Anfang der 1980er-Jahre stieg Harald Hauswald durch eine offene Dachbodentür ins Kaufhaus des Ostens und fotografierte, was von dem legendären Passage-Kaufhaus noch stand. Kurz darauf wurde es gesprengt und abgerissen. Nach der Wende besetzten Künstler einen Teil der Ruine und machten das Tacheles zum Symbol für ein wildes, ungelecktes Berlin. Heute stehen auf dem Areal Luxuswohnungen und Gewerbeflächen, und im Tacheles-Gebäude residiert das Fotografiska. Dort stellt der Fotograf nun seinen neuen Bildband „KaDeO“ vor, der Ruinenbilder von damals mit Porträts von Menschen aus Ost-Berlin zusammenbringt. Hauswald zuckt mit den Schultern: Wenn nicht dort, wo sonst? Im Interview erzählt er, warum seine Bilder beim Vergessen stören, wie die Stasi ihm auf den Fersen war und woran er ein gutes Foto erkennt.
Herr Hauswald, Sie werden als Chronist der DDR beschrieben. Verstehen Sie sich so?
Na ja. Als irgendwas muss man sich ja verstehen.
Von welcher DDR denn?
Na, von der einzigen, die wir hatten.
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Es gibt aber doch verschiedene Perspektiven auf die DDR: die des Verfalls oder die DDR des Sozialismus, der besseren Welt.
An so was haben wir gar nicht gedacht. Wir kannten nichts anderes. Der Verfall war gegenwärtig, aber er hat nicht so gestört. Wir konnten nicht vergleichen.
Man hat Ihnen unterstellt, dass Sie ein Bild der DDR konstruieren, das systemfeindlich ist.
Das stand in einem Gutachten des Kulturministeriums. In meiner Stasi-Akte werden die Bilder eigentlich so interpretiert, wie ich sie gemeint habe.
Nämlich?
Eins meiner Fotos zeigte zum Beispiel ein Kind auf einem Berliner Hinterhof, da hieß es: „Ostberliner Slum“. Als Slum habe ich es nicht empfunden, aber als Dreckecke schon. Ich hab in der Kastanienallee 11 gewohnt, auf dem Hinterhof wurden Schuppen und Mauern abgerissen und der Bauschutt blieb einfach liegen.
Der Fotograf
Buch: Harald Hauswald: KaDeO. Kaufhaus des Ostens – Gesichter eingefangen. Mit Vorworten von Harald Hauswald und Gudrun Hauswald sowie Grußworten von Jan Josef Liefers und Anna Loos. Deutsch/Englisch, 112 Seiten, 38 Euro
Buchpremiere: 28.10., 19 Uhr, Fotografiska (Oranienburger Str. 54). Karten unter: berlin.fotografiska.com
Wollten Sie das mit Ihren Bildern anklagen oder beschreiben?
Ich wollte schon eine Art Gegenbild bauen zu dem, was man im Neuen Deutschland gesehen hat. Honecker hat die millionste Wohnung in Marzahn eingeweiht und in Prenzlauer Berg krachten die Balkone von der Wand.
Wenn man Ihre Bilder anschaut, denkt man, Ihnen gefällt der Verfall.
Der Verfall hat eine Ästhetik, klar. Das ist schon fotografierenswert.
Aber auch Leute.
Die Leute waren toll. Auch wenn das eine Zwangsgemeinschaft war, die unter einer Käseglocke gelebt hat. Man hat sich gegenseitig geholfen und war aufeinander angewiesen. Es gab damals zwar auch das Recht am eigenen Bild, aber das hat niemanden interessiert. Es gab keine Boulevardpresse und die Bilder wurden ohnehin zensiert. Im Gegensatz zu heute konnte niemand durch ein Foto denunziert werden. Den Rest der Welt kannten wir nicht. Jetzt kennen wir ihn und daran verzweifeln viele, denn er ist ein bisschen anders als die DDR.
Was daran lässt die Leute verzweifeln?
In der DDR hatte man keine Sorgen um das Überleben. Das Leben war billig, und es gab immer die Möglichkeit, irgendwo Geld zu verdienen. Viele haben sich am Händchen durch das Leben führen lassen und müssen heute selber laufen.
Harald Hauswald: „Viele haben sich am Händchen durch das Leben führen lassen und müssen heute selber laufen.“
© Harald Hauswald
Warum sind Sie eigentlich 1978 von Radebeul nach Berlin gezogen?
