Peter Hegemann hat jetzt noch einmal erzählt, wie er zum Nobelpreisträger wurde. Wie er, der Professor an der Humboldt-Universität Berlin am Montagvormittag davon erfuhr. „Das Komitee rief natürlich in meinem Labor an, aber ich war zuhause.“ Seine Sekretärin befand sich im Urlaub. Die Leute von der Nobelversammlung in Stockholm schrieben also eine Mail, baten um Rückruf: „Ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen.“ Der Absender machte es dringlich.
Kann ja sonst wer sein, dachte der 71 Jahre alte Biophysiker, ging erst einmal duschen, schaute sich danach aber die Telefonnummer in der Mail genauer an, eine schwedische Vorwahl – da begann es langsam in ihm zu dämmern.
Peter Hegemann hat die Geschichte an diesem Mittwoch erzählt, im Hauptgebäude der HU in Mitte. Im ersten Stock, wo lauter Berühmtheiten der traditionsreichen Universität gerahmt an den Wänden hängen. Zu denen darf sich der gebürtige Münsteraner nun selbst rechnen. Zusammen mit seinen Kollegen Georg Nagel aus Würzburg und Karl Deisseroth von der Universität Stanford in den USA wurde der Neurowissenschaftler für die Grundlagenforschung zur Optogenetik ausgezeichnet.
Hegemann: Noch keine Idee, was er dem Preisgeld macht
Mit einem Preisgeld von umgerechnet mehr als einer Million Euro ist der Nobelpreis dotiert, das sich die drei Wissenschaftler nun teilen. Was Hegemann mit dem vielen Geld anfangen wird, wurde er gefragt. „Das habe ich mir noch nicht überlegt“, hat er geantwortet. Zu groß war der Trubel der vergangenen Tage, der inzwischen jedoch abklingt.
Hegemann, Nagel und Deisseroth haben Medizingeschichte geschrieben, das gilt es für die Nobelpreisträger offenbar erst einmal zu verinnerlichen. Sie entwickelten mit Hilfe der Grünalge eine Technik, mit der sich einzelne Nervenzellen gezielt per Lichtimpuls an- und ausschalten lassen.
Die Methode eröffnet Perspektiven für Patienten, die an neurologischen Erkrankungen leiden. Die Jury sprach vom Beginn einer neuen Ära. Forschern hilft das Verfahren, bestimmte Erkrankungen besser zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln. Es wird bereits erprobt, um erblindeten Menschen einen Teil ihres Sehvermögens zurückzugeben. „Sie können zwar nicht lesen, aber Gegenstände erkennen und sich in einer Umgebung orientieren“, sagt Hegemann. „Das ist schon mal ein hoher Gewinn an Lebensqualität.“
Hoffnung für Menschen mit Hörschaden
In absehbarer Zeit könnte die Entdeckung auch Menschen mit einem Hörschaden zugute kommen, könnte tauben Patienten die Hörfähigkeit zurückgeben. „Das wird heute rein elektrisch gemacht, möglicherweise ist die Optik dafür wesentlich besser geeignet.“ Hegemann befürchtet allerdings, dass es für eine neue Methode schwierig wird, sich gegen eine über drei Jahrzehnte etablierte Technik durchzusetzen, in Deutschland zumal.
Mut brauchen Wissenschaftler deshalb, wenn sie eine weitreichende Entdeckung machen wollen, sagt der Berliner Wissenschaftler. Und Vertrauen. Das Vertrauen der Geldgeber, ohne die ein Projekt nicht zu realisieren sei. Aber auch die Unterstützung einer Universität und der Mitarbeiter, denn Forschung bedeute auch Scheitern, die Möglichkeit jedenfalls, dass nicht das am Ende dabei herauskommt, was am Anfang erhofft wurde.
Medizin-Nobelpreis für Berliner Professor Peter Hegemann: Wie eine Grünalge die Hirnforschung veränderte
Geduld sei von allen Seiten nötig und Deutschland ein guter Standort für Grundlagenforschung, sagt der Nobelpreisträger. Allerdings sieht er die USA und Japan bei der Umsetzung der in der Forschung gewonnenen Erkenntnisse um einige Jahre voraus. „Wir brauchen Umsetzung“, fordert Hegemann am Mittwoch im Hauptgebäude der HU.
Immerhin: Berlin erhält einen Neubau, in dem zu Optobiologie geforscht werden soll. Auf dem Campus Nord der Humboldt-Universität in Berlin-Mitte wird er entstehen. Das Gelände liegt direkt neben dem Campus der Charité, einem geplanten Laborgebäude der Max-Planck-Gesellschaft und dem Berliner Institut für Systembiologie.
Hegemann war nach Angaben der Senatsverwaltung für Wissenschaft maßgeblich am Antrag für den Bau beteiligt. Die Gesamtkosten werden momentan mit 81,2 Millionen Euro veranschlagt. Der Bund übernimmt davon 33,8 Millionen Euro. „Wir freuen uns natürlich darüber, dass es dann doch gelungen ist nach 14 Jahren Vorbereitung“, sagt Hegemann. „In Berlin braucht man bei solchen Themen einen besonders langen Atem.“
Anruf in Stockholm nach dem Duschen
Was seine Forschung angeht, hat Hegemann diesen langen Atem bewiesen. Das hat dem Forscher jetzt zu höchsten wissenschaftlichen Ehren verholfen. Und auch am Montag, dem Tag der Bekanntgabe, hat er es nicht bei dem ersten Impuls belassen, als er die Mail zunächst ignorierte. Nach dem Duschen rief Hegemann die schwedische Nummer zurück, hörte seinen Namen und die seiner Kollegen. Und als er schließlich die Livebilder aus Stockholm sah, den Vertreter der Nobelversammlung Thomas Perlmann, war klar: Es handelte sich nicht um Betrug, nicht um einen Scherz. Der Nobelpreis für ihn war real.
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