, der Inhalt war sekundär. Sie drehte sich affektiert zur Kamera, ihre bunten Kostüme waren legendär, und meist sprach sie mit übertriebener Satzmelodie – wie eine Theaterschauspielerin. Viele Zuschauer faszinierte offensichtlich genau das an ihr – und sie wurde populär.

Nur was sie sagte, haben viele offenbar vernachlässigt. Die Vermittlung von Wissen trat in den Hintergrund. Und noch wichtiger als die menschliche Komponente und das Ich-Programm wog die eigene  Parteilichkeit. Dittert hatte stets eine klare Meinung, mit der sie nicht hinterm Berg und die auch in ihre Beiträge Einzug hielt. So ordnete sie den ehemaligen Premierminister Boris Johnson eher dem Team „Volltrottel“ zu. Als der Politiker der Konservativen die strengen Corona-Maßnahmen viel früher lockerte als in Deutschland, war sie sich sicher, dass nun reihenweise Menschen sterben müssten. Eine Falschannahme.

Unser Kolumnist
Stephanie Steinkopf/Ostkreuz

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Alexander Teske hat 21 Jahre für die ARD gearbeitet. Erst für den MDR in Leipzig, dann beim NDR in Hamburg. Über seine Beobachtungen und Erlebnisse hat er den Bestseller „Inside Tagesschau“ geschrieben. Gemeinsam mit zwei weiteren Medien-Experten, Annekatrin Mücke und Peter Welchering, berichtet er ab sofort wöchentlich aus dem Inneren des journalistischen Maschinenraums in dem Podcast „Sachlich richtig“.
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Auch beim Brexit war sie sich ganz sicher, dass dies ein Fehler ist. In ihrem neuen Buch „Dear Britain“ schreibt sie bereits im Klappentext, dass sie Tränen in den Augen hatte, als sie das Ergebnis der Abstimmung in der ARD verkünden musste. Wie unabhängig und objektiv kann man mit Tränen in den Augen berichten? Für viele Briten sei der Tag „bedrückend“ gewesen, schreibt Dittert, ganz so, als hätten sie nicht mehrheitlich für den Brexit gestimmt.

In dem Buch spürt sie der angeblich „prekären wirtschaftlichen und sozialen Situation“ der Briten nach. Dabei weist Großbritannien mit 0,8 Prozent das gleiche Wirtschaftswachstum wie Deutschland auf. Aber das Buch wird natürlich gelobt von ARD-Kollegen wie Natalie Amiri und Ulrich Wickert. Der Bayerische Rundfunk räumte ihr gleich einen Sendeplatz in der „Abendschau“ ein und stellte die acht Minuten in die ARD‑Mediathek. Auch andere ehemalige Kollegen bei SWR, WDR, RBB und NDR lobten fleißig. Zudem wurde das Buch gepusht von Hamburger Bekannten bei „Brigitte“ und „Morgenpost“ sowie von den Haltungsjournalisten der „Süddeutschen Zeitung“, bei denen sich Dittert dann mit dem Reposten ihrer Artikel auf X revanchierte.

Und nun gibt es dafür am 5. Oktober im Amtssitz am Spreebogen auch noch das Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Sie „freue sich sehr darüber“, es sei „eine echte Überraschung“ und „eine Ehre“, gab Dittert dazu zu Protokoll und machte dabei den unfassbaren Lapsus, dass ihr diese Freude ihr ausgerechnet am Tag der Deutschen Einheit zuteil werde. Nein, der ist schon immer am 3. Oktober.

Das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Das Bundesverdienstkreuz am Bande.