Wegen einer Frau, der Mutter meiner Tochter. Sie hat den Kleinstadtmief nicht mehr ausgehalten und mich vor die Alternative gestellt. Ich kannte Berlin. Mein Bruder hat dort 1968 angefangen zu studieren und ich bin oft hingetrampt. Als der Großvater meiner Freundin starb, sind wir mit dem Kinderwagen in den Zug gestiegen und schnell in die Wohnung in der Winsstraße eingezogen. Eigentlich haben wir sie besetzt. Gearbeitet habe ich dann als Telegrammbote, denn einen Job brauchte man, sonst galt man als asozial.
Das war ein geiler Job, denn als Telegrammbote brauchte man keinen Arbeitsvertrag, man hat auf Honorarbasis gearbeitet. Man ist einfach hingegangen, hat sich 20 Telegramme geholt, die innerhalb von vier Stunden zugestellt werden mussten. Offiziell war man mit einem Postfahrrad unterwegs, aber die waren alle geklaut worden. Also ging man zu Fuß.
Warum wollten Sie keinen Arbeitsvertrag?
Ich habe ja geguckt, dass ich einen Job als Fotograf finde. Und wenn man einen Arbeitsvertrag hatte, hatte man auch eine Kündigungsfrist, aber ich wollte jederzeit woanders anfangen können. Telegramme auszutragen war für mich bezahltes Fotografieren. Ich hatte immer die Knipse dabei und ging zu Fuß durch den ganzen Prenzlauer Berg. Und ich habe Freunde gefunden, zum Beispiel den Schriftsteller Peter Wawerzinek und den Maler Gerd Sonntag, die waren alle Telegrammboten.
Meine Freundin kannte sich in der Berliner Szene ganz gut aus, und so sind wir bald zu einer privaten Wohnungslesung gegangen, bei der ich Lutz Rathenow kennengelernt habe. Wir haben uns dann öfter getroffen, ich habe ihm Bilder gezeigt und er meinte, er probiert mal was. Und dann war meine erste Veröffentlichung in der taz. Danach war der Weg vorgegeben.
War Ihnen das egal, sich alle offiziellen Chancen in der DDR zu vergeben?
Ich hatte nichts dagegen. Meine Bilder hatten sowieso keine Chance, in der DDR veröffentlicht zu werden, obwohl ich in der DDR 50 Ausstellungen hatte, alle in Kirchen oder Jugendklubs, außerhalb der Zensur. Ich habe auch bei Eppelmann in der Kirche meine Fotos gezeigt. Obwohl ich Atheist war, habe ich den Freiraum der Kirche genutzt. Da konnte man sprechen, wie einem der Mund gewachsen ist. Und 50 Mark West für eine Veröffentlichung in der taz war ja nicht schlecht.
Harald Hauswald: „Der Verfall war gegenwärtig, aber er hat nicht so gestört.“
© Harald Hauswald
Aber ein Foto in der taz, das war doch ein Schritt!
Ich habe mich eingesperrt gefühlt in dem Land. Druck erzeugt Gegendruck. Die Veröffentlichung war eine Art Befreiungsschlag.
War es Widerstand?
Schon, klar. Ich fand auch die Punks so mutig. Die haben es äußerlich gezeigt, dass sie gegen diesen Staat waren. Ich habe es auch versucht.
Mit den langen Haaren?
Genau. Und da hat man die tollsten Sachen erlebt auf der Straße. Sprüche wie: „Den hat man bei Adolf wohl vergessen zu vergasen.“
Das war im Westen nicht anders.
Aber das wusste ich damals nicht, das habe ich erst später begriffen. Einen Freund von mir haben die Bullen in Dresden auf dem Postplatz an die Käseglocke gestellt, ein Bulle hat ein Taschenmesser gezogen und dann haben sie ihm die Haare abgesägt. Und die Leute haben danebengestanden und Beifall geklatscht.
Für die Abschlussprüfung in der zehnten Klasse musste ich mir die Haare abschneiden, sonst hätten sie mich nicht zugelassen. Ich habe mir einen Zentimeter abschneiden lassen und in Zeitungspapier eingewickelt. Damit bin ich vor die Prüfungskommission getreten: Reicht das? – Es hat gereicht.
