Insolvenzen

Jetzt schließen in Ostdeutschland ganze Werke: „Diese Jobs kommen nicht zurück“

Insolvenzverwalter warnen: Im Osten finden selbst große Industriewerke immer schwerer Käufer. Dann verschwinden Jobs und Standorte dauerhaft.

Katharina Erschov
Katharina Erschov
5 Min
Autozulieferer Boryszew in Gardelegen, Sachsen-Anhalt, steht vor dem Aus.

Autozulieferer Boryszew in Gardelegen, Sachsen-Anhalt, steht vor dem Aus.

© Eckehard Schulz

Im Osten verschwinden derzeit Hunderte Industriearbeitsplätze. Insolvenzverwalter warnen inzwischen, dass viele davon dauerhaft verloren sein könnten. Allein in Gardelegen und Harzgerode in Sachsen-Anhalt stehen durch zwei gescheiterte beziehungsweise scheiternde Sanierungen mehr als 1000 Jobs auf dem Spiel.

Dabei sieht die Insolvenzstatistik für Ostdeutschland auf den ersten Blick sogar besser aus. Nach Berechnungen der Berliner Zeitung auf Grundlage von Destatis-Daten wurden von Januar bis Juli 2026 einschließlich Berlin 3,6 Prozent weniger Unternehmensinsolvenzen registriert als im Vorjahreszeitraum.

Doch dieser Rückgang geht vor allem auf Berlin zurück: Dort sank die Zahl der Verfahren um rund 14 Prozent. Ohne die Hauptstadt stiegen die Unternehmensinsolvenzen in den fünf ostdeutschen Flächenländern dagegen um 5,1 Prozent.

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Anchor-Experten: Im Osten kann eine Insolvenz eine ganze Region schwächen

Auf Nachfrage dieser Zeitung sagen zwei Insolvenzexperten der Kanzlei Anchor, dass die Statistik darüber hinwegtäuschen könne, wie tief einzelne Insolvenzen vor allem in Ostdeutschland ganze Regionen treffen. Besonders problematisch sei es, wenn ein Unternehmen zu den wenigen größeren Arbeitgebern vor Ort gehört und Ersatzarbeitsplätze fehlen.

Eine fatale Kettenreaktion zeigt sich gerade in Gardelegen in Sachsen-Anhalt. Dort sitzt die Boryszew Kunststofftechnik Deutschland GmbH. Der Autozulieferer stellt Kunststoffteile unter anderem für die Fahrzeugindustrie her und beschäftigte am Standort in Sachsen-Anhalt zuletzt rund 330 Menschen. Vom Hauptkunden Volkswagen kämen keine Aufträge, heißt es aus dem Unternehmen. Im März 2025 meldete das Unternehmen Insolvenz an. Die Produktion lief zunächst weiter, Insolvenzverwalter Silvio Höfer von der Anchor-Kanzlei suchte nach einem Investor.

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Etwas über 100 Kilometer weiter kam Ende September die Ansage von Bohai-Automotive in Harzgerode, sein Werk zum 31. Januar 2027 schließen zu wollen. Auch das kostet die Region rund 550 Jobs. Mitgerissen werden die Schlote-Standorte in Harzgerode und Wernigerode mit weiteren rund 180 Beschäftigten, weil Bohai als Auftraggeber wegfällt. Der Bürgermeister spricht von der „größtmöglichen Katastrophe“ für den Harz. In Harzgerode endet damit zudem eine über 150-jährige Industriegeschichte.

Die Fälle zeigen, warum die reine Zahl der Verfahren wenig darüber aussagt, wie hart eine Insolvenz eine Region trifft. Schließlich geht ein Werk mit hundert Beschäftigten genauso in die Statistik ein wie die Insolvenz eines kleineren Betriebs. Besonders in Regionen mit wenigen großen Arbeitgebern können die Folgen verheerend sein.

Überalterte Belegschaften erschweren Übernahmen durch Käufer

In seiner Praxis beobachtet Insolvenzverwalter Silvio Höfer außerdem, dass sich für insolvente Industriebetriebe in strukturschwachen Regionen immer häufiger keine Käufer mehr fänden. Arbeitsplätze würden so dauerhaft verschwinden. „Diese Industriearbeitsplätze kommen nicht zurück“, sagt Höfer im Gespräch mit der Berliner Zeitung.