© IMAGO/Bonn.digital

Die ARD wird oft als Staatsfunk geschmäht. Das ist natürlich eine  Übertreibung, aber mich überrascht immer wieder, wie wenig Störgefühle führende ARD-Köpfe bei einem Vorgang wie diesem haben – sich von der Politik, über die man kritisch berichten sollte,   auszeichnen zu lassen. Auch wechseln immer wieder Reporter des ÖRR als Sprecher in die Ministerien. In der aktuellen Bundesregierung haben bei deren Bildung gleich drei Redakteure der ARD die Seiten gewechselt, zum Beispiel die MDR-Journalistin Sarah Frühauf, die mit ihren coronakonformen Kommentaren in den Tagesthemen auffiel.

Zudem arbeiten immer wieder Reporter einerseits für den ÖRR, andererseits für die Bundesregierung. Sie moderieren den Tag der offenen Tür oder Podiumsdiskussionen in den Ministerien. Allein eine aktuelle Antwort der Bundesregierung listet diese Namen auf: Tanja Busse (WDR), Clarissa Corrêa da Silva (MDR), Sarah Oswald (vormals RBB), Katie Gallus (Deutsche Welle, ZDF, HR, SWR), Florian Prokop (WDR), Anja Heyde (MDR), Andrea Thilo (vormals NDR), Diona Bathily und Olga Patlan (RBB, MDR).

ÖRR-Redakteure für Bundesregierung tätig

Die Liste ist unvollständig, weil verschiedene Ministerien sich weigerten, die Kleine Anfrage von drei Abgeordneten des Bundestages der AfD ordnungsgemäß zu beantworten. Doch Redakteure des ÖRR betätigen sich auch auf anderen Feldern für die Bundesregierung. Zum Beispiel moderieren sie Podcasts. Wie Nadia Kailouli. Die Moderatorin des ARD-Magazins „Report Mainz“ ist Host von „einbiszwei“, das von der Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch herausgegeben wird. Für jede Folge des reinen Audioformats in der Länge von etwa 30 Minuten fallen knapp 9.000 Euro an Steuergeld an.

Wie viel davon an die Moderatorin fließt, ist geheim. Einen Interessenkonflikt mag niemand der Verantwortlichen erkennen. Oder nehmen wir Gunnar Breske. Zur Wahl in Sachsen-Anhalt hat er für den MDR und die ARD zahlreiche Formate moderiert. Gleichzeitig gibt er Medientrainings für Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes der Bundesregierung. Die vermittelnde Firma wird von einem anderen ehemaligen MDR-Moderator und dem ehemaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten Sachsens mit SPD-Parteibuch geführt.

Für die Medientrainings, die sie für offizielle Stellen wie Bundesministerien vermitteln, stehen auch weitere Moderatoren des ÖRR wie Anja Heyde (ZDF, MDR) oder Burkhard Birke (Deutschlandfunk, ARD) und Kira Kaplan (MDR) zur Verfügung. Für diese Dienste erhalten die Journalisten einerseits viel Geld von Ministerien oder parteinahen Stiftungen, wenn sie Veranstaltungen moderieren, Medientrainings geben oder einen Podcast moderieren. Andererseits wollen sie am nächsten Tag unabhängig über genau diese Protagonisten und ihr Handeln berichten. Dies ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Und nun werden sie für ihre Arbeit auch noch mit Orden geehrt. Eine Arbeit, die ohnehin mit fürstlicher Entlohnung und viel Aufmerksamkeit einhergeht. Unter den 21 Geehrten für das Bundesverdienstkreuz finden sich mit Marina Weisband, Jagoda Marinić und Navid Kermani weitere Menschen, die zumindest gelegentlich journalistisch und publizistisch unterwegs sind. Warum sucht das Bundespräsidialamt für das Bundesverdienstkreuz nicht Menschen aus, die sonst nicht im Rampenlicht stehen und ihre Arbeit ehrenamtlich ausüben?

Soll hier gar eine freundliche Berichterstattung über die Regierung angestoßen werden? Denn der Spruch: „Bestrafe einen und erziehe hundert“ funktioniert ja auch umgekehrt – belobige einen und erziehe hundert. Es ist zu vermuten: Nicht wenige Reporter werden nun auch auf die Auszeichnung schielen. Dabei dürfte klar sein: Regierungskritisch zu sein, ist hier eindeutig ein Nachteil.