Es gab so Schlüsselmomente. Ich habe zum Beispiel lange überlegt, ob ich meinen Staatskundelehrer fragen soll, warum zum Mauerbau am 13. August die Kampfgruppen dem Klassenfeind den Rücken zudrehen vor dem Brandenburger Tor. Das war ein Foto in unseren Schulbüchern. Und er hat nur gesagt: „So, wir kommen jetzt zu den Hausaufgaben.“ Es hätte auch ein Schulverweis sein können.
Harald Hauswald: „Man hat sich gegenseitig geholfen und war aufeinander angewiesen.“
© Harald Hauswald
Gibt es noch mehr solche Erlebnisse?
Eins hatte ich bei der Armee. Mich haben sie genau an meinem 19. Geburtstag gezogen, am 3. Mai 1973. Ich bin mit langen Haaren dahin, dann ging es im Laufschritt zum Friseur und ich saß heulend vorm Spiegel beim Schneiden. Später kam im Kino „Hart am Wind“, ein Film über Marinekadetten an ihrem ersten Tag bei der NVA. Da kam der Kompaniechef mit einem Strauß Blumen, weil einer von den Kadetten Geburtstag hatte. Ich habe gewartet, bis um zehn das Licht ausging. Aber es kam keiner mit Blumen. Da dachte ich: Aha.
Sie kommen aus einer Handwerkerfamilie, die meisten Handwerker standen der DDR kritisch gegenüber, oder?
Ja, denn denen haben sie es schwer gemacht. Mein Vater hatte zu tun, dass er sein Material zusammenkriegt, Fotopapier, die Chemie, eine Trockenpresse. Das war nicht einfach. Die haben alle gemeckert.
Scheiß Osten haben die gesagt, oder?
Klar. Ich kann mich erinnern, ich war sieben Jahre alt, als mein Bruder nach Hause gerannt kam und schrie: „Die Schweine haben eine Mauer gebaut.“ Da habe ich noch nicht begriffen, was es bedeutet. Aber bald ging’s los, das Schielen nach Westen, musikmäßig zumindest. Wir hatten einen Plattenring, da gaben wir die raren Westplatten weiter. Ich hatte eine sehr große Sammlung, die nahm ich mit nach Berlin. Da fällt mir eine Geschichte ein, die mit der Berliner Zeitung zu tun hat.
Ach?
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Ich hatte über dem Treppenflur noch eine Küche und ein Zimmer dazubekommen, die man eigentlich nicht vermieten konnte, weil da ein Loch im Fußboden war. Ich habe eine Platte auf den Boden gelegt und dort meine Dunkelkammer eingerichtet. Da klopfte einer an meiner Arbeitsraumtür und behauptete, er käme von der Berliner. Er wollte etwas über den Hirschhof schreiben und brauchte Fotos. Ich hab ihn reingelassen, aber der hat so komisch rumgeeiert, dass ich ihn bald abgewimmelt habe.
Oh, ein Kollege von früher, wie hieß er denn?
Das war kein Kollege von Ihnen, das war fingiert, glaube ich. Jedenfalls habe ich einen Bericht von ihm in meiner Akte gefunden, ich musste laut auflachen, alle guckten mich schief an, da in dem Lesesaal bei der Stasi-Unterlagenbehörde. Der hat geschrieben: Hauswald ist ein unintelligenter Mensch. In seiner Wohnung befinden sich kaum Bücher und er besitzt keine Schallplatten. Der hat gar nicht gemerkt, dass er nicht in meiner Wohnung war, wo meine Bücher und die Schallplatten standen, die große Sammlung aus Radebeul.
Wir wollten über Ihr Buch sprechen. Wie kam es zu den Fotos vom Kaufhaus des Ostens, dem KDO?
Das KDO-Areal ging von der Oranienburger bis zum heutigen Friedrichstadt-Palast. Im heutigen Fotografiska, zwischendurch Tacheles, war das Studiokino Camera. Meine Schwägerin war da Kartenabreißerin und meinte, auf dem Dachboden ist eine Tür offen. Da bin ich reinmarschiert und war einen ganzen Tag auf diesem Areal unterwegs – es war verrückt. Meiner Meinung nach hätten sie die Kuppelhalle erhalten können. Offenbar war die Sanierung zu teuer. Kurz nachdem ich dort drin gewesen war, wurde alles gesprengt und abgerissen. Auf der Brache mit den Trümmern wurden Antikriegsfilme gedreht. Bis vor ein paar Jahren konnte man an der Wand noch den Schriftzug „Nie wieder Krieg!“ lesen – das gehörte zu einer Filmkulisse.
