Klima-Kipppunkt

Golfstrom vor dem Kipppunkt: Jetzt fürchten Forscher, der Kollaps ist nicht mehr zu stoppen

Golfstrom-Kipppunkt: Neue AMOC-Studien sehen bis zu 23 Prozent Risiko, dass der Kollaps feststeht. Schon bei zwei Grad könnte das System kippen.

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Ein Eisberg zerbricht in der Diskobucht vor Grönland: Schmelzwasser von der Insel gilt als Hauptgrund dafür, dass sich das Golfstrom-System abschwächt.

Ein Eisberg zerbricht in der Diskobucht vor Grönland: Schmelzwasser von der Insel gilt als Hauptgrund dafür, dass sich das Golfstrom-System abschwächt.

© Imago

Bisher galt: Erst bei rund vier Grad Erwärmung droht das Golfstrom-System zu kippen. Eine neue Studie aus Utrecht halbiert diesen Wert. Bei dem Tempo, mit dem die Welt derzeit CO₂ ausstößt, könnte der Kollaps schon bei etwa zwei Grad einsetzen.

Für Europa steht viel auf dem Spiel. Die Strömung wirkt wie eine Fernheizung für den Kontinent. Fällt sie aus, drohen deutlich kältere Winter – mitten in einer Welt, die sich weiter aufheizt.

Zwei statt vier Grad: Das Tempo der Erwärmung entscheidet

Forscher um René van Westen und Henk Dijkstra von der Universität Utrecht haben ihre Ergebnisse im August im Fachjournal Nature Climate Change veröffentlicht.

Steigt der CO₂-Gehalt der Luft langsam, bleibt die Strömung im Modell selbst bei fünf Grad Erwärmung stabil. Steigt er so schnell wie heute, um rund 2,5 ppm pro Jahr, setzt der Kollaps bereits bei etwa zwei Grad ein.

Es kommt also nicht nur darauf an, wie warm es wird. Sondern wie schnell.

Kritisch wird es laut der Studie ab rund 0,3 Grad Erwärmung pro Jahrzehnt. Diesem Tempo nähert sich die Welt bereits. Bei schneller Erwärmung komme der Ozean schlicht nicht hinterher, erklärt Dijkstra. Die Forscher räumen ein, dass sich die Schwellen aus ihrem Modell nicht eins zu eins auf das echte Meer übertragen lassen.

Europas Fernheizung: So funktioniert das Golfstrom-System

Fachleute sprechen von der Atlantischen Umwälzzirkulation, kurz AMOC. Der Golfstrom vor der US-Ostküste ist nur ein Teil davon.

Warmes, salziges Wasser fließt aus den Tropen nach Norden, kühlt vor Grönland ab, wird schwer und sinkt in die Tiefe. Von dort strömt es zurück nach Süden.

Dieses Absinken treibt das System an. Doch Grönlands Eis schmilzt, Süßwasser strömt ins Meer. Es ist leichter als Salzwasser und sinkt schlechter ab.

51 Prozent schwächer: Die düstersten Modelle liegen richtig

Ein Team um Valentin Portmann vom französischen Forschungsinstitut Inria hat Klimamodelle mit Messdaten abgeglichen. Ergebnis in Science Advances: Bei mittleren Emissionen verliert die AMOC bis 2100 rund 51 Prozent ihrer Stärke, bisher ging das Mittel der Modelle von 32 Prozent aus.

Portmann sagte dem Guardian, er fürchte, der Kipppunkt werde schon um die Mitte des Jahrhunderts überschritten.

Auch Messungen zeigen in diese Richtung. Ein Team der University of Miami fand im April an vier Stationen am Westrand des Atlantiks einen Rückgang der Tiefenströmung über knapp zwei Jahrzehnte.

Schon zu spät? Studie sieht bis zu 23 Prozent Risiko

Forscher um Philip Holden von der britischen Open University haben berechnet, wie wahrscheinlich es ist, dass der Zusammenbruch schon nicht mehr abzuwenden ist, selbst wenn die Erwärmung sofort stoppen würde.
Je nach Schmelzwassermenge aus Grönland kommen sie auf 10 bis 23 Prozent. Im schlimmsten Emissionsszenario steigt das Kollaps-Risiko bis 2100 auf 80 Prozent. Die Arbeit ist allerdings noch nicht von Fachkollegen begutachtet.

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Droht der Eiswinter schon dieses Jahr?

Nein. Selbst nach einem Kipppunkt würde sich der Zusammenbruch über Jahrzehnte hinziehen.

Der Weltklimarat hält einen abrupten Kollaps vor 2100 weiterhin für sehr unwahrscheinlich, allerdings nur mit mittlerer Sicherheit. Direkt gemessen wird die Strömung erst seit 2004.

Island nimmt die Gefahr trotzdem ernst. Das Land stuft einen möglichen Kollaps seit November 2025 als Bedrohung der nationalen Sicherheit ein. Im April forderte sein Klimarat schärfere Emissionsziele, begründet mit Projektionen von rund 50 Prozent Abschwächung bis zum Ende des Jahrhunderts.

Die Utrechter Forscher ziehen aus ihrer Studie eine klare Konsequenz: Die Politik solle das Tempo der Erwärmung als eigenes Klimaziel festschreiben. Selbst ein vorübergehendes Überschreiten der Klimaziele könne den Kipppunkt auslösen. Als kritische Marke nennen sie 0,3 Grad Erwärmung pro Jahrzehnt.

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