Schon in der Vergangenheit erhielten mehrfach Journalisten das Bundesverdienstkreuz. So der frühere „heute journal“-Moderator und spätere SWR-Intendant Peter Voß. Er bekam das Verdienstkreuz am Bande 2020. Oder der ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt sowie der frühere taz-Chefredakteur Michael Rediske. Auch Peter Merseburger wurde geehrt, und zwar mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse. Merseburger war unter anderem Leiter von „Panorama“ und ARD-Korrespondent in Washington, Ost-Berlin und London.

Oft wurden Journalisten ausdrücklich für ihre Haltung und Gesinnung ausgezeichnet. Dunja Hayali ist ein solches Beispiel. Ihr Wirken „gegen Rassismus“ und ihr Berufsethos wurden 2018 von Steinmeier im Schloss Bellevue geehrt. Ihre journalistische Arbeit kann dabei kaum gemeint gewesen sein, denn hier sticht sie immer wieder durch „Fehler“ heraus. Von der Anmoderation zum KI-generierten Video über die menschenverachtende Passage anlässlich der Ermordung von Charlie Kirk bis hin zur Reportage, welche die Messergewalt bei Deutschen verortete – „Messer-Uwe“ ist inzwischen ein geflügeltes Wort für Fake News Made by ZDF.

Keine Auszeichnung von denen, über die man kritisch berichten soll!

Wenn schon die Politik kein Störgefühl entwickelt und freiwillig auf die unsinnige öffentliche Belobigung von Journalisten, vorzugsweise solchen mit Haltung, verzichtet, kann die Konsequenz für die Journalisten selbst nur lauten: Wir lehnen diese Preise ab! Wir lassen uns nicht von denjenigen auszeichnen und belobhudeln, denen wir kritisch auf die Finger schauen sollen. Ein frommer Wunsch, ich weiß, aber das macht ihn deswegen nicht falsch. In der Vergangenheit gab es durchaus mutige Frauen und Männer, welche die Orden aus Berlin abgelehnt haben.

Zum Beispiel Florence Hervé, eine deutsch-französische Journalistin, Historikerin und Frauenrechtlerin, die unter anderem für die Frankfurter Rundschau, den Kölner Stadt-Anzeiger und die junge Welt schrieb. In einem offenen Brief an den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck lehnte sie die Auszeichnung ab. Sie betonte, ihr Engagement stehe häufig im Gegensatz zur Politik der jeweiligen Bundesregierung. Ihre Hauptkritikpunkte waren, dass die Bundesrepublik die NS-Vergangenheit unzureichend aufgearbeitet habe, Neonazismus und Rassismus nicht konsequent bekämpfe und den antifaschistischen Widerstand jenseits des 20. Juli und der Weißen Rose zu wenig anerkenne.

Insgesamt lehnten bisher 62 Persönlichkeiten das Bundesverdienstkreuz ab. Darunter Heinrich Böll, Günter Grass und Ilse Aichinger. Zuletzt nahm die Künstlerin Hito Steyerl 2021 den Orden nicht an, weil sie das Handeln der Bundesregierung in der Coronazeit mit Bildung und Kultur nicht nachvollziehen konnte. Mai Thi Nguyen-Kim hatte damit sicher kein Problem. Sie bekam 2020 das Bundesverdienstkreuz zusammen mit dem Virologen Christian Drosten.

Die Wissenschaftsjournalistin wirkt bei Funk, dem Online-Angebot von ARD und ZDF, und moderierte „Quarks“ im WDR sowie „Terra X“ im ZDF. In der DDR, in der ich aufgewachsen bin, war es übrigens auch üblich, einander kritiklos wertlose Blechorden anzuheften. Journalisten und Politiker bildeten eine eigene Kaste, in der Claqueure gern gesehen waren. Wo das endete, ist allseits bekannt.

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