Harald Hauswald: „Im Gegensatz zu heute konnte niemand durch ein Foto denunziert werden.“
© Harald Hauswald
Da haben Sie etwas Unwiederbringliches festgehalten.
Vielleicht war ich der Einzige, der diese Ruinenlandschaft fotografiert hat. Das war ja alles streng abgesperrt. Es war auch hier die Ästhetik des Verfalls, die mich interessierte. Auch das Handwerk. Irgendwer hat diesen Elefanten aus Sandstein gemeißelt, der guckte mich an, da am Durchgang, und ich guckte zurück.
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Wenn die Wende nicht gekommen wäre, würde die ganze DDR heute so aussehen wie diese Ruine. Ich habe noch die Altstadt von Radebeul in Erinnerung, Kötzschenbroda, alles war damals dem Verfall preisgegeben. Es war alles runter und verfallen. Da stand teilweise nur noch das Holz von den Fachwerkhäusern, man konnte durchgucken. Da habe ich meine ersten Bilder gemacht. Heute ist das alles geleckt und schnieke.
Das KDO-Gelände ist ja heute auch schnieke. Es gibt viel Kapitalismuskritik von den Künstlern, die das Tacheles, heute Fotografiska, nach der Wende für sich entdeckt und besetzt hatten. Jetzt ist auf dem Gelände alles durchkommerzialisiert mit Luxuswohnungen und Gewerbe. Ausgerechnet dort wollen Sie Ihr Buch vorstellen?
Wenn nicht dort, wo sonst! Ist ja naheliegend, denn dort habe ich schließlich fotografiert. Und außerdem ist Fotografiska ein Ort für Fotografie. Die Investoren hatten immerhin die Auflage, einen kleinen Teil für Kunst und Kultur zu nutzen. Es passt schon, wenn ich genau an dem Ort die Veränderung sichtbar mache. Der Kurator mag meine Bilder und hat sich gefreut. Für mich ist es eine gute Gelegenheit, meine Fotos zu zeigen und mein Buch anzubieten. Übrigens finde ich meinen Verleger mutig.
Warum?
Die Ästhetik des Verfalls von Architektur und die Spuren des Alters bei Menschen – alles in Schwarzweiß. Es ist nicht unbedingt das, was kommerziellen Erfolg verspricht. Und im Speziellen gibt es Leute, die meine Bilder eher ungern sehen, weil sie sich ihre geschönten DDR-Erinnerungen nicht versauen lassen wollen. Wir haben in Sachsen-Anhalt gesehen, wie die Ostalgie politisch ausgebeutet wird. Meine Bilder stören beim Vergessen. Viele wollen die DDR so im Sinn behalten, dass alles schön war.
Aber so funktioniert das Gehirn, das ist Verdrängung.
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Ja, das funktioniert so gut, dass einem damals nicht bewusst war, dass die Innenstädte von Halberstadt, viele Ecken in Leipzig oder Dresden- Neustadt Ruinenlandschaften waren. Auch das Politische ließ sich gut ausklammern. Mir wurde erst viel später klar, dass die Sowjetunion ein imperialistischer Staat war, der sich die ganzen Länder einverleibt hat. Da war so viel Lug und Trug dabei, Stalin, Millionen Tote, Millionen, die in den Gulags verschwanden. Das scheint alles vergessen.
Haben Sie mal an eine gerechte Gesellschaft geglaubt?
Nee. Es wird immer jemand geben, der vorneweg rennt, und die anderen rennen hinterher. Das Leben der Menschen ist ein Überlebenskampf. Den Gedanken von einer harmonischen Gemeinschaft – das halte ich für eine Illusion. Das gibt es nur bei den Bonobos. Ihr Sozialismus funktioniert über Sex. Wenn es Probleme gibt, bumsen sie, und dann ist es erledigt.
Harald Hauswald: „Die Leute waren toll.“
© Harald Hauswald
Ist es nicht traurig, dass Menschen das nicht schaffen?
