Man muss auch mal Danke sagen. Deswegen gibt es das Bundesverdienstkreuz. Es ist eine wunderbare Einrichtung der gegenseitigen Versicherung. Der Staat bedankt sich bei Bürgern, die sich um den Staat verdient gemacht haben, indem er ihnen etwas vom Staat verleiht.
Am Montag waren wieder 21 Auserwählte an der Reihe. Unter ihnen die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman, die mit ihrem Enkel Aron Goodman auf TikTok junge Menschen über den Holocaust aufklärt. An dieser Stelle erübrigt sich jede Ironie, hier geht es um echte Würde und das Gedenken an das Unvorstellbare.
Doch dann wandert der Blick weiter auf der Liste und trifft auf Herfried Münkler, Ruprecht Polenz, Marina Weisband und Annette Dittert. Hier verlässt man das Feld der Würde und betritt das Hauptstadtbiotop des betreuten Denkens.
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Talkshow-Gästeliste deckungsgleich mit Preisträgern
Nicht dass man diesen Menschen jedes Verdienst absprechen müsste. Münkler ist ein zweifellos fleißiger Politikwissenschaftler mit dem Output einer mittelgroßen KI. Polenz war CDU-Generalsekretär und steht heute als unermüdlicher Wachmann an der Brandmauer, das Smartphone stets griffbereit. Weisband bringt Schülern per App die Demokratie bei, und Dittert hat uns fast zwei Jahrzehnte lang für die ARD aus London vorgeführt, wie irre die Briten sind. Das war Auslandsberichterstattung mit eingebautem Gefühl der Überlegenheit. Alles ehrenwert, alles hochfrequent in Talkshows vertreten.
Trotzdem darf man fragen, warum der Staat genau diese Menschen mit einem seiner höchsten Orden auszeichnet. Wer bestimmt hier eigentlich, wer die „Guten“ sind? Wenn die Auswahlkriterien so deckungsgleich mit denen der Gästeliste von „Maybrit Illner“ sind, könnte man die Veranstaltung auch weglassen und jedem, der lange genug im politischen Berlin unterwegs war, automatisch ein Kreuz zuschicken. Porto zahlt der Bund.
Erste Hilfe für die Demokratie
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte in seiner gewohnt staatstragenden Diktion, die Geehrten hätten dazu beigetragen, „dass die Demokratie in unserem Land lebendig werden konnte, lebendig ist und lebendig bleibt“. Das klingt gut, fast schon nach Reanimation. Drei Zeitformen für einen einzigen Patienten: Er wurde wiederbelebt, er atmet, und er soll bitte nicht wieder umkippen.
Demokratie muss heutzutage offenbar ständig beatmet werden. Vermutlich ist sie ein empfindliches, fast schon hysterisches Wesen, das permanent geschützt, gestärkt, verteidigt und vor allem erklärt werden muss. Dabei gibt es die Profis, die wissen, wie der Hase läuft, und das gemeine Volk, dem man den Lauf der Welt in leicht verdaulichen Häppchen servieren muss.
Ostdeutschland auf der Couch der Nation
Besonders gut kennt man dieses Verfahren in Ostdeutschland. Seit Jahrzehnten versuchen Politiker, Journalisten und Wissenschaftler wie Münkler herauszufinden, warum die Menschen dort so seltsame Dinge tun: anders wählen, anders über Russland denken, Institutionen misstrauen.
Es gibt dazu inzwischen wahrscheinlich mehr soziologische Untersuchungen als tatsächliche Ostdeutsche. Eine Frage taucht dabei seltener auf: Was, wenn die Leute nicht deshalb misstrauisch sind, weil mit ihrem psychischen Haushalt etwas nicht stimmt? Was, wenn sie gelegentlich einen handfesten Grund haben? Keine Sorge, das bedeutet nicht, dass der Bürger immer recht hat.
Auch er besitzt das unveräußerliche Menschenrecht, hanebüchenen Unsinn zu reden. Aber man könnte ihn wenigstens beim Wort nehmen, statt ihn sofort auf die Couch der Nation zu legen.
Vielfalt, solange es nicht zu kompliziert wird
Auch Ruprecht Polenz spricht gerne über verlorenes Vertrauen und darüber, dass eine Demokratie unterschiedliche Interessen aushalten müsse. Dagegen lässt sich schwerlich etwas einwenden. Es wäre lediglich interessant zu erfahren, wie unterschiedlich diese Interessen in der Welt von Herrn Polenz eigentlich sein dürfen.
Deutschland liebt die Vielfalt, solange sie sich auf die Auswahl beim Inder oder die Farbe der Socken bezieht. Bei der Haltung zur Nato oder der Ukraine-Strategie wird aus der geforderten Vielfalt schnell eine „komplizierte Frage“, die man lieber den Experten überlässt. Wer ausschert, braucht eine Nachschulung.
Der freie Geist braucht keine Dekoration
Und dann ist da Herfried Münkler. Ein kluger Mann, gewiss. Aber braucht ein politischer Intellektueller eigentlich einen Orden vom Staat? Man könnte meinen, dass zwischen einem freien Geist und staatlichem Lametta eine gewisse natürliche Distanz bestehen sollte.
Nicht weil der Staat böse wäre, sondern weil der Intellektuelle eigentlich dazu da ist, der Macht auf die Finger zu schauen, statt sich von ihr die Brust dekorieren zu lassen.
Wir leben mittlerweile in einem Land, in dem eine Militärallianz mit einem Friedenspreis ausgezeichnet wird. In diese Welt der totalen logischen Flexibilität fügt sich die Bundesverdienstkreuzverleihung nahtlos ein.
Oft ist es ein Milieu, in dem man sich gegenseitig Orden verleiht, auf denselben Podien sitzt, dieselben Zeitungen liest und einander versichert, wie wichtig der Dialog mit den „anderen“ sei, während man die Tür zum Salon fest verriegelt hat.
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Ein radikaler Vorschlag zum Abschied
Frank-Walter Steinmeiers Amtszeit nähert sich zum Glück dem Ende, eine dritte verbietet das Grundgesetz. Es waren Jahre der gepflegten Betroffenheit und der unermüdlichen Mahnung. Seinem Nachfolger könnte man für künftige Ordensverleihungen ein kleines, fast schon subversives Experiment empfehlen: einmal jemanden auszeichnen, bei dessen Namen im politischen Berlin nicht sofort alle „Sehr verdient!“ raunen.
Einmal jemanden, über den man sich im Schloss Bellevue so richtig ärgert. Einen echten Zweifler. Einen Menschen, der nicht „abgeholt“ werden möchte, weil er gar nicht erst in den Bus der staatlichen Einmütigkeit eingestiegen ist. Oder, noch radikaler: ganz auf Auszeichnungen verzichten. Ein wirklich freier Geist wird es verkraften, kein Metall am Revers zu tragen.
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