Schon heute treffe Höfer in klassischen Produktionsunternehmen im Osten auf überalterte Belegschaften, in denen ein Durchschnittsalter von mehr als 50 Jahren keine Seltenheit mehr sei, so der Anwalt. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt lag Ende 2025 bei 48,4 Jahren und damit 3,4 Jahre über dem Bundesdurchschnitt.

Mögliche Käufer schauten aber auch darauf, ob an einem Standort auch noch genügend qualifizierte Beschäftigte in fünf oder zehn Jahren vorhanden seien. Es sei nicht nur der Fachkräftemangel, der die Unternehmen belaste – auch die Belegschaftsstruktur könne darüber entscheiden, ob ein insolventes Unternehmen überhaupt einen Käufer findet.

Ostdeutschen Unternehmen fehle „Fleisch am Knochen“

Gemeinsam mit der Berliner Restrukturierungsanwältin Nicole Riedemann beobachtet er einen Unterschied zwischen vielen ost- und westdeutschen Mittelständlern, der zunächst wenig mit der aktuellen Konjunktur zu tun hat: ihre historisch gewachsene Kapitaldecke.

Westdeutsche Familienunternehmen hätten teilweise 70, 80 oder mehr Jahre Zeit gehabt, Vermögen aufzubauen und dieses über Generationen weiterzugeben. Viele ostdeutsche Unternehmen hätten dafür allerdings nur die gut 35 Jahre seit der Wende gehabt. „Da fehlt Fleisch am Knochen“, sagt Höfer.

Auf „das Fleisch“ komme es aber an, wenn ein Unternehmen zusätzliches Geld benötigt. In einer Krise schauen Banken und andere Gläubiger häufig zuerst darauf, ob die Eigentümer selbst weiteres Kapital zur Verfügung stellen können. „Fehlen solche Reserven, schrumpft auch der Handlungsspielraum.“

Der Anwalt rechnet auch nicht mehr damit, dass sich die Kapitalstruktur der Unternehmen in Zukunft merklich verbessert. Es werde jetzt eher darum gehen, die Krise durchzustehen. „Wegen geringerer Kapitalpolster müssten ostdeutsche Mittelständler noch früher restrukturieren, reagierten in der Praxis aber häufig – wie im Westen übrigens auch – erst dann, wenn aus einer strategischen Krise bereits ein Liquiditätsproblem geworden sei“, erklärt Höfer.

„Wenn Industrie abzieht, kommt sie nicht so schnell wieder“

Für die Rechtsexperten unterschlagen die jüngsten Zahlen aus der Insolvenzstatistik, dass eine einzelne gescheiterte Industriesanierung in Gardelegen oder im Harz etwas anderes bedeutet als die Insolvenz eines leicht ersetzbaren Betriebs in einem großen Ballungsraum.

In einem Ballungsraum kann ein geschlossener Produktionsbetrieb zumindest teilweise durch andere Arbeitgeber ersetzt werden. In vielen ostdeutschen Regionen gibt es dagegen nur wenige große Industrieunternehmen in unmittelbarer Umgebung. Fällt eines weg, verschwindet nicht nur ein Arbeitgeber, sondern das wirtschaftliche Rückgrat eines ganzen Standortes.

Eine Unternehmensinsolvenz löse eine Kette von Folgeproblemen aus, beschreibt Riedemann. Beschäftigte suchen Arbeit in anderen Regionen und jüngere Fach- und Arbeitskräfte wandern ab. Zulieferer verlieren Kunden. Von Jahr zu Jahr werde es schwieriger, dort andere Unternehmen anzusiedeln. „Wenn Industrie sich erst einmal abzieht, wird es schwierig. Die kommt nicht so schnell wieder“, sagt auch die Geschäftsführerin der Kanzlei Nicole Riedemann.

Das größte Problem sehen die Juristen in einem paradoxen Strukturwandel: Der Osten zieht Milliardeninvestitionen in Halbleiter, Batterien und andere Zukunftsbranchen an – zugleich verschwinden alte Industriestandorte, bevor die neuen Ansiedlungen die entstandenen Lücken schließen können.

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