Ja, ist es. In der DDR haben sie es angeblich versucht, aber es war von vorneherein Zwang, sonst hätte es keine Mauer gebraucht. Wie lange existiert die Menschheit? Ist es jemals besser gewesen? Eher im Gegenteil.
Waren Sie denn erfolgreich im Überlebenskampf?
Ich habe immer versucht, so viel Geld zu haben, dass es zum Leben reicht. Anhäufen konnte ich nichts. Im Moment habe ich 600 Euro auf dem Konto.
Ist das viel oder wenig?
Für mich ist es ein bisschen knapp. Ich warte gerade auf eine Überweisung, dann fühle ich mich wieder besser. Als Freischaffender ist man gewohnt, dass es mal hoch, mal runter geht. Mein Traum wäre es, wenn jemand mein Archiv kaufen und eine Stiftung gründen würde, in der ich angestellt bin. Und meine Frau am besten auch noch. So richtig reich war ich nur einmal, kurz vor dem Ende der DDR, als ich zum 750. Geburtstag von Berlin einen Auftrag von Geo abgegriffen hatte. Ich bekam anderthalb Jahre Zeit, 200 Filme und 24.000 Westmark. Das Geld wurde über einen West-Berliner Freund auf ein Konto in München auf den Namen seiner Mutter überwiesen. Ich habe mir davon eine Stereoanlage, einen Commodore und vier Objektive zu 4000 DM reinschmuggeln lassen. Das Geld hat bis Mitte der 90er gereicht. In meiner Akte habe ich gelesen, dass mir die Stasi dicht auf den Fersen war, die haben bei den West-Berliner Banken kein Konto gefunden – interessant, dass sie da Einblick hatten. Sie hätten mich dann nicht nur politisch drankriegen können, wegen staatsfeindlicher Hetze, sondern als Kriminellen, wegen Devisenvergehens.
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Warum sind Sie so glimpflich davongekommen?
Durch meine Zusammenarbeit mit Lutz Rathenow war ich immer mit in der Aufmerksamkeit des Westens. Wenn mich die Stasi zum Verhör abgeholt hat, kam das mittags schon im Rias und abends in der Tagesschau. Wer weiß, wie das ohne die Unterstützung der Westmedien ausgegangen wäre. Es drohten mir zwei bis zwölf Jahre Gefängnis, wie ich in meiner Akte gelesen habe. Zum Ende der DDR drehte sich der Wind für mich, ich wurde im Künstlerverband aufgenommen, bekam über den stellvertretenden Kulturminister sogar ein Stipendium für ein Projekt über die Fans von Union, wo der Mann im Vorstand saß. Dafür hätte ich nach Westen zu Hertha reisen dürfen. Aber dann war die Maueröffnung schneller, das Visum war für den 15. November 1989 ausgestellt.
Hat man Sie irgendwann verdächtigt, selbst bei der Stasi zu sein?
Das schwebte beim Fotografieren immer so ein bisschen mit. Ich habe den Bürgerrechtler Gerd Poppe nach der Wende bei einer Gelegenheit direkt gefragt, ob er mich für einen Stasi-IM gehalten habe. Er sagte: „Nein. Dafür sind deine Bilder zu gut.“ Wenn ich bei Veranstaltungen in Kirchen fotografiert habe, bei einer Lesung, einem Punkkonzert oder einer Friedensandacht, bin ich zuerst immer zu jemandem hingegangen, um ihn zu begrüßen. Das sahen die Leute – das war eine vertrauensbildende Maßnahme. Bei den Punks war ich mir nicht so sicher, aber da sagte mir einer von denen viel später, dass ich das schon gemerkt hätte, wenn sie mich für einen Stasi gehalten hätten.
Aha, und woran?
Dann hätte ich was auf die Fresse gekriegt.
Macht Ihnen das Fotografieren heute ohne die DDR-Ruinen dieselbe Freude?
Ja, natürlich. Mir ging es damals nicht nur um den Verfall. Mir geht es hauptsächlich um meine Menschenfotos. Und Menschen finde ich überall auf der Welt.
Woran merken Sie, dass Sie ein gutes Foto gemacht haben?
Ein gutes Foto muss eine Geschichte erzählen, die der Betrachter versteht. Ein Kollege aus dem Künstlerverband der DDR hat es mal so formuliert: „Wenn du ein gutes Foto hast, fühlt es sich an, als ob der liebe Gott dir an die Eier fasst.“
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