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Kanzowstraße
Gegenüber meiner Wohnung in der Kanzowstraße steht eine grüne Pumpe. Jemand aus der Nachbarschaft hat einen Eimer daruntergestellt. Wer, weiß ich bis heute nicht. Morgens sitzen Vögel auf dem Rand. Einmal, spät am Abend, trank dort ein Fuchs und beachtete mich nicht weiter.
Dieser Eimer steht in keinem Plan. Niemand hat ihn bestellt, niemand kümmert sich um ihn. Er ist da, weil irgendwann jemand den Schwengel bewegt und gedacht hat, das Wasser könnte noch jemandem nützen. Genau so funktionieren diese Pumpen: Von allein geben sie nichts. Es braucht eine Hand.
Standorte der Schwengelpumpen in Berlin
Ein Netz, auf das niemand mehr schaut
Die schönsten gehen auf einen Wettbewerb zurück, den die Stadt 1890 ausschrieb. Der Siegerentwurf von Otto Stahn wurde in Lauchhammer gegossen und zwischen 1894 und 1897 aufgestellt. Zehn stehen heute auf der Denkmalliste.
Die anderen sind nüchterner. Nach dem Mauerbau stattete sich West-Berlin mit einem kompakten, schmucklosen Modell aus: den Rümmlerpumpen. Sie sollten Wasser liefern, falls das Netz ausfällt, ausdrücklich auch „für den Verteidigungsfall“, wie es im Gesetz heißt. 1990 gab es im Westen 1600 davon, im Osten 400. Seit 2025 geht ihre Pflege schrittweise an die Berliner Wasserbetriebe über. Eine öffentliche Karte, die zeigt, welche davon funktionieren, gibt es trotzdem nicht.
Ein Netz für den schlimmsten Fall also, das in Friedenszeiten Hunde tränkt, Gießkannen für die Baumscheiben füllt und im Sommer Kinder spielen lässt. Trinkwasser ist es nicht, das steht dran, manchmal auch auf Türkisch. Kostbar ist es trotzdem.
„Corpus Delicti“-Darsteller Alexander Fehling: „Das ist die Quelle aller Katastrophen“
Der Stadtführer muss es wissen: Das braucht Berlin, um wieder attraktiver zu werden
Station 10
In Prenzlauer Berg trank eines Morgens eine Krähe aus dem Becken, gerade als ich mein Handy zückte. Sie ließ sich Zeit. Ich auch.
An einem anderen Tag blieb ein Mann stehen, während ich eine Pumpe prüfte, neugierig auf mein Liegerad. Wir sprachen über das Rad, dann über die Pumpe, dann über seinen Kiez. Vor einer Laterne spricht man keinen Fremden an. Vor einer Pumpe schon.
Station 92
Ende August nahm mich mog61, ein Verein aus Kreuzberg, zu einer Pumpe in ihrer Straße mit. Sie erzählten mir von Klaus. Klaus kümmerte sich um die Beete im Kiez. Jeden Freitag im Sommer traf man sich an dieser Pumpe: Man pumpte das Wasser, das die Pflanzen brauchten, stellte Tische auf, teilte Essen und Getränke.
Klaus ist tot. Die Pumpe ist kaputt. Aber der Kiez lebt.
Besonders schönes Exemplar am Winterfeldtplatz in Schöneberg
© Schöning/imago
Station 44
Ein paar Wochen später hinterließ jemand, den ich nie kennen werde, an einer anderen Kreuzberger Pumpe diese Zeilen: „Vor ein paar Jahren ging diese Pumpe noch. Ich habe sie oft benutzt, um Wasser für ein Beet zu holen, das ich in der Nähe angelegt habe, um die Grundschule hier zu verschönern.“
Zwei kaputte Pumpen, zwei Gärten, zwei Menschen, die sich vermutlich nie begegnet sind. Da habe ich verstanden, dass ich keine gusseisernen Objekte verzeichne. Ich verzeichne Gesten.
Station 17
Nicht alle sind so rührend. In Friedrichshain fand ich eine Notpumpe, gesichert mit Kette und Vorhängeschloss. Ich habe mich gefragt, wer den Schlüssel hat. Im Katastrophenfall muss man dann wohl auch noch einen Schlüsseldienst finden. Eine andere steht auf einem Schulhof, hinter einem Zaun. Vielleicht funktioniert sie. Prüfen kann es niemand.
Schon 2009 stellte das Notfallkonzept der Stadt fest, dass für die Trinkwassernotversorgung tausend Brunnen fehlen. Heute führt die einzige öffentliche Karte, die zeigt, welche Pumpen noch Wasser geben, ein Pariser auf einem Liegerad, der beruflich Videospiele testet. Ob das beruhigend ist, weiß ich nicht. Ich musste lachen. Und dann wollte ich weitermachen.
Was ich gezählt habe
Von den 1968 Pumpen, die OpenStreetMap verzeichnet, habe ich 131 gesehen. Bei 86 lief Wasser. Bei 41 kam nichts. Vier waren nicht auffindbar. In Prenzlauer Berg, wo ich wohne, habe ich 41 von 44 geprüft. Kreuzberg hat mit 96 die höchste Dichte der Stadt, 33 davon sind geprüft. In den meisten der 92 Ortsteile war noch niemand unterwegs.
Für die ganze Stadt lässt sich daraus nichts ableiten. Ich bin vor allem dort gelaufen, wo ich lebe, und nur im Sommer. Jedes Ergebnis hängt außerdem an meinem Arm: Wer nach zehn Zügen am Schwengel aufgibt, notiert vielleicht ein Nein, wo ein Ja gewesen wäre. Eine verschwundene Pumpe ist manchmal nur in Reparatur. Und im Vergleich zum offiziellen Verzeichnis fehlen auf meiner Liste noch rund hundert.
Schwengelpumpe in einem Wohngebiet in Marzahn: Aufs Wesentliche reduziert.
© Sabine Gudath/imago
Es geht aber auch kunstvoll …
© Steinach/imago
Wie ich vorgehe
Um mich in zweitausend Objekten nicht zu verlieren, habe ich eine kleine Karte gebaut, Quellcode. Kostenlos, ohne Konto, ohne Werbung. Wer vor einer Pumpe steht, kann melden, ob Wasser läuft, und ein Foto oder eine Geschichte hinterlassen. Sie spricht fünf Sprachen, darunter Türkisch, weil die Stadt es schon vor mir auf die Schilder geschrieben hat. Die meisten Ortsteile haben ein paar Dutzend Pumpen: eine Person, ein Wochenende.
Der Eimer
Ich denke oft an den Eimer in der Kanzowstraße. Auch das ist eine Stadt: ein Netz, das ohne Hände nichts gibt. Wenn Sie eine Pumpe kennen, unter die jemand einen Eimer gestellt hat, würde ich gern davon hören.
Julien Le Tyrant, geboren in Paris, lebt seit bald zehn Jahren in Prenzlauer Berg. Er ist studierter Ozeanograf.
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